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Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876.

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definiren. Wenn man auch nur einige, etwa ein Dutzend, Schädel des
Hasen (gleichviel ob von unserem heimischen L. timidus, oder dem
L. caspicus, oder von einer andern Form) vergleicht, ergeben sich in
Bezug auf die Kontur des vordern Randes der Nasenbeine und die
Stellung des lateralen Randes derselben zum Zwischenkiefer so viele
Schwankungen, dass man die frühere Angabe von Blasius nicht auf-
recht erhalten kann; ebenso bei dem Vergleich einiger Dutzend wilder
und verschiedener Rassen von zahmen Kaninchen. Die überdem so wenig
präzise Angabe Hrn. Zürn's, dass die Leporiden sich in den be-
sprochenen Verhältnissen "entschieden an den Hasenschädel annähern",
hat demnach keine Bedeutung, denn bei Vergleichung einer hinreichen-
den Zahl von Individuen ist eine konstante Differenz zwischen Hasen
und Kaninchen in dieser Beziehung nicht vorhanden.

-- "Dem Hasenschädel fehlt das Sichelbein (os falciforme). -- Der
Kaninchenschädel besitzt (auch bei den ältesten Kaninchen) ein vom
Hinterhauptsbein und den nach vorwärts gelegenen Schädelknochen
durch Naht getrenntes Sichelbein." (Seite 102.)

Wenn ich nicht irre, ist diese Behauptung in dieser Form zuerst
von Hrn. Zürn aufgestellt. Hr. Krause (Anatomie des Kaninchens,
Seite 46) sagt, dass beim Hasen das Interparietale bald nach der Ge-
burt mit dem Hinterhauptsbein verschmelze. Owen (Anatomy of verebr.
1866, II. 367) bezeichnet die square platform des Hinterhaupts des
Hasen als "originally a distinct interparietal".

Es ist hier nicht der Ort, die Bedeutung des Zwischenscheitel-
beins im Allgemeinen zu erörten, wenn man aber die Bedeutung des-
selben in der Familie der Leporina und die grosse Uebereinstimmung
der Form der Schädel aller Arten derselben erkannt hat, so erscheint
es vorweg unzulässig, bei dem Hasen vom Fehlen dieses Knochens, im
Gegensatz zum Vorhandensein beim Kaninchen, zu sprechen. Man kann
sich der üblichen Terminologie der Veterinär-Anatomen anschliessen, vom
Fehlen des Zwischenscheitelbeins beim Rind zu sprechen, wo es im
Fötalleben bereits verschwindet; aber beim Vergleich so ähnlicher For-
men, wie Hasen- und Kaninchenschädel sind, dem einen diesen Schädel-
theil zu-, dem andern abzusprechen, ist offenbar nicht zulässig und
verwirrend.

Thatsächlich aber ist bei allen jungen Hasen das Zwischenscheitel-
bein als selbstständiger Schädeltheil vorhanden; als solcher erhält er sich
auch nicht selten bei dem erwachsenen Thier (z. B. No. 1172 meiner
Sammlung, Schädel von 73,5 mm. Basilarlänge, u. A.), verwächst zu-
nächst mit den Scheitelbeinen, so dass er bei der Mazeration des
Schädels mit diesen verbunden bleibt, wenn auch auf der Oberfläche
die Naht sehr oft noch unzweideutig zu erkennen ist. Erst nachdem
bei dem älteren Thier die Oberfläche der Occipitalgegend die dem Hasen-
schädel eigenthümliche Rauhigkeit und Porosität erlangt hat, wird auch

definiren. Wenn man auch nur einige, etwa ein Dutzend, Schädel des
Hasen (gleichviel ob von unserem heimischen L. timidus, oder dem
L. caspicus, oder von einer andern Form) vergleicht, ergeben sich in
Bezug auf die Kontur des vordern Randes der Nasenbeine und die
Stellung des lateralen Randes derselben zum Zwischenkiefer so viele
Schwankungen, dass man die frühere Angabe von Blasius nicht auf-
recht erhalten kann; ebenso bei dem Vergleich einiger Dutzend wilder
und verschiedener Rassen von zahmen Kaninchen. Die überdem so wenig
präzise Angabe Hrn. Zürn’s, dass die Leporiden sich in den be-
sprochenen Verhältnissen „entschieden an den Hasenschädel annähern“,
hat demnach keine Bedeutung, denn bei Vergleichung einer hinreichen-
den Zahl von Individuen ist eine konstante Differenz zwischen Hasen
und Kaninchen in dieser Beziehung nicht vorhanden.

— „Dem Hasenschädel fehlt das Sichelbein (os falciforme). — Der
Kaninchenschädel besitzt (auch bei den ältesten Kaninchen) ein vom
Hinterhauptsbein und den nach vorwärts gelegenen Schädelknochen
durch Naht getrenntes Sichelbein.“ (Seite 102.)

Wenn ich nicht irre, ist diese Behauptung in dieser Form zuerst
von Hrn. Zürn aufgestellt. Hr. Krause (Anatomie des Kaninchens,
Seite 46) sagt, dass beim Hasen das Interparietale bald nach der Ge-
burt mit dem Hinterhauptsbein verschmelze. Owen (Anatomy of verebr.
1866, II. 367) bezeichnet die square platform des Hinterhaupts des
Hasen als „originally a distinct interparietal“.

Es ist hier nicht der Ort, die Bedeutung des Zwischenscheitel-
beins im Allgemeinen zu erörten, wenn man aber die Bedeutung des-
selben in der Familie der Leporina und die grosse Uebereinstimmung
der Form der Schädel aller Arten derselben erkannt hat, so erscheint
es vorweg unzulässig, bei dem Hasen vom Fehlen dieses Knochens, im
Gegensatz zum Vorhandensein beim Kaninchen, zu sprechen. Man kann
sich der üblichen Terminologie der Veterinär-Anatomen anschliessen, vom
Fehlen des Zwischenscheitelbeins beim Rind zu sprechen, wo es im
Fötalleben bereits verschwindet; aber beim Vergleich so ähnlicher For-
men, wie Hasen- und Kaninchenschädel sind, dem einen diesen Schädel-
theil zu-, dem andern abzusprechen, ist offenbar nicht zulässig und
verwirrend.

Thatsächlich aber ist bei allen jungen Hasen das Zwischenscheitel-
bein als selbstständiger Schädeltheil vorhanden; als solcher erhält er sich
auch nicht selten bei dem erwachsenen Thier (z. B. No. 1172 meiner
Sammlung, Schädel von 73,5 mm. Basilarlänge, u. A.), verwächst zu-
nächst mit den Scheitelbeinen, so dass er bei der Mazeration des
Schädels mit diesen verbunden bleibt, wenn auch auf der Oberfläche
die Naht sehr oft noch unzweideutig zu erkennen ist. Erst nachdem
bei dem älteren Thier die Oberfläche der Occipitalgegend die dem Hasen-
schädel eigenthümliche Rauhigkeit und Porosität erlangt hat, wird auch

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[27/0035] definiren. Wenn man auch nur einige, etwa ein Dutzend, Schädel des Hasen (gleichviel ob von unserem heimischen L. timidus, oder dem L. caspicus, oder von einer andern Form) vergleicht, ergeben sich in Bezug auf die Kontur des vordern Randes der Nasenbeine und die Stellung des lateralen Randes derselben zum Zwischenkiefer so viele Schwankungen, dass man die frühere Angabe von Blasius nicht auf- recht erhalten kann; ebenso bei dem Vergleich einiger Dutzend wilder und verschiedener Rassen von zahmen Kaninchen. Die überdem so wenig präzise Angabe Hrn. Zürn’s, dass die Leporiden sich in den be- sprochenen Verhältnissen „entschieden an den Hasenschädel annähern“, hat demnach keine Bedeutung, denn bei Vergleichung einer hinreichen- den Zahl von Individuen ist eine konstante Differenz zwischen Hasen und Kaninchen in dieser Beziehung nicht vorhanden. — „Dem Hasenschädel fehlt das Sichelbein (os falciforme). — Der Kaninchenschädel besitzt (auch bei den ältesten Kaninchen) ein vom Hinterhauptsbein und den nach vorwärts gelegenen Schädelknochen durch Naht getrenntes Sichelbein.“ (Seite 102.) Wenn ich nicht irre, ist diese Behauptung in dieser Form zuerst von Hrn. Zürn aufgestellt. Hr. Krause (Anatomie des Kaninchens, Seite 46) sagt, dass beim Hasen das Interparietale bald nach der Ge- burt mit dem Hinterhauptsbein verschmelze. Owen (Anatomy of verebr. 1866, II. 367) bezeichnet die square platform des Hinterhaupts des Hasen als „originally a distinct interparietal“. Es ist hier nicht der Ort, die Bedeutung des Zwischenscheitel- beins im Allgemeinen zu erörten, wenn man aber die Bedeutung des- selben in der Familie der Leporina und die grosse Uebereinstimmung der Form der Schädel aller Arten derselben erkannt hat, so erscheint es vorweg unzulässig, bei dem Hasen vom Fehlen dieses Knochens, im Gegensatz zum Vorhandensein beim Kaninchen, zu sprechen. Man kann sich der üblichen Terminologie der Veterinär-Anatomen anschliessen, vom Fehlen des Zwischenscheitelbeins beim Rind zu sprechen, wo es im Fötalleben bereits verschwindet; aber beim Vergleich so ähnlicher For- men, wie Hasen- und Kaninchenschädel sind, dem einen diesen Schädel- theil zu-, dem andern abzusprechen, ist offenbar nicht zulässig und verwirrend. Thatsächlich aber ist bei allen jungen Hasen das Zwischenscheitel- bein als selbstständiger Schädeltheil vorhanden; als solcher erhält er sich auch nicht selten bei dem erwachsenen Thier (z. B. No. 1172 meiner Sammlung, Schädel von 73,5 mm. Basilarlänge, u. A.), verwächst zu- nächst mit den Scheitelbeinen, so dass er bei der Mazeration des Schädels mit diesen verbunden bleibt, wenn auch auf der Oberfläche die Naht sehr oft noch unzweideutig zu erkennen ist. Erst nachdem bei dem älteren Thier die Oberfläche der Occipitalgegend die dem Hasen- schädel eigenthümliche Rauhigkeit und Porosität erlangt hat, wird auch

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Zitationshilfe: Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/35>, abgerufen am 19.07.2019.