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Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876.

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Eine der auffallendsten, vielleicht die bedeutungsvollste Differenz
zwischen Hasen und Kaninchen liegt in der Bildung der Vorderfüsse.
Ich werde darauf bei Besprechung der Arbeit des Hrn. Zürn näher
eingehen. (Seite 31.)

Offenbar steht diese Differenz in Beziehung zu der verschiedenen
Lebensart beider Thierarten.

Hat das Kaninchen einen eigenthümlichen Arm, weil es Höhlen
gräbt, oder gräbt es unterirdische Baue, weil es einen dazu geeigneten
Arm hat; im Gegensatz, macht der Hase nur sein einfaches, oberirdisches
Lager, weil er keinen Grabefuss hat, oder hat er einen solchen Fuss
nicht, weil er ihn nicht braucht? Mit andern Worten die alte Frage:
sind beide Thiere nach ihrer Art geschaffen oder haben sie sich von
selbst entwickelt, etwa so, dass ein besonders furchtsamer Urhase das
Bedürfniss fühlte, sich unterirdisch zu verbergen, oder ein besonders
kühnes Urkaninchen sich vermass, nur im Laufen seine Sicherheit zu
suchen.

Ich gehe nicht ein auf die Versuchung, diesen Fragen hier näher zu
treten, aber zu handgreiflich drängt sich folgende Betrachtung auf, um
sie mit Stillschweigen zu übergehen:

Das wilde Kaninchen hat, wie ich weiter unten nachweisen werde,
eigenthümlich gebaute Vorderfüsse, mit denen es in der Erde wühlt,
die zahmen Kaninchen haben ganz denselben Fuss. Unter
diesen giebt es Kulturrassen, welche in einer langen, unbestimmbaren
Reihe von Generationen, durch künstliche Haltung, am Graben so gut
wie gänzlich verhindert sind; selbst diese künstlichen Zuchten haben
genau dieselbe Fussbildung wie die wilden, "die Wirkung des Nicht-
gebrauchs
" ist nicht ersichtlich.

Diese durch Beobachtung nachgewiesene, klar vorliegende Konstanz
einer so wesentlichen Eigenthümlichkeit hat für meine Anschauung eine
tiefere Bedeutung als alle die bisher nachgewiesenen Variationen. Hr.
Darwin erwähnt dieselbe mit keinem Worte.



Conrad 1867.

Hr. Conrad veröffentlichte im Wochenblatte der "Annalen der
Landwirthschaft in den K. Preuss. Staaten" (1869, Seite 164) einen Auf-
satz: "Zur Erledigung der Leporidenfrage". Das Wesentliche der An-
gabe berichtet, dass im Juni 1866 eine grössere Anzahl 2--3 Wochen
alter Hasen mit Kaninchen der gewöhnlichen Stallhasenrasse, von ent-
sprechendem Alter und Geschlecht, zu je zwei zusammengesetzt wurden,
dass von diesen ein einziges Par übrig blieb, bestehend aus einem
weiblichen Kaninchen und einem männlichen Hasen, dass dieses am

Nathusius, Leporiden. 2

Eine der auffallendsten, vielleicht die bedeutungsvollste Differenz
zwischen Hasen und Kaninchen liegt in der Bildung der Vorderfüsse.
Ich werde darauf bei Besprechung der Arbeit des Hrn. Zürn näher
eingehen. (Seite 31.)

Offenbar steht diese Differenz in Beziehung zu der verschiedenen
Lebensart beider Thierarten.

Hat das Kaninchen einen eigenthümlichen Arm, weil es Höhlen
gräbt, oder gräbt es unterirdische Baue, weil es einen dazu geeigneten
Arm hat; im Gegensatz, macht der Hase nur sein einfaches, oberirdisches
Lager, weil er keinen Grabefuss hat, oder hat er einen solchen Fuss
nicht, weil er ihn nicht braucht? Mit andern Worten die alte Frage:
sind beide Thiere nach ihrer Art geschaffen oder haben sie sich von
selbst entwickelt, etwa so, dass ein besonders furchtsamer Urhase das
Bedürfniss fühlte, sich unterirdisch zu verbergen, oder ein besonders
kühnes Urkaninchen sich vermass, nur im Laufen seine Sicherheit zu
suchen.

Ich gehe nicht ein auf die Versuchung, diesen Fragen hier näher zu
treten, aber zu handgreiflich drängt sich folgende Betrachtung auf, um
sie mit Stillschweigen zu übergehen:

Das wilde Kaninchen hat, wie ich weiter unten nachweisen werde,
eigenthümlich gebaute Vorderfüsse, mit denen es in der Erde wühlt,
die zahmen Kaninchen haben ganz denselben Fuss. Unter
diesen giebt es Kulturrassen, welche in einer langen, unbestimmbaren
Reihe von Generationen, durch künstliche Haltung, am Graben so gut
wie gänzlich verhindert sind; selbst diese künstlichen Zuchten haben
genau dieselbe Fussbildung wie die wilden, „die Wirkung des Nicht-
gebrauchs
“ ist nicht ersichtlich.

Diese durch Beobachtung nachgewiesene, klar vorliegende Konstanz
einer so wesentlichen Eigenthümlichkeit hat für meine Anschauung eine
tiefere Bedeutung als alle die bisher nachgewiesenen Variationen. Hr.
Darwin erwähnt dieselbe mit keinem Worte.



Conrad 1867.

Hr. Conrad veröffentlichte im Wochenblatte der „Annalen der
Landwirthschaft in den K. Preuss. Staaten“ (1869, Seite 164) einen Auf-
satz: „Zur Erledigung der Leporidenfrage“. Das Wesentliche der An-
gabe berichtet, dass im Juni 1866 eine grössere Anzahl 2—3 Wochen
alter Hasen mit Kaninchen der gewöhnlichen Stallhasenrasse, von ent-
sprechendem Alter und Geschlecht, zu je zwei zusammengesetzt wurden,
dass von diesen ein einziges Par übrig blieb, bestehend aus einem
weiblichen Kaninchen und einem männlichen Hasen, dass dieses am

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[17/0025] Eine der auffallendsten, vielleicht die bedeutungsvollste Differenz zwischen Hasen und Kaninchen liegt in der Bildung der Vorderfüsse. Ich werde darauf bei Besprechung der Arbeit des Hrn. Zürn näher eingehen. (Seite 31.) Offenbar steht diese Differenz in Beziehung zu der verschiedenen Lebensart beider Thierarten. Hat das Kaninchen einen eigenthümlichen Arm, weil es Höhlen gräbt, oder gräbt es unterirdische Baue, weil es einen dazu geeigneten Arm hat; im Gegensatz, macht der Hase nur sein einfaches, oberirdisches Lager, weil er keinen Grabefuss hat, oder hat er einen solchen Fuss nicht, weil er ihn nicht braucht? Mit andern Worten die alte Frage: sind beide Thiere nach ihrer Art geschaffen oder haben sie sich von selbst entwickelt, etwa so, dass ein besonders furchtsamer Urhase das Bedürfniss fühlte, sich unterirdisch zu verbergen, oder ein besonders kühnes Urkaninchen sich vermass, nur im Laufen seine Sicherheit zu suchen. Ich gehe nicht ein auf die Versuchung, diesen Fragen hier näher zu treten, aber zu handgreiflich drängt sich folgende Betrachtung auf, um sie mit Stillschweigen zu übergehen: Das wilde Kaninchen hat, wie ich weiter unten nachweisen werde, eigenthümlich gebaute Vorderfüsse, mit denen es in der Erde wühlt, die zahmen Kaninchen haben ganz denselben Fuss. Unter diesen giebt es Kulturrassen, welche in einer langen, unbestimmbaren Reihe von Generationen, durch künstliche Haltung, am Graben so gut wie gänzlich verhindert sind; selbst diese künstlichen Zuchten haben genau dieselbe Fussbildung wie die wilden, „die Wirkung des Nicht- gebrauchs“ ist nicht ersichtlich. Diese durch Beobachtung nachgewiesene, klar vorliegende Konstanz einer so wesentlichen Eigenthümlichkeit hat für meine Anschauung eine tiefere Bedeutung als alle die bisher nachgewiesenen Variationen. Hr. Darwin erwähnt dieselbe mit keinem Worte. Conrad 1867. Hr. Conrad veröffentlichte im Wochenblatte der „Annalen der Landwirthschaft in den K. Preuss. Staaten“ (1869, Seite 164) einen Auf- satz: „Zur Erledigung der Leporidenfrage“. Das Wesentliche der An- gabe berichtet, dass im Juni 1866 eine grössere Anzahl 2—3 Wochen alter Hasen mit Kaninchen der gewöhnlichen Stallhasenrasse, von ent- sprechendem Alter und Geschlecht, zu je zwei zusammengesetzt wurden, dass von diesen ein einziges Par übrig blieb, bestehend aus einem weiblichen Kaninchen und einem männlichen Hasen, dass dieses am Nathusius, Leporiden. 2

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Zitationshilfe: Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/25>, abgerufen am 18.10.2019.