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Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876.

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15. Februar 1867 zuerst 3, im April eins, und dann alle 6--8 Wochen
2--3, im Ganzen über 20 Bastarde zur Welt brachte. Von den ältesten
Bastarden wurden schon im Juli 1867 zwei Nachkommen geboren. Seit-
dem sind von dieser zweiten Generation über 30, von der dritten und
vierten Generation, die nicht mehr streng geschieden wurden, eine gleiche
Zahl geboren.

Es handelt sich für die Kritik durchaus nicht um die Person des
Hrn. Conrad und dessen unbedingte Glaubwürdigkeit; ich würde das
als selbstverständlich gar nicht erwähnen, wenn nicht durch eine Kontro-
verse zwischen den Herren Dorn und Zürn (in den Blättern für
Kaninchenzucht 1875 No. 9. 10 u. s. f.) die Personalien des Hrn. Con-
rad
in die Sache eingemischt wären.

Die Kritik hat in diesem Fall eine andere Aufgabe.

Der Stand der Frage war zu jener Zeit so:

Nachdem viele Versuche, von Buffon an, von genauen und in
jeder Hinsicht orientirten Forschern erfolglos gewesen waren, kannte
man nur zwei Fälle von gelungener Bastardzucht zwischen Hasen und
Kaninchen: den von Amoretti von 1780 und den von Thursfield
von 1831. Die Möglichkeit der Bastardirung war nachgewiesen, nicht
viel mehr; die Frage nach der unbedingten Fruchtbarkeit der Bastarde
war unerledigt, nachdem Hrn. Broca das Unglück mit seinem Gewährs-
mann passirt war.

Meinungen, Vermuthungen standen sich gegenüber, Thatsachen von
wissenschaftlichem Werth lagen nicht vor.

Wenn in dieser Periode Jemand, gleichviel wer, die "Erledigung
der Leporidenfrage" behauptete, dann hatte die Wissenschaft, bei der
grossen Bedeutung der Sache, das Recht, der Autor aber die Pflicht,
volle Aufklärung zu verlangen und zu geben.

Das war durch Hrn. Conrad's, so viel ich weiss einzige, Mitthei-
lung nicht geschehen. Es ist darin nicht gesagt, dass die Versuche von

Hrn. Conrad selbst, oder einem andern wissenschaftlich zuver-
lässigen Beobachter, unausgesetzt kontrolirt sind, ob alle Vorsichts-
massregeln getroffen sind, dass die Thiere stets abgesondert gehalten
sind, dass die Möglichkeit einer Vermischung vollständig ausge-
schlossen war -- mit einem Wort, dass das Vorgehen, von Anfang bis
zu Ende, den Charakter eines exakten, wissenschaftlichen Experiments
gehabt habe. Es musste ferner verlangt werden, dass solche Fragen,
welche nur während des Versuchs zur Beantwortung kommen konnten,
wenigstens aufgeworfen waren, und dass deren Bedeutung dem Ver-
suchsansteller bewusst gewesen war. Dahin gehört unter Anderm, wie
es sich mit den spezifischen Differenzen beider Aeltern in Bezug auf die
Entwicklung gleich nach der Geburt und die wesentlichen Eigenthüm-
lichkeiten der Lebensart verhalten hat.

Es waren in jener Periode bereits Hrn. Darwin's oben besprochene

15. Februar 1867 zuerst 3, im April eins, und dann alle 6—8 Wochen
2—3, im Ganzen über 20 Bastarde zur Welt brachte. Von den ältesten
Bastarden wurden schon im Juli 1867 zwei Nachkommen geboren. Seit-
dem sind von dieser zweiten Generation über 30, von der dritten und
vierten Generation, die nicht mehr streng geschieden wurden, eine gleiche
Zahl geboren.

Es handelt sich für die Kritik durchaus nicht um die Person des
Hrn. Conrad und dessen unbedingte Glaubwürdigkeit; ich würde das
als selbstverständlich gar nicht erwähnen, wenn nicht durch eine Kontro-
verse zwischen den Herren Dorn und Zürn (in den Blättern für
Kaninchenzucht 1875 No. 9. 10 u. s. f.) die Personalien des Hrn. Con-
rad
in die Sache eingemischt wären.

Die Kritik hat in diesem Fall eine andere Aufgabe.

Der Stand der Frage war zu jener Zeit so:

Nachdem viele Versuche, von Buffon an, von genauen und in
jeder Hinsicht orientirten Forschern erfolglos gewesen waren, kannte
man nur zwei Fälle von gelungener Bastardzucht zwischen Hasen und
Kaninchen: den von Amoretti von 1780 und den von Thursfield
von 1831. Die Möglichkeit der Bastardirung war nachgewiesen, nicht
viel mehr; die Frage nach der unbedingten Fruchtbarkeit der Bastarde
war unerledigt, nachdem Hrn. Broca das Unglück mit seinem Gewährs-
mann passirt war.

Meinungen, Vermuthungen standen sich gegenüber, Thatsachen von
wissenschaftlichem Werth lagen nicht vor.

Wenn in dieser Periode Jemand, gleichviel wer, die „Erledigung
der Leporidenfrage“ behauptete, dann hatte die Wissenschaft, bei der
grossen Bedeutung der Sache, das Recht, der Autor aber die Pflicht,
volle Aufklärung zu verlangen und zu geben.

Das war durch Hrn. Conrad’s, so viel ich weiss einzige, Mitthei-
lung nicht geschehen. Es ist darin nicht gesagt, dass die Versuche von

Hrn. Conrad selbst, oder einem andern wissenschaftlich zuver-
lässigen Beobachter, unausgesetzt kontrolirt sind, ob alle Vorsichts-
massregeln getroffen sind, dass die Thiere stets abgesondert gehalten
sind, dass die Möglichkeit einer Vermischung vollständig ausge-
schlossen war — mit einem Wort, dass das Vorgehen, von Anfang bis
zu Ende, den Charakter eines exakten, wissenschaftlichen Experiments
gehabt habe. Es musste ferner verlangt werden, dass solche Fragen,
welche nur während des Versuchs zur Beantwortung kommen konnten,
wenigstens aufgeworfen waren, und dass deren Bedeutung dem Ver-
suchsansteller bewusst gewesen war. Dahin gehört unter Anderm, wie
es sich mit den spezifischen Differenzen beider Aeltern in Bezug auf die
Entwicklung gleich nach der Geburt und die wesentlichen Eigenthüm-
lichkeiten der Lebensart verhalten hat.

Es waren in jener Periode bereits Hrn. Darwin’s oben besprochene

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[18/0026] 15. Februar 1867 zuerst 3, im April eins, und dann alle 6—8 Wochen 2—3, im Ganzen über 20 Bastarde zur Welt brachte. Von den ältesten Bastarden wurden schon im Juli 1867 zwei Nachkommen geboren. Seit- dem sind von dieser zweiten Generation über 30, von der dritten und vierten Generation, die nicht mehr streng geschieden wurden, eine gleiche Zahl geboren. Es handelt sich für die Kritik durchaus nicht um die Person des Hrn. Conrad und dessen unbedingte Glaubwürdigkeit; ich würde das als selbstverständlich gar nicht erwähnen, wenn nicht durch eine Kontro- verse zwischen den Herren Dorn und Zürn (in den Blättern für Kaninchenzucht 1875 No. 9. 10 u. s. f.) die Personalien des Hrn. Con- rad in die Sache eingemischt wären. Die Kritik hat in diesem Fall eine andere Aufgabe. Der Stand der Frage war zu jener Zeit so: Nachdem viele Versuche, von Buffon an, von genauen und in jeder Hinsicht orientirten Forschern erfolglos gewesen waren, kannte man nur zwei Fälle von gelungener Bastardzucht zwischen Hasen und Kaninchen: den von Amoretti von 1780 und den von Thursfield von 1831. Die Möglichkeit der Bastardirung war nachgewiesen, nicht viel mehr; die Frage nach der unbedingten Fruchtbarkeit der Bastarde war unerledigt, nachdem Hrn. Broca das Unglück mit seinem Gewährs- mann passirt war. Meinungen, Vermuthungen standen sich gegenüber, Thatsachen von wissenschaftlichem Werth lagen nicht vor. Wenn in dieser Periode Jemand, gleichviel wer, die „Erledigung der Leporidenfrage“ behauptete, dann hatte die Wissenschaft, bei der grossen Bedeutung der Sache, das Recht, der Autor aber die Pflicht, volle Aufklärung zu verlangen und zu geben. Das war durch Hrn. Conrad’s, so viel ich weiss einzige, Mitthei- lung nicht geschehen. Es ist darin nicht gesagt, dass die Versuche von Hrn. Conrad selbst, oder einem andern wissenschaftlich zuver- lässigen Beobachter, unausgesetzt kontrolirt sind, ob alle Vorsichts- massregeln getroffen sind, dass die Thiere stets abgesondert gehalten sind, dass die Möglichkeit einer Vermischung vollständig ausge- schlossen war — mit einem Wort, dass das Vorgehen, von Anfang bis zu Ende, den Charakter eines exakten, wissenschaftlichen Experiments gehabt habe. Es musste ferner verlangt werden, dass solche Fragen, welche nur während des Versuchs zur Beantwortung kommen konnten, wenigstens aufgeworfen waren, und dass deren Bedeutung dem Ver- suchsansteller bewusst gewesen war. Dahin gehört unter Anderm, wie es sich mit den spezifischen Differenzen beider Aeltern in Bezug auf die Entwicklung gleich nach der Geburt und die wesentlichen Eigenthüm- lichkeiten der Lebensart verhalten hat. Es waren in jener Periode bereits Hrn. Darwin’s oben besprochene

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Zitationshilfe: Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/26>, abgerufen am 18.10.2019.