Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Menger, Carl: Grundsätze der Volkswirthschaftslehre. Wien, 1871.

Bild:
<< vorherige Seite

Ueber das Wesen und den Ursprung des Geldes.
unter der Voraussetzung, dass er bereits für seinen directen Be-
darf genügend mit Vieh versorgt wäre, sehr unökonomisch
handeln, falls er seine Rüstungen nicht auch gegen eine Anzahl
von Häuptern Vieh hingeben würde. Er tauscht damit gegen
seine Waare allerdings nicht Gebrauchsgüter (im engern, dem
der "Waare" entgegengesetzten Sinne dieses Wortes), sondern
nur solche Güter ein, welche für ihn gleichfalls den Waaren-
charakter haben, wohl aber erhält er für seine minder absatz-
fähigen Waaren solche von grösserer Absatzfähigkeit und es ist
klar, dass der Besitz dieser letzteren ihm die Wahrscheinlichkeit
vervielfacht, am Markte Personen aufzufinden, welche die ihm selbst
erforderlichen Gebrauchsgüter feil bieten. Unser Rüstungschmied
wird demnach bei richtiger Erkenntniss seines individuellen
Interesses naturgemäss, ohne Zwang, oder besondere Ueberein-
kunft dazu geführt werden, seine Rüstungen gegen eine ent-
sprechende Anzahl Viehhäupter hinzugeben und mit den so ge-
wonnenen absatzfähigeren Waaren sich zu jenen Marktbesuchern
verfügen, welche Kupfer, Brennmaterialien und Nahrungsmittel
feil bieten, um nunmehr mit vervielfachter Wahrscheinlichkeit
und jedenfalls viel rascher und in ökonomischerer Weise seinen
Endzweck, den Austausch der ihm nöthigen Gebrauchsgüter
zu erreichen.

Das ökonomische Interesse der einzelnen wirthschaften-
den Individuen führt sie demnach, bei gesteigerter Erkenntniss
dieses ihres Interesses, ohne alle Uebereinkunft, ohne
legislativen Zwang, ja ohne alle Rücksichtsnahme
auf das öffentliche Interesse
dazu, ihre Waaren gegen
andere, absatzfähigere Waaren im Austausche hinzugeben,
selbst wenn sie dieser letzteren für ihre unmittelbaren Gebrauchs-
zwecke nicht bedürfen, und so tritt denn unter dem mächtigen
Einflusse der Gewohnheit die allerorten mit der steigenden
ökonomischen Cultur zu beobachtende Erscheinung zu Tage, dass
eine gewisse Anzahl von Gütern, und zwar jene, welche mit
Rücksicht auf Zeit und Ort die absatzfähigsten sind, von Jeder-
mann im Austausche angenommen werden und desshalb auch
gegen jede andere Waare umgesetzt werden können, Güter,
welche unsere Vorfahren Geld nannten, von "gelten," das ist

Ueber das Wesen und den Ursprung des Geldes.
unter der Voraussetzung, dass er bereits für seinen directen Be-
darf genügend mit Vieh versorgt wäre, sehr unökonomisch
handeln, falls er seine Rüstungen nicht auch gegen eine Anzahl
von Häuptern Vieh hingeben würde. Er tauscht damit gegen
seine Waare allerdings nicht Gebrauchsgüter (im engern, dem
der „Waare“ entgegengesetzten Sinne dieses Wortes), sondern
nur solche Güter ein, welche für ihn gleichfalls den Waaren-
charakter haben, wohl aber erhält er für seine minder absatz-
fähigen Waaren solche von grösserer Absatzfähigkeit und es ist
klar, dass der Besitz dieser letzteren ihm die Wahrscheinlichkeit
vervielfacht, am Markte Personen aufzufinden, welche die ihm selbst
erforderlichen Gebrauchsgüter feil bieten. Unser Rüstungschmied
wird demnach bei richtiger Erkenntniss seines individuellen
Interesses naturgemäss, ohne Zwang, oder besondere Ueberein-
kunft dazu geführt werden, seine Rüstungen gegen eine ent-
sprechende Anzahl Viehhäupter hinzugeben und mit den so ge-
wonnenen absatzfähigeren Waaren sich zu jenen Marktbesuchern
verfügen, welche Kupfer, Brennmaterialien und Nahrungsmittel
feil bieten, um nunmehr mit vervielfachter Wahrscheinlichkeit
und jedenfalls viel rascher und in ökonomischerer Weise seinen
Endzweck, den Austausch der ihm nöthigen Gebrauchsgüter
zu erreichen.

Das ökonomische Interesse der einzelnen wirthschaften-
den Individuen führt sie demnach, bei gesteigerter Erkenntniss
dieses ihres Interesses, ohne alle Uebereinkunft, ohne
legislativen Zwang, ja ohne alle Rücksichtsnahme
auf das öffentliche Interesse
dazu, ihre Waaren gegen
andere, absatzfähigere Waaren im Austausche hinzugeben,
selbst wenn sie dieser letzteren für ihre unmittelbaren Gebrauchs-
zwecke nicht bedürfen, und so tritt denn unter dem mächtigen
Einflusse der Gewohnheit die allerorten mit der steigenden
ökonomischen Cultur zu beobachtende Erscheinung zu Tage, dass
eine gewisse Anzahl von Gütern, und zwar jene, welche mit
Rücksicht auf Zeit und Ort die absatzfähigsten sind, von Jeder-
mann im Austausche angenommen werden und desshalb auch
gegen jede andere Waare umgesetzt werden können, Güter,
welche unsere Vorfahren Geld nannten, von „gelten,“ das ist

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0271" n="253"/><fw place="top" type="header">Ueber das Wesen und den Ursprung des Geldes.</fw><lb/>
unter der Voraussetzung, dass er bereits für seinen directen Be-<lb/>
darf genügend mit Vieh versorgt wäre, sehr unökonomisch<lb/>
handeln, falls er seine Rüstungen nicht auch gegen eine Anzahl<lb/>
von Häuptern Vieh hingeben würde. Er tauscht damit gegen<lb/>
seine Waare allerdings nicht Gebrauchsgüter (im engern, dem<lb/>
der &#x201E;Waare&#x201C; entgegengesetzten Sinne dieses Wortes), sondern<lb/>
nur solche Güter ein, welche für ihn gleichfalls den Waaren-<lb/>
charakter haben, wohl aber erhält er für seine minder absatz-<lb/>
fähigen Waaren solche von grösserer Absatzfähigkeit und es ist<lb/>
klar, dass der Besitz dieser letzteren ihm die Wahrscheinlichkeit<lb/>
vervielfacht, am Markte Personen aufzufinden, welche die ihm selbst<lb/>
erforderlichen Gebrauchsgüter feil bieten. Unser Rüstungschmied<lb/>
wird demnach bei richtiger Erkenntniss seines individuellen<lb/>
Interesses naturgemäss, ohne Zwang, oder besondere Ueberein-<lb/>
kunft dazu geführt werden, seine Rüstungen gegen eine ent-<lb/>
sprechende Anzahl Viehhäupter hinzugeben und mit den so ge-<lb/>
wonnenen absatzfähigeren Waaren sich zu jenen Marktbesuchern<lb/>
verfügen, welche Kupfer, Brennmaterialien und Nahrungsmittel<lb/>
feil bieten, um nunmehr mit vervielfachter Wahrscheinlichkeit<lb/>
und jedenfalls viel rascher und in ökonomischerer Weise seinen<lb/><hi rendition="#g">Endzweck</hi>, den Austausch der ihm nöthigen Gebrauchsgüter<lb/>
zu erreichen.</p><lb/>
          <p>Das ökonomische Interesse der <hi rendition="#g">einzelnen</hi> wirthschaften-<lb/>
den Individuen führt sie demnach, bei gesteigerter Erkenntniss<lb/>
dieses ihres <hi rendition="#g">Interesses, ohne alle Uebereinkunft, ohne<lb/>
legislativen Zwang, ja ohne alle Rücksichtsnahme<lb/>
auf das öffentliche Interesse</hi> dazu, ihre Waaren gegen<lb/>
andere, absatzfähigere Waaren im Austausche hinzugeben,<lb/>
selbst wenn sie dieser letzteren für ihre unmittelbaren Gebrauchs-<lb/>
zwecke nicht bedürfen, und so tritt denn unter dem mächtigen<lb/>
Einflusse der <hi rendition="#g">Gewohnheit</hi> die allerorten mit der steigenden<lb/>
ökonomischen Cultur zu beobachtende Erscheinung zu Tage, dass<lb/>
eine gewisse Anzahl von Gütern, und zwar jene, welche mit<lb/>
Rücksicht auf Zeit und Ort die absatzfähigsten sind, von Jeder-<lb/>
mann im Austausche angenommen werden und desshalb auch<lb/>
gegen jede andere Waare umgesetzt werden können, Güter,<lb/>
welche unsere Vorfahren <hi rendition="#g">Geld</hi> nannten, von &#x201E;gelten,&#x201C; das ist<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[253/0271] Ueber das Wesen und den Ursprung des Geldes. unter der Voraussetzung, dass er bereits für seinen directen Be- darf genügend mit Vieh versorgt wäre, sehr unökonomisch handeln, falls er seine Rüstungen nicht auch gegen eine Anzahl von Häuptern Vieh hingeben würde. Er tauscht damit gegen seine Waare allerdings nicht Gebrauchsgüter (im engern, dem der „Waare“ entgegengesetzten Sinne dieses Wortes), sondern nur solche Güter ein, welche für ihn gleichfalls den Waaren- charakter haben, wohl aber erhält er für seine minder absatz- fähigen Waaren solche von grösserer Absatzfähigkeit und es ist klar, dass der Besitz dieser letzteren ihm die Wahrscheinlichkeit vervielfacht, am Markte Personen aufzufinden, welche die ihm selbst erforderlichen Gebrauchsgüter feil bieten. Unser Rüstungschmied wird demnach bei richtiger Erkenntniss seines individuellen Interesses naturgemäss, ohne Zwang, oder besondere Ueberein- kunft dazu geführt werden, seine Rüstungen gegen eine ent- sprechende Anzahl Viehhäupter hinzugeben und mit den so ge- wonnenen absatzfähigeren Waaren sich zu jenen Marktbesuchern verfügen, welche Kupfer, Brennmaterialien und Nahrungsmittel feil bieten, um nunmehr mit vervielfachter Wahrscheinlichkeit und jedenfalls viel rascher und in ökonomischerer Weise seinen Endzweck, den Austausch der ihm nöthigen Gebrauchsgüter zu erreichen. Das ökonomische Interesse der einzelnen wirthschaften- den Individuen führt sie demnach, bei gesteigerter Erkenntniss dieses ihres Interesses, ohne alle Uebereinkunft, ohne legislativen Zwang, ja ohne alle Rücksichtsnahme auf das öffentliche Interesse dazu, ihre Waaren gegen andere, absatzfähigere Waaren im Austausche hinzugeben, selbst wenn sie dieser letzteren für ihre unmittelbaren Gebrauchs- zwecke nicht bedürfen, und so tritt denn unter dem mächtigen Einflusse der Gewohnheit die allerorten mit der steigenden ökonomischen Cultur zu beobachtende Erscheinung zu Tage, dass eine gewisse Anzahl von Gütern, und zwar jene, welche mit Rücksicht auf Zeit und Ort die absatzfähigsten sind, von Jeder- mann im Austausche angenommen werden und desshalb auch gegen jede andere Waare umgesetzt werden können, Güter, welche unsere Vorfahren Geld nannten, von „gelten,“ das ist

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/menger_volkswirtschaftslehre_1871
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/menger_volkswirtschaftslehre_1871/271
Zitationshilfe: Menger, Carl: Grundsätze der Volkswirthschaftslehre. Wien, 1871, S. 253. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/menger_volkswirtschaftslehre_1871/271>, abgerufen am 18.09.2020.