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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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rianen zugetragen? Nein. -- Er sah mich von der
Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen sehen,
sagte er, und gieng. -- Jch bin in der größten
Unruhe. Zum Hofrath Schrager hatte er gesagt:
Morgen also, um halb 5 Uhr haben wir die Eh-
re. -- Meine Schwägerin ließ auch einige Worte
fallen, und mein Bruder lachte höhnisch dazu.
Beym Weggehen wollte mir Hofr. Schrager die
Hand küssen. Jch zog sie zurück. Nu! rief mein
Vater sehr gebieterisch, und ich hielt die Hand
hin. -- Um Gotteswillen! sagte meine Mutter,
als wir allein waren, so hab ich den Papa noch
nie gesehen! Jch bitte dich bey allem, was heilig
ist, Mariane, sey nicht widerspenstig! Du weist,
was ich drunter leide. Ach Mama, sagt ich, und
sank in ihren Arm; bethen Sie für mich! Jch
brauche Kraft von Gott. Sie wissen, ich thu, was
ich kann. Aber ich kann nicht, wenn es darauf
ankommt. -- Jch will das Beste von dir hoffen,
versetzte sie; bedenk dich wohl! -- Siegwart, Sieg-
wart! Was will aus mir werden? Jch habe fürch-
terliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, leben-
dig oder todt! Gott kennt mein Herz; er kann
mich nicht ganz verlassen. -- Die Hälfte meines
Lebens wollt ich geben, wenn der morgende Tag



rianen zugetragen? Nein. — Er ſah mich von der
Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen ſehen,
ſagte er, und gieng. — Jch bin in der groͤßten
Unruhe. Zum Hofrath Schrager hatte er geſagt:
Morgen alſo, um halb 5 Uhr haben wir die Eh-
re. — Meine Schwaͤgerin ließ auch einige Worte
fallen, und mein Bruder lachte hoͤhniſch dazu.
Beym Weggehen wollte mir Hofr. Schrager die
Hand kuͤſſen. Jch zog ſie zuruͤck. Nu! rief mein
Vater ſehr gebieteriſch, und ich hielt die Hand
hin. — Um Gotteswillen! ſagte meine Mutter,
als wir allein waren, ſo hab ich den Papa noch
nie geſehen! Jch bitte dich bey allem, was heilig
iſt, Mariane, ſey nicht widerſpenſtig! Du weiſt,
was ich drunter leide. Ach Mama, ſagt ich, und
ſank in ihren Arm; bethen Sie fuͤr mich! Jch
brauche Kraft von Gott. Sie wiſſen, ich thu, was
ich kann. Aber ich kann nicht, wenn es darauf
ankommt. — Jch will das Beſte von dir hoffen,
verſetzte ſie; bedenk dich wohl! — Siegwart, Sieg-
wart! Was will aus mir werden? Jch habe fuͤrch-
terliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, leben-
dig oder todt! Gott kennt mein Herz; er kann
mich nicht ganz verlaſſen. — Die Haͤlfte meines
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[902/0482] rianen zugetragen? Nein. — Er ſah mich von der Seite vielbedeutend an. Nun, wir wollen ſehen, ſagte er, und gieng. — Jch bin in der groͤßten Unruhe. Zum Hofrath Schrager hatte er geſagt: Morgen alſo, um halb 5 Uhr haben wir die Eh- re. — Meine Schwaͤgerin ließ auch einige Worte fallen, und mein Bruder lachte hoͤhniſch dazu. Beym Weggehen wollte mir Hofr. Schrager die Hand kuͤſſen. Jch zog ſie zuruͤck. Nu! rief mein Vater ſehr gebieteriſch, und ich hielt die Hand hin. — Um Gotteswillen! ſagte meine Mutter, als wir allein waren, ſo hab ich den Papa noch nie geſehen! Jch bitte dich bey allem, was heilig iſt, Mariane, ſey nicht widerſpenſtig! Du weiſt, was ich drunter leide. Ach Mama, ſagt ich, und ſank in ihren Arm; bethen Sie fuͤr mich! Jch brauche Kraft von Gott. Sie wiſſen, ich thu, was ich kann. Aber ich kann nicht, wenn es darauf ankommt. — Jch will das Beſte von dir hoffen, verſetzte ſie; bedenk dich wohl! — Siegwart, Sieg- wart! Was will aus mir werden? Jch habe fuͤrch- terliche Ahndungen! Genug, ich bin dein, leben- dig oder todt! Gott kennt mein Herz; er kann mich nicht ganz verlaſſen. — Die Haͤlfte meines Lebens wollt ich geben, wenn der morgende Tag

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 902. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/482>, abgerufen am 21.05.2019.