Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 2. Berlin, 1786.

Bild:
<< vorherige Seite

sich ins Haus zu nehmen. Es mußte also drauf
gedacht werden, ihn irgendwo bei ordentlichen
Leuten unterzubringen. Und ein Hauboist Nah¬
mens F. . . vom Regiment des Prinzen . . . erbot
sich von freien Stücken dazu, Reisern unentgeld¬
lich bei sich wohnen zu lassen. Ein Schuster, bei
dem seine Eltern einmal im Hause gewohnt hat¬
ten, noch ein Hauboist, ein Hofmusikus, ein
Garkoch, und ein Seidensticker, erboten sich je¬
der, ihm wöchentlich einen Freitisch zu geben.

Dieß verringerte Reisers Freude in etwas wie¬
der, welcher glaubte, daß das, was der Prinz
für ihn hergab, zu seinem Unterhalt zureichen
würde, ohne daß er an fremden Tischen sein Brodt
essen dürfte. Auch verringerte dieß seine Freude
nicht ohne Ursach, denn es setzte ihn in der Folge
oft in eine höchst peinliche und ängstliche Lage, so
daß er oft im eigentlichen Verstande sein Brodt
mit Thränen essen mußte. --- Denn alles beeifer¬
te sich zwar, auf die Weise ihm Wohlthaten zu er¬
zeigen, aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht
erworben zu haben, über seine Aufführung zu wa¬
chen, und ihm in Ansehung seines Betragens
Rath zu ertheilen, der dann immer ganz blind¬

ſich ins Haus zu nehmen. Es mußte alſo drauf
gedacht werden, ihn irgendwo bei ordentlichen
Leuten unterzubringen. Und ein Hauboiſt Nah¬
mens F. . . vom Regiment des Prinzen . . . erbot
ſich von freien Stuͤcken dazu, Reiſern unentgeld¬
lich bei ſich wohnen zu laſſen. Ein Schuſter, bei
dem ſeine Eltern einmal im Hauſe gewohnt hat¬
ten, noch ein Hauboiſt, ein Hofmuſikus, ein
Garkoch, und ein Seidenſticker, erboten ſich je¬
der, ihm woͤchentlich einen Freitiſch zu geben.

Dieß verringerte Reiſers Freude in etwas wie¬
der, welcher glaubte, daß das, was der Prinz
fuͤr ihn hergab, zu ſeinem Unterhalt zureichen
wuͤrde, ohne daß er an fremden Tiſchen ſein Brodt
eſſen duͤrfte. Auch verringerte dieß ſeine Freude
nicht ohne Urſach, denn es ſetzte ihn in der Folge
oft in eine hoͤchſt peinliche und aͤngſtliche Lage, ſo
daß er oft im eigentlichen Verſtande ſein Brodt
mit Thraͤnen eſſen mußte. --- Denn alles beeifer¬
te ſich zwar, auf die Weiſe ihm Wohlthaten zu er¬
zeigen, aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht
erworben zu haben, uͤber ſeine Auffuͤhrung zu wa¬
chen, und ihm in Anſehung ſeines Betragens
Rath zu ertheilen, der dann immer ganz blind¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <p><pb facs="#f0028" n="18"/>
&#x017F;ich ins Haus zu nehmen. Es mußte al&#x017F;o drauf<lb/>
gedacht werden, ihn irgendwo bei ordentlichen<lb/>
Leuten unterzubringen. Und ein Hauboi&#x017F;t Nah¬<lb/>
mens F. . . vom Regiment des Prinzen . . . erbot<lb/>
&#x017F;ich von freien Stu&#x0364;cken dazu, Rei&#x017F;ern unentgeld¬<lb/>
lich bei &#x017F;ich wohnen zu la&#x017F;&#x017F;en. Ein Schu&#x017F;ter, bei<lb/>
dem &#x017F;eine Eltern einmal im Hau&#x017F;e gewohnt hat¬<lb/>
ten, noch ein Hauboi&#x017F;t, ein Hofmu&#x017F;ikus, ein<lb/>
Garkoch, und ein Seiden&#x017F;ticker, erboten &#x017F;ich je¬<lb/>
der, ihm wo&#x0364;chentlich einen Freiti&#x017F;ch zu geben.</p><lb/>
      <p>Dieß verringerte Rei&#x017F;ers Freude in etwas wie¬<lb/>
der, welcher glaubte, daß das, was der Prinz<lb/>
fu&#x0364;r ihn hergab, zu &#x017F;einem Unterhalt zureichen<lb/>
wu&#x0364;rde, ohne daß er an fremden Ti&#x017F;chen &#x017F;ein Brodt<lb/>
e&#x017F;&#x017F;en du&#x0364;rfte. Auch verringerte dieß &#x017F;eine Freude<lb/>
nicht ohne Ur&#x017F;ach, denn es &#x017F;etzte ihn in der Folge<lb/>
oft in eine ho&#x0364;ch&#x017F;t peinliche und a&#x0364;ng&#x017F;tliche Lage, &#x017F;o<lb/>
daß er oft im eigentlichen Ver&#x017F;tande &#x017F;ein Brodt<lb/>
mit Thra&#x0364;nen e&#x017F;&#x017F;en mußte. --- Denn alles beeifer¬<lb/>
te &#x017F;ich zwar, auf die Wei&#x017F;e ihm Wohlthaten zu er¬<lb/>
zeigen, aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht<lb/><choice><sic>erworbeu</sic><corr>erworben</corr></choice> zu haben, u&#x0364;ber &#x017F;eine Auffu&#x0364;hrung zu wa¬<lb/>
chen, und ihm in An&#x017F;ehung &#x017F;eines Betragens<lb/>
Rath zu ertheilen, der dann immer ganz blind¬<lb/></p>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0028] ſich ins Haus zu nehmen. Es mußte alſo drauf gedacht werden, ihn irgendwo bei ordentlichen Leuten unterzubringen. Und ein Hauboiſt Nah¬ mens F. . . vom Regiment des Prinzen . . . erbot ſich von freien Stuͤcken dazu, Reiſern unentgeld¬ lich bei ſich wohnen zu laſſen. Ein Schuſter, bei dem ſeine Eltern einmal im Hauſe gewohnt hat¬ ten, noch ein Hauboiſt, ein Hofmuſikus, ein Garkoch, und ein Seidenſticker, erboten ſich je¬ der, ihm woͤchentlich einen Freitiſch zu geben. Dieß verringerte Reiſers Freude in etwas wie¬ der, welcher glaubte, daß das, was der Prinz fuͤr ihn hergab, zu ſeinem Unterhalt zureichen wuͤrde, ohne daß er an fremden Tiſchen ſein Brodt eſſen duͤrfte. Auch verringerte dieß ſeine Freude nicht ohne Urſach, denn es ſetzte ihn in der Folge oft in eine hoͤchſt peinliche und aͤngſtliche Lage, ſo daß er oft im eigentlichen Verſtande ſein Brodt mit Thraͤnen eſſen mußte. --- Denn alles beeifer¬ te ſich zwar, auf die Weiſe ihm Wohlthaten zu er¬ zeigen, aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht erworben zu haben, uͤber ſeine Auffuͤhrung zu wa¬ chen, und ihm in Anſehung ſeines Betragens Rath zu ertheilen, der dann immer ganz blind¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser02_1786
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser02_1786/28
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 2. Berlin, 1786, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser02_1786/28>, abgerufen am 18.09.2019.