Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789.

Bild:
<< vorherige Seite


Rau seinen Vater mißhandelte; und da sie an die Hausthüre anschlugen, so zog der Sohn, der mit seinem Vater allein im Hause wohnte, die Thüre auf, und ließ Nachbarn und die herbeigeholte Wache ein. Der Vater lag auf der Erde in seinem Blute, ermordet von dem Sohne mit 15 Messerstichen und Aufschneidung der Gurgel.

Der Sohn gieng am Fenster auf und ab; in ihm wechselten jetzt Wehmuth, Anerkennung seiner Schuld, und Ausbrüche der Wuth; bald verklagte er sich selbst vor Gott, daß er eine so schreckliche, ihm nicht zu vergebende That gethan, bald behauptete er, er habe nicht seinen Vater, sondern einen Juden und einen alten Türken umgebracht.

Beim gerichtlichen Verhör sagte Rau nach S. 17. der Akten folgendes aus: "er habe den von ihm Ermordeten nicht vor seinen Vater gehalten, und er wisse sich von der Sache weiter nichts zu erinnern, als daß sein Vater ihn früh morgens in die Stube eingelassen, wo er ihn um Brod gebeten, aber zur Antwort erhalten habe, das könne er, der Vater, nicht schaffen.

Hierauf habe er den Schlüssel zum Geld seiner Mutter verlangt, um sich davon etwas zu nehmen; und als sein Vater sich dagegen gesetzt, wäre er sogleich seiner Sinne und seines Verstandes beraubt worden, und habe, da sein Vater ein Messer gehabt und auf ihn zugegangen, auch ein Messer ergriffen, was er aber nun damit an sei-


Rau seinen Vater mißhandelte; und da sie an die Hausthuͤre anschlugen, so zog der Sohn, der mit seinem Vater allein im Hause wohnte, die Thuͤre auf, und ließ Nachbarn und die herbeigeholte Wache ein. Der Vater lag auf der Erde in seinem Blute, ermordet von dem Sohne mit 15 Messerstichen und Aufschneidung der Gurgel.

Der Sohn gieng am Fenster auf und ab; in ihm wechselten jetzt Wehmuth, Anerkennung seiner Schuld, und Ausbruͤche der Wuth; bald verklagte er sich selbst vor Gott, daß er eine so schreckliche, ihm nicht zu vergebende That gethan, bald behauptete er, er habe nicht seinen Vater, sondern einen Juden und einen alten Tuͤrken umgebracht.

Beim gerichtlichen Verhoͤr sagte Rau nach S. 17. der Akten folgendes aus: »er habe den von ihm Ermordeten nicht vor seinen Vater gehalten, und er wisse sich von der Sache weiter nichts zu erinnern, als daß sein Vater ihn fruͤh morgens in die Stube eingelassen, wo er ihn um Brod gebeten, aber zur Antwort erhalten habe, das koͤnne er, der Vater, nicht schaffen.

Hierauf habe er den Schluͤssel zum Geld seiner Mutter verlangt, um sich davon etwas zu nehmen; und als sein Vater sich dagegen gesetzt, waͤre er sogleich seiner Sinne und seines Verstandes beraubt worden, und habe, da sein Vater ein Messer gehabt und auf ihn zugegangen, auch ein Messer ergriffen, was er aber nun damit an sei-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0021" n="21"/><lb/>
Rau seinen Vater mißhandelte; und da sie                         an die Hausthu&#x0364;re anschlugen, so zog der Sohn, der mit seinem Vater allein im                         Hause wohnte, die Thu&#x0364;re auf, und ließ Nachbarn und die herbeigeholte Wache                         ein. Der Vater lag auf der Erde in seinem Blute, ermordet von dem Sohne mit                         15 Messerstichen und Aufschneidung der Gurgel.</p>
            <p>Der Sohn gieng am Fenster auf und ab; in ihm wechselten jetzt Wehmuth,                         Anerkennung seiner Schuld, und Ausbru&#x0364;che der Wuth; bald verklagte er sich                         selbst vor Gott, daß er eine so schreckliche, ihm nicht zu vergebende That                         gethan, bald behauptete er, er habe nicht seinen Vater, sondern einen Juden                         und einen alten Tu&#x0364;rken umgebracht.</p>
            <p>Beim gerichtlichen Verho&#x0364;r sagte Rau nach S. 17. der Akten folgendes aus: »er                         habe den von ihm Ermordeten nicht vor seinen Vater gehalten, und er wisse                         sich von der Sache weiter nichts zu erinnern, als daß sein Vater ihn fru&#x0364;h                         morgens in die Stube eingelassen, wo er ihn um Brod gebeten, aber zur                         Antwort erhalten habe, das ko&#x0364;nne er, der Vater, nicht schaffen.</p>
            <p>Hierauf habe er den Schlu&#x0364;ssel zum Geld seiner Mutter verlangt, um sich davon                         etwas zu nehmen; und als sein Vater sich dagegen gesetzt, wa&#x0364;re er sogleich                         seiner Sinne und seines Verstandes beraubt worden, und habe, da sein Vater                         ein Messer gehabt und auf ihn zugegangen, auch ein Messer ergriffen, was er                         aber nun damit an sei-<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0021] Rau seinen Vater mißhandelte; und da sie an die Hausthuͤre anschlugen, so zog der Sohn, der mit seinem Vater allein im Hause wohnte, die Thuͤre auf, und ließ Nachbarn und die herbeigeholte Wache ein. Der Vater lag auf der Erde in seinem Blute, ermordet von dem Sohne mit 15 Messerstichen und Aufschneidung der Gurgel. Der Sohn gieng am Fenster auf und ab; in ihm wechselten jetzt Wehmuth, Anerkennung seiner Schuld, und Ausbruͤche der Wuth; bald verklagte er sich selbst vor Gott, daß er eine so schreckliche, ihm nicht zu vergebende That gethan, bald behauptete er, er habe nicht seinen Vater, sondern einen Juden und einen alten Tuͤrken umgebracht. Beim gerichtlichen Verhoͤr sagte Rau nach S. 17. der Akten folgendes aus: »er habe den von ihm Ermordeten nicht vor seinen Vater gehalten, und er wisse sich von der Sache weiter nichts zu erinnern, als daß sein Vater ihn fruͤh morgens in die Stube eingelassen, wo er ihn um Brod gebeten, aber zur Antwort erhalten habe, das koͤnne er, der Vater, nicht schaffen. Hierauf habe er den Schluͤssel zum Geld seiner Mutter verlangt, um sich davon etwas zu nehmen; und als sein Vater sich dagegen gesetzt, waͤre er sogleich seiner Sinne und seines Verstandes beraubt worden, und habe, da sein Vater ein Messer gehabt und auf ihn zugegangen, auch ein Messer ergriffen, was er aber nun damit an sei-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Christof Wingertszahn, Sheila Dickson, Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, University of Glasgow: Erstellung der Transkription nach DTA-Richtlinien (2015-06-09T11:00:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Konvertierung nach DTA-Basisformat (2015-06-09T11:00:00Z)
UB Uni-Bielefeld: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2015-06-09T11:00:00Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Die Umlautschreibung mit ›e‹ über dem Vokal wurden übernommen.
  • Die Majuskel I/J wurde nicht nach Lautwert transkribiert.
  • Verbessert wird nur bei eindeutigen Druckfehlern. Die editorischen Eingriffe sind stets nachgewiesen.
  • Zu Moritz’ Zeit war es üblich, bei mehrzeiligen Zitaten vor jeder Zeile Anführungsstriche zu setzen. Diese wiederholten Anführungsstriche des Originals werden stillschweigend getilgt.
  • Die Druckgestalt der Vorlagen (Absätze, Überschriften, Schriftgrade etc.) wird schematisiert wiedergegeben. Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Worteinfügungen der Herausgeber im edierten Text sowie Ergänzungen einzelner Buchstaben sind dokumentiert.
  • Die Originalseite wird als einzelne Seite in der Internetausgabe wiedergegeben. Von diesem Darstellungsprinzip wird bei langen, sich über mehr als eine Seite erstreckenden Fußnoten abgewichen. Die vollständige Fußnote erscheint in diesem Fall zusammenhängend an der ersten betreffenden Seite.
  • Die textkritischen Nachweise erfolgen in XML-Form nach dem DTABf-Schema: <choice><corr>[Verbesserung]</corr><sic>[Originaltext]</sic></choice> vorgenommen.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/21
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/21>, abgerufen am 09.08.2020.