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Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876.

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nachdem, etwas mehr oder weniger deutlich. Am isolirten Zahn ergiebt
sich keine Differenz, welche zu einer spezifischen Diagnose berechtigt.

Auch diese vermeintliche Differenz ist demnach für die Vergleichung
zwischen Hasen und Kaninchen nicht brauchbar.

3) Die folgende Angabe bezieht sich auf den 5. Backzahn des
Oberkiefers. Die letzte Schmelzschlinge desselben soll beim Hasen
kürzer sein als die vordere, beim Kaninchen sollen beide Schmelz-
schlingen in der Breite "kaum merklich" von einander abweichen. (Bla-
sius l. c. 413 und 426.)

Auch dieser Unterschied bewährt sich bei Vergleichung mehrerer
Gebisse nicht. Mir liegen Hasenschädel vor (z. B. No. 623. 1056.
1057 u. s. w.), bei denen beide Schmelzschlingen nach aussen gleichweit
hervortreten, und Kaninchen (No. 625. 626. 632. 1202. 1640. 1858), bei
denen die hintere Schmelzschlinge sehr merklich kürzer ist als die
vordere. Sollte sich nun bei erweiterten Beobachtungen auch ergeben,
dass im Durchschnitt grosser Zahlen eine Differenz besteht, so ist doch
unzweifelhaft evident, dass die nicht seltenen Variationen verbieten, den
angeblichen Unterschied als einen solchen zu betrachten, welcher bei
vorliegender Frage zu verwerthen ist, so lange nicht etwa bei den
Stammältern individuelle Familien- oder Rassen-Differenzen nachgewiesen
werden können.

4) "Der letzte untere Backzahn aussen zweikantig, innen einkantig
oder nur schwach angedeutet zweikantig" beim Hasen; "nach innen
zweikantig, nach aussen nur undeutlich zweikantig" beim Kaninchen.

Von dieser Unterscheidung gilt ganz besonders das, was oben über
die Beziehungen der Beschreibung von Blasius zu dem Schneehasen
gesagt ist; für diesen letzten lautet die Angabe von Blasius (S. 421):
"Beide Schmelzröhren nach innen und aussen deutlich durch eine Ein-
bucht von einander getrennt, nach beiden Seiten deutlich zweikantig."

An einigen Schädeln des L. variabilis, welche ich von Nager er-
halten hatte, verhielt es sich allerdings so, und es erschien uns damals
ein Kennzeichen für diese Art im Gegensatz zu L. timidus. Später
erhielt ich vom St. Gotthard Schädel des Schneehasen, an welchen die
Trennung der Schmelzröhren nicht deutlich ist (z. B. 1642).

Nachdem ich jetzt die mir zur Zeit vorliegenden 61 Schädel revidire,
finde ich, dass eine Konstanz der Form, wie die Angabe von Blasius
sie voraussetzt, in Bezug auf diesen hinteren untern Backzahn keines-
wegs besteht.

Es geht die Unsicherheit des Merkmals übrigens schon aus den
bedenklichen Worten "oder" und "nur undeutlich" hervor.

Die relative Grösse der vordern und hintern Schmelzröhren variirt,
ebenso die Richtung der sagittalen Achsen derselben, d. h. die sagittale
Achse der vordern, grössern Schmelzröhren fällt nicht immer in die
Fortsetzung derselben der kleinern hintern Schmelzröhre; damit ergiebt

nachdem, etwas mehr oder weniger deutlich. Am isolirten Zahn ergiebt
sich keine Differenz, welche zu einer spezifischen Diagnose berechtigt.

Auch diese vermeintliche Differenz ist demnach für die Vergleichung
zwischen Hasen und Kaninchen nicht brauchbar.

3) Die folgende Angabe bezieht sich auf den 5. Backzahn des
Oberkiefers. Die letzte Schmelzschlinge desselben soll beim Hasen
kürzer sein als die vordere, beim Kaninchen sollen beide Schmelz-
schlingen in der Breite „kaum merklich“ von einander abweichen. (Bla-
sius l. c. 413 und 426.)

Auch dieser Unterschied bewährt sich bei Vergleichung mehrerer
Gebisse nicht. Mir liegen Hasenschädel vor (z. B. No. 623. 1056.
1057 u. s. w.), bei denen beide Schmelzschlingen nach aussen gleichweit
hervortreten, und Kaninchen (No. 625. 626. 632. 1202. 1640. 1858), bei
denen die hintere Schmelzschlinge sehr merklich kürzer ist als die
vordere. Sollte sich nun bei erweiterten Beobachtungen auch ergeben,
dass im Durchschnitt grosser Zahlen eine Differenz besteht, so ist doch
unzweifelhaft evident, dass die nicht seltenen Variationen verbieten, den
angeblichen Unterschied als einen solchen zu betrachten, welcher bei
vorliegender Frage zu verwerthen ist, so lange nicht etwa bei den
Stammältern individuelle Familien- oder Rassen-Differenzen nachgewiesen
werden können.

4) „Der letzte untere Backzahn aussen zweikantig, innen einkantig
oder nur schwach angedeutet zweikantig“ beim Hasen; „nach innen
zweikantig, nach aussen nur undeutlich zweikantig“ beim Kaninchen.

Von dieser Unterscheidung gilt ganz besonders das, was oben über
die Beziehungen der Beschreibung von Blasius zu dem Schneehasen
gesagt ist; für diesen letzten lautet die Angabe von Blasius (S. 421):
„Beide Schmelzröhren nach innen und aussen deutlich durch eine Ein-
bucht von einander getrennt, nach beiden Seiten deutlich zweikantig.“

An einigen Schädeln des L. variabilis, welche ich von Nager er-
halten hatte, verhielt es sich allerdings so, und es erschien uns damals
ein Kennzeichen für diese Art im Gegensatz zu L. timidus. Später
erhielt ich vom St. Gotthard Schädel des Schneehasen, an welchen die
Trennung der Schmelzröhren nicht deutlich ist (z. B. 1642).

Nachdem ich jetzt die mir zur Zeit vorliegenden 61 Schädel revidire,
finde ich, dass eine Konstanz der Form, wie die Angabe von Blasius
sie voraussetzt, in Bezug auf diesen hinteren untern Backzahn keines-
wegs besteht.

Es geht die Unsicherheit des Merkmals übrigens schon aus den
bedenklichen Worten „oder“ und „nur undeutlich“ hervor.

Die relative Grösse der vordern und hintern Schmelzröhren variirt,
ebenso die Richtung der sagittalen Achsen derselben, d. h. die sagittale
Achse der vordern, grössern Schmelzröhren fällt nicht immer in die
Fortsetzung derselben der kleinern hintern Schmelzröhre; damit ergiebt

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[23/0031] nachdem, etwas mehr oder weniger deutlich. Am isolirten Zahn ergiebt sich keine Differenz, welche zu einer spezifischen Diagnose berechtigt. Auch diese vermeintliche Differenz ist demnach für die Vergleichung zwischen Hasen und Kaninchen nicht brauchbar. 3) Die folgende Angabe bezieht sich auf den 5. Backzahn des Oberkiefers. Die letzte Schmelzschlinge desselben soll beim Hasen kürzer sein als die vordere, beim Kaninchen sollen beide Schmelz- schlingen in der Breite „kaum merklich“ von einander abweichen. (Bla- sius l. c. 413 und 426.) Auch dieser Unterschied bewährt sich bei Vergleichung mehrerer Gebisse nicht. Mir liegen Hasenschädel vor (z. B. No. 623. 1056. 1057 u. s. w.), bei denen beide Schmelzschlingen nach aussen gleichweit hervortreten, und Kaninchen (No. 625. 626. 632. 1202. 1640. 1858), bei denen die hintere Schmelzschlinge sehr merklich kürzer ist als die vordere. Sollte sich nun bei erweiterten Beobachtungen auch ergeben, dass im Durchschnitt grosser Zahlen eine Differenz besteht, so ist doch unzweifelhaft evident, dass die nicht seltenen Variationen verbieten, den angeblichen Unterschied als einen solchen zu betrachten, welcher bei vorliegender Frage zu verwerthen ist, so lange nicht etwa bei den Stammältern individuelle Familien- oder Rassen-Differenzen nachgewiesen werden können. 4) „Der letzte untere Backzahn aussen zweikantig, innen einkantig oder nur schwach angedeutet zweikantig“ beim Hasen; „nach innen zweikantig, nach aussen nur undeutlich zweikantig“ beim Kaninchen. Von dieser Unterscheidung gilt ganz besonders das, was oben über die Beziehungen der Beschreibung von Blasius zu dem Schneehasen gesagt ist; für diesen letzten lautet die Angabe von Blasius (S. 421): „Beide Schmelzröhren nach innen und aussen deutlich durch eine Ein- bucht von einander getrennt, nach beiden Seiten deutlich zweikantig.“ An einigen Schädeln des L. variabilis, welche ich von Nager er- halten hatte, verhielt es sich allerdings so, und es erschien uns damals ein Kennzeichen für diese Art im Gegensatz zu L. timidus. Später erhielt ich vom St. Gotthard Schädel des Schneehasen, an welchen die Trennung der Schmelzröhren nicht deutlich ist (z. B. 1642). Nachdem ich jetzt die mir zur Zeit vorliegenden 61 Schädel revidire, finde ich, dass eine Konstanz der Form, wie die Angabe von Blasius sie voraussetzt, in Bezug auf diesen hinteren untern Backzahn keines- wegs besteht. Es geht die Unsicherheit des Merkmals übrigens schon aus den bedenklichen Worten „oder“ und „nur undeutlich“ hervor. Die relative Grösse der vordern und hintern Schmelzröhren variirt, ebenso die Richtung der sagittalen Achsen derselben, d. h. die sagittale Achse der vordern, grössern Schmelzröhren fällt nicht immer in die Fortsetzung derselben der kleinern hintern Schmelzröhre; damit ergiebt

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Zitationshilfe: Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/31>, abgerufen am 19.07.2019.