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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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dem meine Schwägerin saß, und den mein Bru-
der selbst kutschierte. Sie fuhren beym Thor hin-
aus gegen Regensburg zu. Weiter weis kein
Mensch nichts von ihnen; denn es durfte kein Be-
dienter mit, und mein Bruder ist bis dato noch
nicht zurückgekommen. Soviel weis ich, daß mei-
ne Schwägerin hauptsächlich Schuld daran hat, daß
sie ins Kloster muß. Sie mag wohl ihre besondre
Absichten dabey haben. Meine Mutter weint be-
ständig, und um meinen Vater kann man gar
nicht seyn, so aufgebracht ist er. Er sagt, er woll
nun weiter gar nichts von dem Nickel wissen. Er
hat Dir auch sehr aufgedroht; und wollte ich Dir da-
her wohlmeynend gerathen haben, Dich je eher, je lie-
ber von hier weg zu machen. Jch werde dich wol
nicht sprechen können, weil mein Vater immer
auflaurt, und mich todtschlagen würde, wenn ers
wüßte. Sag daher keinem Menschen nichts, daß
ich nicht auch noch in Ungelegenheit drüber kom-
me! Wenn du nur den Brief erst hättest! Jch
bedaure dich, und sie gewiß. Weiter kann ich
aber auch nichts thun,

Dein getreuer Diener
Joseph Fischer.

Eine neue Erschütterung betäubte Siegwarts See-
le. Er fühlte sich wieder schwächer, ließ den Brief



dem meine Schwaͤgerin ſaß, und den mein Bru-
der ſelbſt kutſchierte. Sie fuhren beym Thor hin-
aus gegen Regensburg zu. Weiter weis kein
Menſch nichts von ihnen; denn es durfte kein Be-
dienter mit, und mein Bruder iſt bis dato noch
nicht zuruͤckgekommen. Soviel weis ich, daß mei-
ne Schwaͤgerin hauptſaͤchlich Schuld daran hat, daß
ſie ins Kloſter muß. Sie mag wohl ihre beſondre
Abſichten dabey haben. Meine Mutter weint be-
ſtaͤndig, und um meinen Vater kann man gar
nicht ſeyn, ſo aufgebracht iſt er. Er ſagt, er woll
nun weiter gar nichts von dem Nickel wiſſen. Er
hat Dir auch ſehr aufgedroht; und wollte ich Dir da-
her wohlmeynend gerathen haben, Dich je eher, je lie-
ber von hier weg zu machen. Jch werde dich wol
nicht ſprechen koͤnnen, weil mein Vater immer
auflaurt, und mich todtſchlagen wuͤrde, wenn ers
wuͤßte. Sag daher keinem Menſchen nichts, daß
ich nicht auch noch in Ungelegenheit druͤber kom-
me! Wenn du nur den Brief erſt haͤtteſt! Jch
bedaure dich, und ſie gewiß. Weiter kann ich
aber auch nichts thun,

Dein getreuer Diener
Joſeph Fiſcher.

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le. Er fuͤhlte ſich wieder ſchwaͤcher, ließ den Brief

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[919/0499] dem meine Schwaͤgerin ſaß, und den mein Bru- der ſelbſt kutſchierte. Sie fuhren beym Thor hin- aus gegen Regensburg zu. Weiter weis kein Menſch nichts von ihnen; denn es durfte kein Be- dienter mit, und mein Bruder iſt bis dato noch nicht zuruͤckgekommen. Soviel weis ich, daß mei- ne Schwaͤgerin hauptſaͤchlich Schuld daran hat, daß ſie ins Kloſter muß. Sie mag wohl ihre beſondre Abſichten dabey haben. Meine Mutter weint be- ſtaͤndig, und um meinen Vater kann man gar nicht ſeyn, ſo aufgebracht iſt er. Er ſagt, er woll nun weiter gar nichts von dem Nickel wiſſen. Er hat Dir auch ſehr aufgedroht; und wollte ich Dir da- her wohlmeynend gerathen haben, Dich je eher, je lie- ber von hier weg zu machen. Jch werde dich wol nicht ſprechen koͤnnen, weil mein Vater immer auflaurt, und mich todtſchlagen wuͤrde, wenn ers wuͤßte. Sag daher keinem Menſchen nichts, daß ich nicht auch noch in Ungelegenheit druͤber kom- me! Wenn du nur den Brief erſt haͤtteſt! Jch bedaure dich, und ſie gewiß. Weiter kann ich aber auch nichts thun, Dein getreuer Diener Joſeph Fiſcher. Eine neue Erſchuͤtterung betaͤubte Siegwarts See- le. Er fuͤhlte ſich wieder ſchwaͤcher, ließ den Brief

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 919. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/499>, abgerufen am 25.05.2019.