Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776.

Bild:
<< vorherige Seite



sie soll mich noch Gelassenheit und Sanftmuth leh-
ren, oder ich wär ihrer Liebe nicht werth! Schreib
ihr nur nichts davon! Jch müßt mich schämen! --
Da kannst du ihren Brief lesen. Es ist der Wie-
derschein ihrer Seele. Die Zärtlichkeit hat ihr
ihn selbst eingegeben. Siegwart ließ ihn auch
den Brief lesen, den sie ihm geschrieben hatte. --
Es ist herrlich, wie das Mädchen schreibt! sagte
Kronhelm; so natürlich und so wahr! Man sieht
doch gleich, was Natur ist! --

Kronhelm und Siegwart schrieben nun wie-
der an Theresen und an ihren Vater. Kronhelm
ward oft sehr bewegt, und mußte inne halten, so
gegenwärtig stellte er sich das Mädchen vor. Er
konnte es nicht ganz lassen, und schrieb ihr doch
einiges von seiner Ungeduld, in die er über ihr
vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den
Nachmittag schickten sie die Briefe fort.

Den Sonntag darauf besuchten sie den jungen
Grünbach, und erzählten ihm von ihrer Reise.
Seine Schwester Sophie kam, unter dem Vor-
wand, Musikalien zu holen, auch aufs Zimmer,
und blieb über eine Stunde da. Das arme Mäd-
chen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart,
und litt recht viel dabey, daß er so wenig auf sie



ſie ſoll mich noch Gelaſſenheit und Sanftmuth leh-
ren, oder ich waͤr ihrer Liebe nicht werth! Schreib
ihr nur nichts davon! Jch muͤßt mich ſchaͤmen! —
Da kannſt du ihren Brief leſen. Es iſt der Wie-
derſchein ihrer Seele. Die Zaͤrtlichkeit hat ihr
ihn ſelbſt eingegeben. Siegwart ließ ihn auch
den Brief leſen, den ſie ihm geſchrieben hatte. —
Es iſt herrlich, wie das Maͤdchen ſchreibt! ſagte
Kronhelm; ſo natuͤrlich und ſo wahr! Man ſieht
doch gleich, was Natur iſt! —

Kronhelm und Siegwart ſchrieben nun wie-
der an Thereſen und an ihren Vater. Kronhelm
ward oft ſehr bewegt, und mußte inne halten, ſo
gegenwaͤrtig ſtellte er ſich das Maͤdchen vor. Er
konnte es nicht ganz laſſen, und ſchrieb ihr doch
einiges von ſeiner Ungeduld, in die er uͤber ihr
vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den
Nachmittag ſchickten ſie die Briefe fort.

Den Sonntag darauf beſuchten ſie den jungen
Gruͤnbach, und erzaͤhlten ihm von ihrer Reiſe.
Seine Schweſter Sophie kam, unter dem Vor-
wand, Muſikalien zu holen, auch aufs Zimmer,
und blieb uͤber eine Stunde da. Das arme Maͤd-
chen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart,
und litt recht viel dabey, daß er ſo wenig auf ſie

<TEI xml:id="dtabf">
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0025" n="445"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
&#x017F;ie &#x017F;oll mich noch Gela&#x017F;&#x017F;enheit und Sanftmuth leh-<lb/>
ren, oder ich wa&#x0364;r ihrer Liebe nicht werth! Schreib<lb/>
ihr nur nichts davon! Jch mu&#x0364;ßt mich &#x017F;cha&#x0364;men! &#x2014;<lb/>
Da kann&#x017F;t du ihren Brief le&#x017F;en. Es i&#x017F;t der Wie-<lb/>
der&#x017F;chein ihrer Seele. Die Za&#x0364;rtlichkeit hat ihr<lb/>
ihn &#x017F;elb&#x017F;t eingegeben. <hi rendition="#fr">Siegwart</hi> ließ ihn auch<lb/>
den Brief le&#x017F;en, den &#x017F;ie ihm ge&#x017F;chrieben hatte. &#x2014;<lb/>
Es i&#x017F;t herrlich, wie das Ma&#x0364;dchen &#x017F;chreibt! &#x017F;agte<lb/><hi rendition="#fr">Kronhelm;</hi> &#x017F;o natu&#x0364;rlich und &#x017F;o wahr! Man &#x017F;ieht<lb/>
doch gleich, was Natur i&#x017F;t! &#x2014;</p><lb/>
        <p><hi rendition="#fr">Kronhelm</hi> und <hi rendition="#fr">Siegwart</hi> &#x017F;chrieben nun wie-<lb/>
der an <hi rendition="#fr">There&#x017F;en</hi> und an ihren Vater. <hi rendition="#fr">Kronhelm</hi><lb/>
ward oft &#x017F;ehr bewegt, und mußte inne halten, &#x017F;o<lb/>
gegenwa&#x0364;rtig &#x017F;tellte er &#x017F;ich das Ma&#x0364;dchen vor. Er<lb/>
konnte es nicht ganz la&#x017F;&#x017F;en, und &#x017F;chrieb ihr doch<lb/>
einiges von &#x017F;einer Ungeduld, in die er u&#x0364;ber ihr<lb/>
vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den<lb/>
Nachmittag &#x017F;chickten &#x017F;ie die Briefe fort.</p><lb/>
        <p>Den Sonntag darauf be&#x017F;uchten &#x017F;ie den jungen<lb/><hi rendition="#fr">Gru&#x0364;nbach,</hi> und erza&#x0364;hlten ihm von ihrer Rei&#x017F;e.<lb/>
Seine Schwe&#x017F;ter <hi rendition="#fr">Sophie</hi> kam, unter dem Vor-<lb/>
wand, Mu&#x017F;ikalien zu holen, auch aufs Zimmer,<lb/>
und blieb u&#x0364;ber eine Stunde da. Das arme Ma&#x0364;d-<lb/>
chen hieng mit ihren Augen immer an <hi rendition="#fr">Siegwart,</hi><lb/>
und litt recht viel dabey, daß er &#x017F;o wenig auf &#x017F;ie<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[445/0025] ſie ſoll mich noch Gelaſſenheit und Sanftmuth leh- ren, oder ich waͤr ihrer Liebe nicht werth! Schreib ihr nur nichts davon! Jch muͤßt mich ſchaͤmen! — Da kannſt du ihren Brief leſen. Es iſt der Wie- derſchein ihrer Seele. Die Zaͤrtlichkeit hat ihr ihn ſelbſt eingegeben. Siegwart ließ ihn auch den Brief leſen, den ſie ihm geſchrieben hatte. — Es iſt herrlich, wie das Maͤdchen ſchreibt! ſagte Kronhelm; ſo natuͤrlich und ſo wahr! Man ſieht doch gleich, was Natur iſt! — Kronhelm und Siegwart ſchrieben nun wie- der an Thereſen und an ihren Vater. Kronhelm ward oft ſehr bewegt, und mußte inne halten, ſo gegenwaͤrtig ſtellte er ſich das Maͤdchen vor. Er konnte es nicht ganz laſſen, und ſchrieb ihr doch einiges von ſeiner Ungeduld, in die er uͤber ihr vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den Nachmittag ſchickten ſie die Briefe fort. Den Sonntag darauf beſuchten ſie den jungen Gruͤnbach, und erzaͤhlten ihm von ihrer Reiſe. Seine Schweſter Sophie kam, unter dem Vor- wand, Muſikalien zu holen, auch aufs Zimmer, und blieb uͤber eine Stunde da. Das arme Maͤd- chen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart, und litt recht viel dabey, daß er ſo wenig auf ſie

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/25
Zitationshilfe: Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 445. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/25>, abgerufen am 23.03.2019.