Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789.

Bild:
<< vorherige Seite


Kopf gefallenen Folianten; alle seine Kenntnisse verlohr, und genöthiget wurde, das a, b, c, zum zweitenmale zu lernen.

Von einem andern Gelehrten hat man mir erzählt, daß er durch einen gleichen Schlag nicht aller seiner Kenntnisse, sondern blos des Griechischen beraubt worden. Wenn man auch noch an einigen dieser Ereignisse zweifeln wollte, so ist doch das folgende vollkommen gewiß und wahr.

Jch kenne nehmlich einen Geistlichen, welcher, nachdem er vor ungefähr 16 Jahren*) von einem Anfall des Schlags wieder genesen war, alles dasjenige vergessen hatte, was in den letzten vier Jahren vorgegangen war; was sich aber vor diesen Jahren ereignet hatte, das wußte er alles noch sehr wohl. Die Zeitungen von jenen vier letzten Jahren schaften ihm daher sehr viele Unterhaltung; denn beinahe alles überraschte ihn darin, zumal da in diese Periode einige sehr wichtige Begebenheiten fielen, als besonders die Thronbesteigung des jetzigen Königs und viele Siege des letzten Kriegs.

Nach und nach erlangte er, theils durch eigene Erweckung des Gedächtnisses, theils durch Unterricht das Verlohrengegangene wieder. Er lebt noch, obgleich alt und schwach, doch so verständig, als Personen von seinem Alter gewöhnlich sind.


*) ich denke, es war im Jahr 1761.


Kopf gefallenen Folianten; alle seine Kenntnisse verlohr, und genoͤthiget wurde, das a, b, c, zum zweitenmale zu lernen.

Von einem andern Gelehrten hat man mir erzaͤhlt, daß er durch einen gleichen Schlag nicht aller seiner Kenntnisse, sondern blos des Griechischen beraubt worden. Wenn man auch noch an einigen dieser Ereignisse zweifeln wollte, so ist doch das folgende vollkommen gewiß und wahr.

Jch kenne nehmlich einen Geistlichen, welcher, nachdem er vor ungefaͤhr 16 Jahren*) von einem Anfall des Schlags wieder genesen war, alles dasjenige vergessen hatte, was in den letzten vier Jahren vorgegangen war; was sich aber vor diesen Jahren ereignet hatte, das wußte er alles noch sehr wohl. Die Zeitungen von jenen vier letzten Jahren schaften ihm daher sehr viele Unterhaltung; denn beinahe alles uͤberraschte ihn darin, zumal da in diese Periode einige sehr wichtige Begebenheiten fielen, als besonders die Thronbesteigung des jetzigen Koͤnigs und viele Siege des letzten Kriegs.

Nach und nach erlangte er, theils durch eigene Erweckung des Gedaͤchtnisses, theils durch Unterricht das Verlohrengegangene wieder. Er lebt noch, obgleich alt und schwach, doch so verstaͤndig, als Personen von seinem Alter gewoͤhnlich sind.


*) ich denke, es war im Jahr 1761.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0015" n="15"/><lb/>
Kopf gefallenen Folianten; alle seine Kenntnisse                         verlohr, und geno&#x0364;thiget wurde, das a, b, c, zum zweitenmale zu lernen.</p>
            <p>Von einem andern Gelehrten hat man mir erza&#x0364;hlt, daß er durch einen gleichen                         Schlag nicht aller seiner Kenntnisse, sondern blos des Griechischen beraubt                         worden. Wenn man auch noch an einigen dieser Ereignisse zweifeln wollte, so                         ist doch das folgende vollkommen gewiß und wahr.</p>
            <p>Jch kenne nehmlich einen Geistlichen, welcher, nachdem er vor ungefa&#x0364;hr 16                             Jahren*)<note place="foot"><p>*) ich denke, es war im Jahr 1761.</p></note> von einem Anfall des Schlags wieder genesen war, alles dasjenige                         vergessen hatte, was in den letzten vier Jahren vorgegangen war; was sich                         aber vor diesen Jahren ereignet hatte, das wußte er alles noch sehr wohl.                         Die Zeitungen von jenen vier letzten Jahren schaften ihm daher sehr viele                         Unterhaltung; denn beinahe alles u&#x0364;berraschte ihn darin, zumal da in diese                         Periode einige sehr wichtige Begebenheiten fielen, als besonders die                         Thronbesteigung des jetzigen Ko&#x0364;nigs und viele Siege des letzten Kriegs.</p>
            <p>Nach und nach erlangte er, theils durch eigene Erweckung des Geda&#x0364;chtnisses,                         theils durch Unterricht das Verlohrengegangene wieder. Er lebt noch,                         obgleich alt und schwach, doch so versta&#x0364;ndig, als Personen von seinem Alter                         gewo&#x0364;hnlich sind.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[15/0015] Kopf gefallenen Folianten; alle seine Kenntnisse verlohr, und genoͤthiget wurde, das a, b, c, zum zweitenmale zu lernen. Von einem andern Gelehrten hat man mir erzaͤhlt, daß er durch einen gleichen Schlag nicht aller seiner Kenntnisse, sondern blos des Griechischen beraubt worden. Wenn man auch noch an einigen dieser Ereignisse zweifeln wollte, so ist doch das folgende vollkommen gewiß und wahr. Jch kenne nehmlich einen Geistlichen, welcher, nachdem er vor ungefaͤhr 16 Jahren*) von einem Anfall des Schlags wieder genesen war, alles dasjenige vergessen hatte, was in den letzten vier Jahren vorgegangen war; was sich aber vor diesen Jahren ereignet hatte, das wußte er alles noch sehr wohl. Die Zeitungen von jenen vier letzten Jahren schaften ihm daher sehr viele Unterhaltung; denn beinahe alles uͤberraschte ihn darin, zumal da in diese Periode einige sehr wichtige Begebenheiten fielen, als besonders die Thronbesteigung des jetzigen Koͤnigs und viele Siege des letzten Kriegs. Nach und nach erlangte er, theils durch eigene Erweckung des Gedaͤchtnisses, theils durch Unterricht das Verlohrengegangene wieder. Er lebt noch, obgleich alt und schwach, doch so verstaͤndig, als Personen von seinem Alter gewoͤhnlich sind. *) ich denke, es war im Jahr 1761.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Christof Wingertszahn, Sheila Dickson, Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, University of Glasgow: Erstellung der Transkription nach DTA-Richtlinien (2015-06-09T11:00:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Konvertierung nach DTA-Basisformat (2015-06-09T11:00:00Z)
UB Uni-Bielefeld: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2015-06-09T11:00:00Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Die Umlautschreibung mit ›e‹ über dem Vokal wurden übernommen.
  • Die Majuskel I/J wurde nicht nach Lautwert transkribiert.
  • Verbessert wird nur bei eindeutigen Druckfehlern. Die editorischen Eingriffe sind stets nachgewiesen.
  • Zu Moritz’ Zeit war es üblich, bei mehrzeiligen Zitaten vor jeder Zeile Anführungsstriche zu setzen. Diese wiederholten Anführungsstriche des Originals werden stillschweigend getilgt.
  • Die Druckgestalt der Vorlagen (Absätze, Überschriften, Schriftgrade etc.) wird schematisiert wiedergegeben. Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Worteinfügungen der Herausgeber im edierten Text sowie Ergänzungen einzelner Buchstaben sind dokumentiert.
  • Die Originalseite wird als einzelne Seite in der Internetausgabe wiedergegeben. Von diesem Darstellungsprinzip wird bei langen, sich über mehr als eine Seite erstreckenden Fußnoten abgewichen. Die vollständige Fußnote erscheint in diesem Fall zusammenhängend an der ersten betreffenden Seite.
  • Die textkritischen Nachweise erfolgen in XML-Form nach dem DTABf-Schema: <choice><corr>[Verbesserung]</corr><sic>[Originaltext]</sic></choice> vorgenommen.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/15
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 3. Berlin, 1789, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0703_1789/15>, abgerufen am 09.08.2020.