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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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alles nicht, sie summirte, und siehe da: Summa
summarum war 19 Thaler 46 Kreuzer, daß mir
also gerad noch 44 Kreuzer heraustrasen. Jch
dacht, ich hätte Blut weinen müssen, wie ichs hör-
te. Jch wollt ihr zu Füßen fallen, und ihr mei-
ne Unschuld darthun; aber sie gab mir noch harte
Reden, warf mir das Geld in lauter Zweyern hin,
und schlug die Thür zu. Jch wollt vor den gnäd-
gen Herrn, und ihm meine Noth klagen, aber sie
stand bey ihm im Hof, und da durft ich nichts sa-
gen. Die Livree gehört auch noch uns, sagte sie.
Ach, mein Schatz, laß ihm das, sagte er; es ist
doch nicht viel mehr dran! Nun, so kann er sich
aus dem Schloßhof packen, rief sie, und sich nie
mehr drinn erblicken lassen! -- So hat man mirs
gemacht, und Gott weiß, ich hab meinem Herrn
treu gedient, das wißt ihr, Wirthin, und alle Leut
im Dorf wissens. Nun weiß ich nicht wo naus.
Auf dem Leib hab ich nichts als diesen Kittel, an
dem man alle Fäden zählen kann. Kein Attestat
hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden.
Und ohne Attestat nimmt mich keine Herrschaft an.
Und, Gott weiß, meynts einer mit seiner Herr-
schaft ehrlich, so thus ich. Jch wollte gleich mein
Leben lassen, wenn mein Herr in Gefahr kommt;



alles nicht, ſie ſummirte, und ſiehe da: Summa
ſummarum war 19 Thaler 46 Kreuzer, daß mir
alſo gerad noch 44 Kreuzer heraustraſen. Jch
dacht, ich haͤtte Blut weinen muͤſſen, wie ichs hoͤr-
te. Jch wollt ihr zu Fuͤßen fallen, und ihr mei-
ne Unſchuld darthun; aber ſie gab mir noch harte
Reden, warf mir das Geld in lauter Zweyern hin,
und ſchlug die Thuͤr zu. Jch wollt vor den gnaͤd-
gen Herrn, und ihm meine Noth klagen, aber ſie
ſtand bey ihm im Hof, und da durft ich nichts ſa-
gen. Die Livree gehoͤrt auch noch uns, ſagte ſie.
Ach, mein Schatz, laß ihm das, ſagte er; es iſt
doch nicht viel mehr dran! Nun, ſo kann er ſich
aus dem Schloßhof packen, rief ſie, und ſich nie
mehr drinn erblicken laſſen! — So hat man mirs
gemacht, und Gott weiß, ich hab meinem Herrn
treu gedient, das wißt ihr, Wirthin, und alle Leut
im Dorf wiſſens. Nun weiß ich nicht wo naus.
Auf dem Leib hab ich nichts als dieſen Kittel, an
dem man alle Faͤden zaͤhlen kann. Kein Atteſtat
hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden.
Und ohne Atteſtat nimmt mich keine Herrſchaft an.
Und, Gott weiß, meynts einer mit ſeiner Herr-
ſchaft ehrlich, ſo thus ich. Jch wollte gleich mein
Leben laſſen, wenn mein Herr in Gefahr kommt;

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[718/0298] alles nicht, ſie ſummirte, und ſiehe da: Summa ſummarum war 19 Thaler 46 Kreuzer, daß mir alſo gerad noch 44 Kreuzer heraustraſen. Jch dacht, ich haͤtte Blut weinen muͤſſen, wie ichs hoͤr- te. Jch wollt ihr zu Fuͤßen fallen, und ihr mei- ne Unſchuld darthun; aber ſie gab mir noch harte Reden, warf mir das Geld in lauter Zweyern hin, und ſchlug die Thuͤr zu. Jch wollt vor den gnaͤd- gen Herrn, und ihm meine Noth klagen, aber ſie ſtand bey ihm im Hof, und da durft ich nichts ſa- gen. Die Livree gehoͤrt auch noch uns, ſagte ſie. Ach, mein Schatz, laß ihm das, ſagte er; es iſt doch nicht viel mehr dran! Nun, ſo kann er ſich aus dem Schloßhof packen, rief ſie, und ſich nie mehr drinn erblicken laſſen! — So hat man mirs gemacht, und Gott weiß, ich hab meinem Herrn treu gedient, das wißt ihr, Wirthin, und alle Leut im Dorf wiſſens. Nun weiß ich nicht wo naus. Auf dem Leib hab ich nichts als dieſen Kittel, an dem man alle Faͤden zaͤhlen kann. Kein Atteſtat hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden. Und ohne Atteſtat nimmt mich keine Herrſchaft an. Und, Gott weiß, meynts einer mit ſeiner Herr- ſchaft ehrlich, ſo thus ich. Jch wollte gleich mein Leben laſſen, wenn mein Herr in Gefahr kommt;

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 718. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/298>, abgerufen am 21.10.2019.