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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789.

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ten -- und fühlt das Mißverhältniß nicht, das die ganze Masse seines Lebens sich an den Buchstaben festhalten soll, die seine Hand niederschreibt. --

Er will das durch die Buchstaben zwingen, was die Buchstaben selber zwingt. --

Unwillkührlich entsteht hieraus die affektirte Sprache einer erzwungenen Religiösität und Moralität; das Unbestimmte, Schiefe und Schwankende in den Ausdrücken; und das oft Fade und Oberflächige der abgleitenden Gedanken, unter denen doch immer der Ausdruck des Wahren sich emporarbeitet, bis auf den Punkt, wo der Wunsch des Wahren selbst zur Lüge, der Haß vor der Verstellung selbst zur Verstellung, und die Furcht vor der Selbsttäuschung selbst zur Täuschung wird. --

Daß dies nun in der Natur unsers denkenden und empfindenden Wesens möglich ist, und wie es möglich ist, verlohnet wohl der Mühe des Nachforschens und Denkens -- weil da, wo unser Wesen sich selber täuscht, gewiß noch unentdeckte Spuren von seinen verborgenen Grenzen und Umrissen liegen.

Für jetzt lassen wir den Selbstbeobachter weiterreden!



ten — und fuͤhlt das Mißverhaͤltniß nicht, das die ganze Masse seines Lebens sich an den Buchstaben festhalten soll, die seine Hand niederschreibt. —

Er will das durch die Buchstaben zwingen, was die Buchstaben selber zwingt.

Unwillkuͤhrlich entsteht hieraus die affektirte Sprache einer erzwungenen Religioͤsitaͤt und Moralitaͤt; das Unbestimmte, Schiefe und Schwankende in den Ausdruͤcken; und das oft Fade und Oberflaͤchige der abgleitenden Gedanken, unter denen doch immer der Ausdruck des Wahren sich emporarbeitet, bis auf den Punkt, wo der Wunsch des Wahren selbst zur Luͤge, der Haß vor der Verstellung selbst zur Verstellung, und die Furcht vor der Selbsttaͤuschung selbst zur Taͤuschung wird.

Daß dies nun in der Natur unsers denkenden und empfindenden Wesens moͤglich ist, und wie es moͤglich ist, verlohnet wohl der Muͤhe des Nachforschens und Denkens — weil da, wo unser Wesen sich selber taͤuscht, gewiß noch unentdeckte Spuren von seinen verborgenen Grenzen und Umrissen liegen.

Fuͤr jetzt lassen wir den Selbstbeobachter weiterreden!


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[47/0047] ten — und fuͤhlt das Mißverhaͤltniß nicht, das die ganze Masse seines Lebens sich an den Buchstaben festhalten soll, die seine Hand niederschreibt. — Er will das durch die Buchstaben zwingen, was die Buchstaben selber zwingt. — Unwillkuͤhrlich entsteht hieraus die affektirte Sprache einer erzwungenen Religioͤsitaͤt und Moralitaͤt; das Unbestimmte, Schiefe und Schwankende in den Ausdruͤcken; und das oft Fade und Oberflaͤchige der abgleitenden Gedanken, unter denen doch immer der Ausdruck des Wahren sich emporarbeitet, bis auf den Punkt, wo der Wunsch des Wahren selbst zur Luͤge, der Haß vor der Verstellung selbst zur Verstellung, und die Furcht vor der Selbsttaͤuschung selbst zur Taͤuschung wird. — Daß dies nun in der Natur unsers denkenden und empfindenden Wesens moͤglich ist, und wie es moͤglich ist, verlohnet wohl der Muͤhe des Nachforschens und Denkens — weil da, wo unser Wesen sich selber taͤuscht, gewiß noch unentdeckte Spuren von seinen verborgenen Grenzen und Umrissen liegen. Fuͤr jetzt lassen wir den Selbstbeobachter weiterreden!

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789, S. 47. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/47>, abgerufen am 13.08.2020.