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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

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fehlt denn ihm, Marx? sagte die Wirthin. Ey,
was wird mir fehlen! antwortete er; sie haben
mich im Schloß fortgeschickt, und nun kann ich
betteln. Das ist mir eine Haushaltung! Da ist
ein welscher Hahn aus dem Schlosse weggekommen,
und weil ich nichts davon wissen wollte, und auch
meiner Treu nichts wuste; da geben sie mir mei-
nen Abschied. Jst das auch erlaubt? Aber ich
weis schon wo das her kommt. Die gnädige
Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat
auch seine Ursachen. Möcht ich nur Händel an-
richten, und dem gnädigen Herrn ein paar Stück-
chen vom Jäger und von ihr erzählen! Aber das
mag ich ihm nicht zu leid thun. Er ist ein kreuz-
braver Herr, der so schon seine liebe Noth hat.
Nur das ist unverantwortlich und himmelschreyend,
daß man einem armen Dienstbothen seinen Lohn nicht
gibt. Jch hatte zwanzig Thälerchen zu sodern; da kam
die gnädige Frau mit ihrer großen Schreibtafel,
und hatte, der Henker weiß, was all? drauf ge-
schrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich
nie gesehen hatte, da war dieß und jenes am Sat-
telzeug zerrissen; ein Füllen war gestorben, und da
sollt alle ich Schuld dran seyn, und das Ding be-
zahlen. Jch mochte sagen, was ich wollt; es half



fehlt denn ihm, Marx? ſagte die Wirthin. Ey,
was wird mir fehlen! antwortete er; ſie haben
mich im Schloß fortgeſchickt, und nun kann ich
betteln. Das iſt mir eine Haushaltung! Da iſt
ein welſcher Hahn aus dem Schloſſe weggekommen,
und weil ich nichts davon wiſſen wollte, und auch
meiner Treu nichts wuſte; da geben ſie mir mei-
nen Abſchied. Jſt das auch erlaubt? Aber ich
weis ſchon wo das her kommt. Die gnaͤdige
Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat
auch ſeine Urſachen. Moͤcht ich nur Haͤndel an-
richten, und dem gnaͤdigen Herrn ein paar Stuͤck-
chen vom Jaͤger und von ihr erzaͤhlen! Aber das
mag ich ihm nicht zu leid thun. Er iſt ein kreuz-
braver Herr, der ſo ſchon ſeine liebe Noth hat.
Nur das iſt unverantwortlich und himmelſchreyend,
daß man einem armen Dienſtbothen ſeinen Lohn nicht
gibt. Jch hatte zwanzig Thaͤlerchen zu ſodern; da kam
die gnaͤdige Frau mit ihrer großen Schreibtafel,
und hatte, der Henker weiß, was all? drauf ge-
ſchrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich
nie geſehen hatte, da war dieß und jenes am Sat-
telzeug zerriſſen; ein Fuͤllen war geſtorben, und da
ſollt alle ich Schuld dran ſeyn, und das Ding be-
zahlen. Jch mochte ſagen, was ich wollt; es half

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[717/0297] fehlt denn ihm, Marx? ſagte die Wirthin. Ey, was wird mir fehlen! antwortete er; ſie haben mich im Schloß fortgeſchickt, und nun kann ich betteln. Das iſt mir eine Haushaltung! Da iſt ein welſcher Hahn aus dem Schloſſe weggekommen, und weil ich nichts davon wiſſen wollte, und auch meiner Treu nichts wuſte; da geben ſie mir mei- nen Abſchied. Jſt das auch erlaubt? Aber ich weis ſchon wo das her kommt. Die gnaͤdige Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat auch ſeine Urſachen. Moͤcht ich nur Haͤndel an- richten, und dem gnaͤdigen Herrn ein paar Stuͤck- chen vom Jaͤger und von ihr erzaͤhlen! Aber das mag ich ihm nicht zu leid thun. Er iſt ein kreuz- braver Herr, der ſo ſchon ſeine liebe Noth hat. Nur das iſt unverantwortlich und himmelſchreyend, daß man einem armen Dienſtbothen ſeinen Lohn nicht gibt. Jch hatte zwanzig Thaͤlerchen zu ſodern; da kam die gnaͤdige Frau mit ihrer großen Schreibtafel, und hatte, der Henker weiß, was all? drauf ge- ſchrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich nie geſehen hatte, da war dieß und jenes am Sat- telzeug zerriſſen; ein Fuͤllen war geſtorben, und da ſollt alle ich Schuld dran ſeyn, und das Ding be- zahlen. Jch mochte ſagen, was ich wollt; es half

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Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 717. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/297>, abgerufen am 27.06.2019.