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Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 3. Berlin, 1786.

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sultat seiner Lektüre von Youngs Nachtgedanken
am ersten auf, dem er noch eine ziemlich ver¬
nünftige Wendung gab, indem er seinen Christen
alle erlaubten Freuden des Weltmanns genießen
ließ, und ihm dennoch den Vortheil einer fro¬
hen Aussicht in die Ewigkeit dazu gab, so daß er
gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen
mußte. -- Aus dieser zwar richtigen aber zu ge¬
suchten
und gekünstelten Idee entstand denn
folgendes zweite Gedicht, das wiederum Reisers
Beifall nicht erhielt, und womit er auch selbst,
ohngeachtet der Mühe, die es ihm gekostet hatte,
nie zufrieden war:

Der Weltmann und der Christ.

Einst gingen über Blumenwiesen
Ein Christ und Weltmann einen Pfad:
Hier, wo der Freude Bäche fließen,
Ward jeder süßer Freuden satt.
Der Weltmann nutzte klug sein Leben,
Er hielts für seine Ewigkeit --
Nie konnte sich sein Geist erheben,
Bis über sich und Welt und Zeit.
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ſultat ſeiner Lektuͤre von Youngs Nachtgedanken
am erſten auf, dem er noch eine ziemlich ver¬
nuͤnftige Wendung gab, indem er ſeinen Chriſten
alle erlaubten Freuden des Weltmanns genießen
ließ, und ihm dennoch den Vortheil einer fro¬
hen Ausſicht in die Ewigkeit dazu gab, ſo daß er
gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen
mußte. — Aus dieſer zwar richtigen aber zu ge¬
ſuchten
und gekuͤnſtelten Idee entſtand denn
folgendes zweite Gedicht, das wiederum Reiſers
Beifall nicht erhielt, und womit er auch ſelbſt,
ohngeachtet der Muͤhe, die es ihm gekoſtet hatte,
nie zufrieden war:

Der Weltmann und der Chriſt.

Einſt gingen uͤber Blumenwieſen
Ein Chriſt und Weltmann einen Pfad:
Hier, wo der Freude Baͤche fließen,
Ward jeder ſuͤßer Freuden ſatt.
Der Weltmann nutzte klug ſein Leben,
Er hielts fuͤr ſeine Ewigkeit —
Nie konnte ſich ſein Geiſt erheben,
Bis uͤber ſich und Welt und Zeit.
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[87/0097] ſultat ſeiner Lektuͤre von Youngs Nachtgedanken am erſten auf, dem er noch eine ziemlich ver¬ nuͤnftige Wendung gab, indem er ſeinen Chriſten alle erlaubten Freuden des Weltmanns genießen ließ, und ihm dennoch den Vortheil einer fro¬ hen Ausſicht in die Ewigkeit dazu gab, ſo daß er gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen mußte. — Aus dieſer zwar richtigen aber zu ge¬ ſuchten und gekuͤnſtelten Idee entſtand denn folgendes zweite Gedicht, das wiederum Reiſers Beifall nicht erhielt, und womit er auch ſelbſt, ohngeachtet der Muͤhe, die es ihm gekoſtet hatte, nie zufrieden war: Der Weltmann und der Chriſt. Einſt gingen uͤber Blumenwieſen Ein Chriſt und Weltmann einen Pfad: Hier, wo der Freude Baͤche fließen, Ward jeder ſuͤßer Freuden ſatt. Der Weltmann nutzte klug ſein Leben, Er hielts fuͤr ſeine Ewigkeit — Nie konnte ſich ſein Geiſt erheben, Bis uͤber ſich und Welt und Zeit. F 4

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 3. Berlin, 1786, S. 87. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser03_1786/97>, abgerufen am 22.04.2019.