Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876.

Bild:
<< vorherige Seite

wilden Kaninchen, relativ länger und schmaler. Grosse Querfalten der
Haut am Halse. Enorme Verlängerung der Ohren; in einem Fall war
der Abstand beider Ohrspitzen von einander 22 Zoll, jedes Ohr 5 3/8 Zoll
breit. Die entsprechende Masse beim wilden Kaninchen 7 5/8 und 1 7/8 Zoll.
Die hasenfarbigen oder sogenannten belgischen Kaninchen unterscheiden
sich durch nichts als die Farbe von den andern grossen Rassen; sie
sollen nur sechs Zitzen haben, doch dem widersprechen andere Be-
obachter, welche die Zahl variabel gefunden haben.*) Das wilde Kanin-
chen habe immer 10 Zitzen. -- Angora- und eine aus Moskau erhaltene
Rasse haben langes und feines Seidenhaar. -- Die Farbe ist so wechselnd,
dass kaum jemals (Andere sagen: niemals) alle Jungen desselben Wurfes
von gleicher Farbe sind. Die Länge der Ohren wird nicht sicher vererbt.
Die Ohren sind oft asymmetrisch, auf einer Seite länger, breiter und hän-
gend, auf der andern kürzer, schmaler und aufrecht. -- Die eigenthümlich ge-
färbten sogenannten Himalaya-Kaninchen, welche von Bartlett als eigene
Art (Lepus nigripes. Proceed. zool. society 1857, tab. 56) abgebildet wurden,
sind später durch Kreuzung silbergrauer mit Chinchilla-Kaninchen erzeugt.
Ueber die mit dem zunehmenden Alter vorgehenden Farbenveränderungen
sind interessante Beobachtungen mitgetheilt. -- Ursprünglich zahme
Kaninchen nehmen keineswegs immer die Farbe der wilden an, wenn
sie verwildern. -- Eigenthümliches Verhalten der auf der Insel Porto
Santo verwilderten Kaninchen, dem Hr. Darwin eine besondere Be-
deutung beilegt.

Ich habe diese Auszüge in Kürze mitgetheilt, weil die meisten der
zahlreichen neueren Schriften über Kaninchen dieselben unberücksichtigt
lassen.

Hr. Darwin geht ferner näher ein auf die osteologischen
Eigenschaften. Vorweg hebt er hervor, dass die bedeutenderen Ver-
schiedenheiten keineswegs gewisse Rassen kennzeichnen, man könne nur
sagen, dass dieselben im Allgemeinen bei einzelnen Rassen vorhanden
sind. Wir können die Ursache der meisten Variationen des Skelets
nicht nachweisen, aber es sei evident, dass die Vergrösserung des Körpers
in eigenthümlicher Weise den Kopf beeinflusst hat. Selbst die Länge
der Ohren sei in geringem Masse von Einfluss auf den Schädel. Augen-
scheinlich sei die relative Länge der Gliedmassen durch
Mangel an Uebung derselben modifizirt
.

Ich finde aber nicht, dass die Variation in der relativen Länge der
Gliedmassen nachgewiesen ist. Hr. Darwin selbst spricht später aus,
dass das Verhältniss bei langohrigen fast ganz dasselbe geblieben sei wie
bei den wilden Kaninchen.

Hr. Darwin hat seine Untersuchungen auf die Schädel von 10 lang-

*) Ich habe bisher immer vier Paar Zitzen bei den verschiedenen Rassen gefunden.
Owen Anatomy vertebr. III. 776 nennt für den Hasen 10 Zitzen.

wilden Kaninchen, relativ länger und schmaler. Grosse Querfalten der
Haut am Halse. Enorme Verlängerung der Ohren; in einem Fall war
der Abstand beider Ohrspitzen von einander 22 Zoll, jedes Ohr 5⅜ Zoll
breit. Die entsprechende Masse beim wilden Kaninchen 7⅝ und 1⅞ Zoll.
Die hasenfarbigen oder sogenannten belgischen Kaninchen unterscheiden
sich durch nichts als die Farbe von den andern grossen Rassen; sie
sollen nur sechs Zitzen haben, doch dem widersprechen andere Be-
obachter, welche die Zahl variabel gefunden haben.*) Das wilde Kanin-
chen habe immer 10 Zitzen. — Angora- und eine aus Moskau erhaltene
Rasse haben langes und feines Seidenhaar. — Die Farbe ist so wechselnd,
dass kaum jemals (Andere sagen: niemals) alle Jungen desselben Wurfes
von gleicher Farbe sind. Die Länge der Ohren wird nicht sicher vererbt.
Die Ohren sind oft asymmetrisch, auf einer Seite länger, breiter und hän-
gend, auf der andern kürzer, schmaler und aufrecht. — Die eigenthümlich ge-
färbten sogenannten Himalaya-Kaninchen, welche von Bartlett als eigene
Art (Lepus nigripes. Proceed. zool. society 1857, tab. 56) abgebildet wurden,
sind später durch Kreuzung silbergrauer mit Chinchilla-Kaninchen erzeugt.
Ueber die mit dem zunehmenden Alter vorgehenden Farbenveränderungen
sind interessante Beobachtungen mitgetheilt. — Ursprünglich zahme
Kaninchen nehmen keineswegs immer die Farbe der wilden an, wenn
sie verwildern. — Eigenthümliches Verhalten der auf der Insel Porto
Santo verwilderten Kaninchen, dem Hr. Darwin eine besondere Be-
deutung beilegt.

Ich habe diese Auszüge in Kürze mitgetheilt, weil die meisten der
zahlreichen neueren Schriften über Kaninchen dieselben unberücksichtigt
lassen.

Hr. Darwin geht ferner näher ein auf die osteologischen
Eigenschaften. Vorweg hebt er hervor, dass die bedeutenderen Ver-
schiedenheiten keineswegs gewisse Rassen kennzeichnen, man könne nur
sagen, dass dieselben im Allgemeinen bei einzelnen Rassen vorhanden
sind. Wir können die Ursache der meisten Variationen des Skelets
nicht nachweisen, aber es sei evident, dass die Vergrösserung des Körpers
in eigenthümlicher Weise den Kopf beeinflusst hat. Selbst die Länge
der Ohren sei in geringem Masse von Einfluss auf den Schädel. Augen-
scheinlich sei die relative Länge der Gliedmassen durch
Mangel an Uebung derselben modifizirt
.

Ich finde aber nicht, dass die Variation in der relativen Länge der
Gliedmassen nachgewiesen ist. Hr. Darwin selbst spricht später aus,
dass das Verhältniss bei langohrigen fast ganz dasselbe geblieben sei wie
bei den wilden Kaninchen.

Hr. Darwin hat seine Untersuchungen auf die Schädel von 10 lang-

*) Ich habe bisher immer vier Paar Zitzen bei den verschiedenen Rassen gefunden.
Owen Anatomy vertebr. III. 776 nennt für den Hasen 10 Zitzen.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0018" n="10"/>
wilden Kaninchen, relativ länger und schmaler. Grosse Querfalten der<lb/>
Haut am Halse. Enorme Verlängerung der Ohren; in einem Fall war<lb/>
der Abstand beider Ohrspitzen von einander 22 Zoll, jedes Ohr 5&#x215C; Zoll<lb/>
breit. Die entsprechende Masse beim wilden Kaninchen 7&#x215D; und 1&#x215E; Zoll.<lb/>
Die hasenfarbigen oder sogenannten belgischen Kaninchen unterscheiden<lb/>
sich durch nichts als die Farbe von den andern grossen Rassen; sie<lb/>
sollen nur sechs Zitzen haben, doch dem widersprechen andere Be-<lb/>
obachter, welche die Zahl variabel gefunden haben.<note place="foot" n="*)">Ich habe bisher immer vier Paar Zitzen bei den verschiedenen Rassen gefunden.<lb/><hi rendition="#g">Owen</hi> Anatomy vertebr. III. 776 nennt für den Hasen 10 Zitzen.</note> Das wilde Kanin-<lb/>
chen habe immer 10 Zitzen. &#x2014; Angora- und eine aus Moskau erhaltene<lb/>
Rasse haben langes und feines Seidenhaar. &#x2014; Die Farbe ist so wechselnd,<lb/>
dass kaum jemals (Andere sagen: niemals) alle Jungen desselben Wurfes<lb/>
von gleicher Farbe sind. Die Länge der Ohren wird nicht sicher vererbt.<lb/>
Die Ohren sind oft asymmetrisch, auf einer Seite länger, breiter und hän-<lb/>
gend, auf der andern kürzer, schmaler und aufrecht. &#x2014; Die eigenthümlich ge-<lb/>
färbten sogenannten Himalaya-Kaninchen, welche von <hi rendition="#g">Bartlett</hi> als eigene<lb/>
Art (Lepus nigripes. Proceed. zool. society 1857, tab. 56) abgebildet wurden,<lb/>
sind später durch Kreuzung silbergrauer mit Chinchilla-Kaninchen erzeugt.<lb/>
Ueber die mit dem zunehmenden Alter vorgehenden Farbenveränderungen<lb/>
sind interessante Beobachtungen mitgetheilt. &#x2014; Ursprünglich zahme<lb/>
Kaninchen nehmen keineswegs immer die Farbe der wilden an, wenn<lb/>
sie verwildern. &#x2014; Eigenthümliches Verhalten der auf der Insel Porto<lb/>
Santo verwilderten Kaninchen, dem Hr. <hi rendition="#g">Darwin</hi> eine besondere Be-<lb/>
deutung beilegt.</p><lb/>
        <p>Ich habe diese Auszüge in Kürze mitgetheilt, weil die meisten der<lb/>
zahlreichen neueren Schriften über Kaninchen dieselben unberücksichtigt<lb/>
lassen.</p><lb/>
        <p>Hr. <hi rendition="#g">Darwin</hi> geht ferner näher ein auf die <hi rendition="#g">osteologischen</hi><lb/>
Eigenschaften. Vorweg hebt er hervor, dass die bedeutenderen Ver-<lb/>
schiedenheiten keineswegs gewisse Rassen kennzeichnen, man könne nur<lb/>
sagen, dass dieselben im Allgemeinen bei einzelnen Rassen vorhanden<lb/>
sind. Wir können die Ursache der meisten Variationen des Skelets<lb/>
nicht nachweisen, aber es sei evident, dass die Vergrösserung des Körpers<lb/>
in eigenthümlicher Weise den Kopf beeinflusst hat. Selbst die Länge<lb/>
der Ohren sei in geringem Masse von Einfluss auf den Schädel. <hi rendition="#g">Augen-<lb/>
scheinlich sei die relative Länge der Gliedmassen durch<lb/>
Mangel an Uebung derselben modifizirt</hi>.</p><lb/>
        <p>Ich finde aber nicht, dass die Variation in der relativen Länge der<lb/>
Gliedmassen nachgewiesen ist. Hr. <hi rendition="#g">Darwin</hi> selbst spricht später aus,<lb/>
dass das Verhältniss bei langohrigen fast ganz dasselbe geblieben sei wie<lb/>
bei den wilden Kaninchen.</p><lb/>
        <p>Hr. <hi rendition="#g">Darwin</hi> hat seine Untersuchungen auf die Schädel von 10 lang-<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[10/0018] wilden Kaninchen, relativ länger und schmaler. Grosse Querfalten der Haut am Halse. Enorme Verlängerung der Ohren; in einem Fall war der Abstand beider Ohrspitzen von einander 22 Zoll, jedes Ohr 5⅜ Zoll breit. Die entsprechende Masse beim wilden Kaninchen 7⅝ und 1⅞ Zoll. Die hasenfarbigen oder sogenannten belgischen Kaninchen unterscheiden sich durch nichts als die Farbe von den andern grossen Rassen; sie sollen nur sechs Zitzen haben, doch dem widersprechen andere Be- obachter, welche die Zahl variabel gefunden haben. *) Das wilde Kanin- chen habe immer 10 Zitzen. — Angora- und eine aus Moskau erhaltene Rasse haben langes und feines Seidenhaar. — Die Farbe ist so wechselnd, dass kaum jemals (Andere sagen: niemals) alle Jungen desselben Wurfes von gleicher Farbe sind. Die Länge der Ohren wird nicht sicher vererbt. Die Ohren sind oft asymmetrisch, auf einer Seite länger, breiter und hän- gend, auf der andern kürzer, schmaler und aufrecht. — Die eigenthümlich ge- färbten sogenannten Himalaya-Kaninchen, welche von Bartlett als eigene Art (Lepus nigripes. Proceed. zool. society 1857, tab. 56) abgebildet wurden, sind später durch Kreuzung silbergrauer mit Chinchilla-Kaninchen erzeugt. Ueber die mit dem zunehmenden Alter vorgehenden Farbenveränderungen sind interessante Beobachtungen mitgetheilt. — Ursprünglich zahme Kaninchen nehmen keineswegs immer die Farbe der wilden an, wenn sie verwildern. — Eigenthümliches Verhalten der auf der Insel Porto Santo verwilderten Kaninchen, dem Hr. Darwin eine besondere Be- deutung beilegt. Ich habe diese Auszüge in Kürze mitgetheilt, weil die meisten der zahlreichen neueren Schriften über Kaninchen dieselben unberücksichtigt lassen. Hr. Darwin geht ferner näher ein auf die osteologischen Eigenschaften. Vorweg hebt er hervor, dass die bedeutenderen Ver- schiedenheiten keineswegs gewisse Rassen kennzeichnen, man könne nur sagen, dass dieselben im Allgemeinen bei einzelnen Rassen vorhanden sind. Wir können die Ursache der meisten Variationen des Skelets nicht nachweisen, aber es sei evident, dass die Vergrösserung des Körpers in eigenthümlicher Weise den Kopf beeinflusst hat. Selbst die Länge der Ohren sei in geringem Masse von Einfluss auf den Schädel. Augen- scheinlich sei die relative Länge der Gliedmassen durch Mangel an Uebung derselben modifizirt. Ich finde aber nicht, dass die Variation in der relativen Länge der Gliedmassen nachgewiesen ist. Hr. Darwin selbst spricht später aus, dass das Verhältniss bei langohrigen fast ganz dasselbe geblieben sei wie bei den wilden Kaninchen. Hr. Darwin hat seine Untersuchungen auf die Schädel von 10 lang- *) Ich habe bisher immer vier Paar Zitzen bei den verschiedenen Rassen gefunden. Owen Anatomy vertebr. III. 776 nennt für den Hasen 10 Zitzen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/18
Zitationshilfe: Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/18>, abgerufen am 21.07.2019.