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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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Laut. Er machte leis auf, und trat hinein. Sei-
ne Brüder, Salome, und seine Schwägerin stan-
den schluchzend ums Bett' herum. Schweigend
wichen sie zurück, als er hin trat. Todtenbleich
lag sein Vater auf dem Bett, und streckte die Hand
nach ihm aus, die kraftlos wieder niedersank.
Mein Sohn! -- sagte er. Siegwart stürzte sich
mit Thränen über seinen Vater, und küßte und
benetzte sein Gesicht. Gottlob! sagte der Vater,
leis' und langsam, daß ich dich noch sehe, und
legte die Hand auf seines Sohnes Haupt. Gott
segne dich! ... und steh dir bey ... mein
Sohn! ... Leb fromm ... und christlich ...
du kannst ... Jura studiren ... leb .. mit
Marianen ... Hier drückte er seine Hand stär-
ker auf sein Haupt, und starb. Ein allgemeiner
Jammerton erhub sich in der Stube. Siegwart
stürzte sich wieder über seinen Vater, drückte sein
Gesicht fest ans seinige; hub sich mit ausgestreck-
ten Armen auf, sah mit einem Gesicht, voll des
tiefsten Jammers, gen Himmel, und gieng aus
der Stube. Nach einer Viertelstunde kam sein
Bruder Karl mit einem Licht, und fand ihn, auf
einem Gesimse liegend, das Gesicht in beyde Ar-
me eingehüllt. Karl hub ihn auf. Ach mein Va-



Laut. Er machte leis auf, und trat hinein. Sei-
ne Bruͤder, Salome, und ſeine Schwaͤgerin ſtan-
den ſchluchzend ums Bett’ herum. Schweigend
wichen ſie zuruͤck, als er hin trat. Todtenbleich
lag ſein Vater auf dem Bett, und ſtreckte die Hand
nach ihm aus, die kraftlos wieder niederſank.
Mein Sohn! — ſagte er. Siegwart ſtuͤrzte ſich
mit Thraͤnen uͤber ſeinen Vater, und kuͤßte und
benetzte ſein Geſicht. Gottlob! ſagte der Vater,
leis’ und langſam, daß ich dich noch ſehe, und
legte die Hand auf ſeines Sohnes Haupt. Gott
ſegne dich! … und ſteh dir bey … mein
Sohn! … Leb fromm … und chriſtlich …
du kannſt … Jura ſtudiren … leb .. mit
Marianen … Hier druͤckte er ſeine Hand ſtaͤr-
ker auf ſein Haupt, und ſtarb. Ein allgemeiner
Jammerton erhub ſich in der Stube. Siegwart
ſtuͤrzte ſich wieder uͤber ſeinen Vater, druͤckte ſein
Geſicht feſt ans ſeinige; hub ſich mit ausgeſtreck-
ten Armen auf, ſah mit einem Geſicht, voll des
tiefſten Jammers, gen Himmel, und gieng aus
der Stube. Nach einer Viertelſtunde kam ſein
Bruder Karl mit einem Licht, und fand ihn, auf
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[874/0454] Laut. Er machte leis auf, und trat hinein. Sei- ne Bruͤder, Salome, und ſeine Schwaͤgerin ſtan- den ſchluchzend ums Bett’ herum. Schweigend wichen ſie zuruͤck, als er hin trat. Todtenbleich lag ſein Vater auf dem Bett, und ſtreckte die Hand nach ihm aus, die kraftlos wieder niederſank. Mein Sohn! — ſagte er. Siegwart ſtuͤrzte ſich mit Thraͤnen uͤber ſeinen Vater, und kuͤßte und benetzte ſein Geſicht. Gottlob! ſagte der Vater, leis’ und langſam, daß ich dich noch ſehe, und legte die Hand auf ſeines Sohnes Haupt. Gott ſegne dich! … und ſteh dir bey … mein Sohn! … Leb fromm … und chriſtlich … du kannſt … Jura ſtudiren … leb .. mit Marianen … Hier druͤckte er ſeine Hand ſtaͤr- ker auf ſein Haupt, und ſtarb. Ein allgemeiner Jammerton erhub ſich in der Stube. Siegwart ſtuͤrzte ſich wieder uͤber ſeinen Vater, druͤckte ſein Geſicht feſt ans ſeinige; hub ſich mit ausgeſtreck- ten Armen auf, ſah mit einem Geſicht, voll des tiefſten Jammers, gen Himmel, und gieng aus der Stube. Nach einer Viertelſtunde kam ſein Bruder Karl mit einem Licht, und fand ihn, auf einem Geſimſe liegend, das Geſicht in beyde Ar- me eingehuͤllt. Karl hub ihn auf. Ach mein Va-

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 874. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/454>, abgerufen am 14.10.2019.