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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 2, St. 2. Berlin, 1784.

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Jn der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seines Gleichen den ganzen Gottesdienst über.

Oft fiel es ihm ein, daß er auf einem bösen Wege begriffen sey, er erinnerte sich mit Wehmuth an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden, allein so oft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst, und ein nagender Mißmuth seine besten Vorsätze nieder, und machte, daß er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte.

Der Gedanke, daß ihm seine liebsten Wünsche und Hofnungen fehlgeschlagen, und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhörlich, ohne daß er sich dessen immer deutlich bewußt war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen.

Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre, und gegen sich selbst. Sein Morgen und Abendgebet laß er pünktlich wie vormals, aber ohne alle Empfindung.

Wenn er zu dem alten Manne kam, that er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen gethan hatte, aus Verstellung, und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebenen Worten, worinn er fälschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten.



Jn der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seines Gleichen den ganzen Gottesdienst uͤber.

Oft fiel es ihm ein, daß er auf einem boͤsen Wege begriffen sey, er erinnerte sich mit Wehmuth an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden, allein so oft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst, und ein nagender Mißmuth seine besten Vorsaͤtze nieder, und machte, daß er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte.

Der Gedanke, daß ihm seine liebsten Wuͤnsche und Hofnungen fehlgeschlagen, und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhoͤrlich, ohne daß er sich dessen immer deutlich bewußt war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen.

Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre, und gegen sich selbst. Sein Morgen und Abendgebet laß er puͤnktlich wie vormals, aber ohne alle Empfindung.

Wenn er zu dem alten Manne kam, that er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen gethan hatte, aus Verstellung, und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebenen Worten, worinn er faͤlschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten.


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[24/0024] Jn der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seines Gleichen den ganzen Gottesdienst uͤber. Oft fiel es ihm ein, daß er auf einem boͤsen Wege begriffen sey, er erinnerte sich mit Wehmuth an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden, allein so oft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst, und ein nagender Mißmuth seine besten Vorsaͤtze nieder, und machte, daß er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte. Der Gedanke, daß ihm seine liebsten Wuͤnsche und Hofnungen fehlgeschlagen, und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhoͤrlich, ohne daß er sich dessen immer deutlich bewußt war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen. Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre, und gegen sich selbst. Sein Morgen und Abendgebet laß er puͤnktlich wie vormals, aber ohne alle Empfindung. Wenn er zu dem alten Manne kam, that er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen gethan hatte, aus Verstellung, und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebenen Worten, worinn er faͤlschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten.

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 2, St. 2. Berlin, 1784, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0202_1784/24>, abgerufen am 22.09.2019.