Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite

es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die
Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind
und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des
rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr
der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich
lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possen¬
reisser. Dein Glück war es, dass du dich dem todten
Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast
du dich selber für heute errettet. Geh aber fort
aus dieser Stadt -- oder morgen springe ich über
dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten." Und
als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch;
Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen
Gassen.

Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todten¬
gräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel in's Gesicht,
erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn.
"Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass
Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere
Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zara¬
thustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun
wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur
nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathu¬
stra! -- er stiehlt sie Beide, er frisst sie Beide!"
Und sie lachten mit einander und steckten die Köpfe
zusammen.

Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines
Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an
Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das
hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber

es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die
Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind
und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des
rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr
der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich
lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possen¬
reisser. Dein Glück war es, dass du dich dem todten
Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast
du dich selber für heute errettet. Geh aber fort
aus dieser Stadt — oder morgen springe ich über
dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten.“ Und
als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch;
Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen
Gassen.

Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todten¬
gräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel in's Gesicht,
erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn.
„Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass
Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere
Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zara¬
thustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun
wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur
nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathu¬
stra! — er stiehlt sie Beide, er frisst sie Beide!“
Und sie lachten mit einander und steckten die Köpfe
zusammen.

Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines
Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an
Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das
hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0027" n="21"/>
es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die<lb/>
Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind<lb/>
und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des<lb/>
rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr<lb/>
der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich<lb/>
lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possen¬<lb/>
reisser. Dein Glück war es, dass du dich dem todten<lb/>
Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast<lb/>
du dich selber für heute errettet. Geh aber fort<lb/>
aus dieser Stadt &#x2014; oder morgen springe ich über<lb/>
dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten.&#x201C; Und<lb/>
als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch;<lb/>
Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen<lb/>
Gassen.</p><lb/>
          <p>Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todten¬<lb/>
gräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel in's Gesicht,<lb/>
erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn.<lb/>
&#x201E;Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass<lb/>
Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere<lb/>
Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zara¬<lb/>
thustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun<lb/>
wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur<lb/>
nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathu¬<lb/>
stra! &#x2014; er stiehlt sie Beide, er frisst sie Beide!&#x201C;<lb/>
Und sie lachten mit einander und steckten die Köpfe<lb/>
zusammen.</p><lb/>
          <p>Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines<lb/>
Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an<lb/>
Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das<lb/>
hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0027] es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possen¬ reisser. Dein Glück war es, dass du dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt — oder morgen springe ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten.“ Und als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen Gassen. Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todten¬ gräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel in's Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn. „Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zara¬ thustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathu¬ stra! — er stiehlt sie Beide, er frisst sie Beide!“ Und sie lachten mit einander und steckten die Köpfe zusammen. Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883/27
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra01_1883/27>, abgerufen am 20.05.2019.