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Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 2. Berlin, 1786.

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Wohlthäter, hatte die Schriften des Taulerus
und andre dergleichen gelesen, und redete daher
eine Art von Büchersprache, wobei er manchmal
einen gewissen predigenden Ton annahm. Ge¬
meiniglich citirte er einen gewissen Periander,
wenn er etwas behauptete, als: der Mensch muß
sich nur Gott hingeben, sagt Periander -- und
so sagte alles, was der Schuster Heidorn sagte,
auch dieser Periander, der im Grunde nichts als
eine allegorische Person war, die in Bunians
Christenreise oder sonst irgendwo vorkommt.
Aber Reisern klang der Nahme Periander so
süß in seinen Ohren. -- Er dachte sich dabei et¬
was Erhabenes, Geheimnißvolles, und hörte den
Schuster Heidorn immer gern von Periandern
sprechen.

Der gute Heidorn hatte ihn aber etwas zu
spät aufgehalten, und als er zu Hause kam, hat¬
ten sein Wirth und seine Wirthin ihren Abend¬
segen gelesen, und nicht unmittelbar darauf zu
Bette gehen können, welches seit Jahren nicht
geschehen seyn mochte. Dieß war denn Ursach,
daß Reiser ziemlich kalt und finster empfangen
wurde, und sich von diesem Tage, dem er so lange

voll

Wohlthaͤter, hatte die Schriften des Taulerus
und andre dergleichen geleſen, und redete daher
eine Art von Buͤcherſprache, wobei er manchmal
einen gewiſſen predigenden Ton annahm. Ge¬
meiniglich citirte er einen gewiſſen Periander,
wenn er etwas behauptete, als: der Menſch muß
ſich nur Gott hingeben, ſagt Periander — und
ſo ſagte alles, was der Schuſter Heidorn ſagte,
auch dieſer Periander, der im Grunde nichts als
eine allegoriſche Perſon war, die in Bunians
Chriſtenreiſe oder ſonſt irgendwo vorkommt.
Aber Reiſern klang der Nahme Periander ſo
ſuͤß in ſeinen Ohren. — Er dachte ſich dabei et¬
was Erhabenes, Geheimnißvolles, und hoͤrte den
Schuſter Heidorn immer gern von Periandern
ſprechen.

Der gute Heidorn hatte ihn aber etwas zu
ſpaͤt aufgehalten, und als er zu Hauſe kam, hat¬
ten ſein Wirth und ſeine Wirthin ihren Abend¬
ſegen geleſen, und nicht unmittelbar darauf zu
Bette gehen koͤnnen, welches ſeit Jahren nicht
geſchehen ſeyn mochte. Dieß war denn Urſach,
daß Reiſer ziemlich kalt und finſter empfangen
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[32/0042] Wohlthaͤter, hatte die Schriften des Taulerus und andre dergleichen geleſen, und redete daher eine Art von Buͤcherſprache, wobei er manchmal einen gewiſſen predigenden Ton annahm. Ge¬ meiniglich citirte er einen gewiſſen Periander, wenn er etwas behauptete, als: der Menſch muß ſich nur Gott hingeben, ſagt Periander — und ſo ſagte alles, was der Schuſter Heidorn ſagte, auch dieſer Periander, der im Grunde nichts als eine allegoriſche Perſon war, die in Bunians Chriſtenreiſe oder ſonſt irgendwo vorkommt. Aber Reiſern klang der Nahme Periander ſo ſuͤß in ſeinen Ohren. — Er dachte ſich dabei et¬ was Erhabenes, Geheimnißvolles, und hoͤrte den Schuſter Heidorn immer gern von Periandern ſprechen. Der gute Heidorn hatte ihn aber etwas zu ſpaͤt aufgehalten, und als er zu Hauſe kam, hat¬ ten ſein Wirth und ſeine Wirthin ihren Abend¬ ſegen geleſen, und nicht unmittelbar darauf zu Bette gehen koͤnnen, welches ſeit Jahren nicht geſchehen ſeyn mochte. Dieß war denn Urſach, daß Reiſer ziemlich kalt und finſter empfangen wurde, und ſich von dieſem Tage, dem er ſo lange voll

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 2. Berlin, 1786, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser02_1786/42>, abgerufen am 26.05.2019.