Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 2. Chemnitz, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite
Auf den glückseligen Inseln.


Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut
und süss; und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe
Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu,
meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses
Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und
Nachmittag.

Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem
Überflusse heraus ist es schön hinaus zu blicken auf
ferne Meere.

Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere
blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: Übermensch.

Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass
euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffen¬
der Wille.

Könntet ihr einen Gott schaffen? -- So schweigt
mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr
den Übermenschen schaffen.

Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber
zu Vätern und Vorfahren könntet ihr euch um¬
schaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes
Schaffen! --

Auf den glückseligen Inseln.


Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut
und süss; und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe
Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu,
meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses
Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und
Nachmittag.

Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem
Überflusse heraus ist es schön hinaus zu blicken auf
ferne Meere.

Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere
blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: Übermensch.

Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass
euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffen¬
der Wille.

Könntet ihr einen Gott schaffen? — So schweigt
mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr
den Übermenschen schaffen.

Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber
zu Vätern und Vorfahren könntet ihr euch um¬
schaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes
Schaffen! —

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0015" n="5"/>
      <div n="1">
        <head>Auf den glückseligen Inseln.<lb/></head>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <p>Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut<lb/>
und süss; und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe<lb/>
Haut. Ein <choice><sic>Nordwird</sic><corr>Nordwind</corr></choice> bin ich reifen Feigen.</p><lb/>
        <p>Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu,<lb/>
meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses<lb/>
Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und<lb/>
Nachmittag.</p><lb/>
        <p>Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem<lb/>
Überflusse heraus ist es schön hinaus zu blicken auf<lb/>
ferne Meere.</p><lb/>
        <p>Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere<lb/>
blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: Übermensch.</p><lb/>
        <p>Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass<lb/>
euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffen¬<lb/>
der Wille.</p><lb/>
        <p>Könntet ihr einen Gott <hi rendition="#g">schaffen</hi>? &#x2014; So schweigt<lb/>
mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr<lb/>
den Übermenschen schaffen.</p><lb/>
        <p>Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber<lb/>
zu Vätern und Vorfahren könntet ihr euch um¬<lb/>
schaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes<lb/>
Schaffen! &#x2014;</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[5/0015] Auf den glückseligen Inseln. Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss; und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen. Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag. Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem Überflusse heraus ist es schön hinaus zu blicken auf ferne Meere. Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: Übermensch. Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffen¬ der Wille. Könntet ihr einen Gott schaffen? — So schweigt mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr den Übermenschen schaffen. Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und Vorfahren könntet ihr euch um¬ schaffen des Übermenschen: und Diess sei euer bestes Schaffen! —

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883/15
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 2. Chemnitz, 1883, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883/15>, abgerufen am 22.05.2019.