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Luz, Johann Friedrich: Unterricht vom Blitz und den Blitz- oder Wetter-Ableitern. Frankfurt und Leipzig, 1784.

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Der berühmte Franklin, dem die americanischen
Staaten grosentheils die Erlangung ihrer Freyheit zu
verdanken haben, verfiel etliche Jahre darauf auf die
nehmliche Meynung. Um sich aber zu überzeugen ob
seine Vermuthung gegründet seye oder nicht, erdachte
er ein sehr sonderbahres Mittel.

Es ist bekannt daß die Knaben an manchen Orten,
zu ihrem Spiel einen sogenannten Drachen in die Luft
steigen lassen. Dieser ist nichts anders als ein oval
geformter Reif den sie mit Papier überziehen, in dessen
Mitte aber eine lange Schnur bevestigen. Wenn man
bey einigem Wind diesen Drachen mit Vortheil schwin-
get, so wird er von der Luft in die Höhe geführt. Mit
der an ihm befindlichen Schnur aber kan man ihn nach-
Wohlgefallen regieren.

Einen solchen Drachen nahm Franklin, flochte
aber in die Schnur, mit dem er ihn in die Wolken
steigen ließ, einen feinen metallenen Drath die ganze
Länge hindurch, ein; An das untere Ende der Schnur,
knüpfte er eine seidene Schnur, und ließ ihn also zur
Zeit eines herannahenden Donnerwetters in die Höhe
steigen. Franklin schloß: wenn das Feuer des Bli-
tzes eben dasjenige Feuer seyn würde, welches man von
der electrischen Maschiene erhält; so müste es aus
den Wolken, in den Drath der in die Schnur einge-
flochten war, und an diesem die ganze Länge herab,
biß auf die Erde gehen. Weil aber an das untere
Ende der Schnur, ein Stück seidener Schnur ange-
bracht war, so müsse das Feuer dadurch aufgehalten
werden, und an der metallenen Schnur bleiben.

Es geschahe auch was Franklin vermuthete. Denn
als er die metallene Schnur mit dem Finger berührte,
so fuhren Funken heraus, die jenen Funcken vollkommen

ähn-

Der beruͤhmte Franklin, dem die americaniſchen
Staaten groſentheils die Erlangung ihrer Freyheit zu
verdanken haben, verfiel etliche Jahre darauf auf die
nehmliche Meynung. Um ſich aber zu uͤberzeugen ob
ſeine Vermuthung gegruͤndet ſeye oder nicht, erdachte
er ein ſehr ſonderbahres Mittel.

Es iſt bekannt daß die Knaben an manchen Orten,
zu ihrem Spiel einen ſogenannten Drachen in die Luft
ſteigen laſſen. Dieſer iſt nichts anders als ein oval
geformter Reif den ſie mit Papier uͤberziehen, in deſſen
Mitte aber eine lange Schnur beveſtigen. Wenn man
bey einigem Wind dieſen Drachen mit Vortheil ſchwin-
get, ſo wird er von der Luft in die Hoͤhe gefuͤhrt. Mit
der an ihm befindlichen Schnur aber kan man ihn nach-
Wohlgefallen regieren.

Einen ſolchen Drachen nahm Franklin, flochte
aber in die Schnur, mit dem er ihn in die Wolken
ſteigen ließ, einen feinen metallenen Drath die ganze
Laͤnge hindurch, ein; An das untere Ende der Schnur,
knuͤpfte er eine ſeidene Schnur, und ließ ihn alſo zur
Zeit eines herannahenden Donnerwetters in die Hoͤhe
ſteigen. Franklin ſchloß: wenn das Feuer des Bli-
tzes eben dasjenige Feuer ſeyn wuͤrde, welches man von
der electriſchen Maſchiene erhaͤlt; ſo muͤſte es aus
den Wolken, in den Drath der in die Schnur einge-
flochten war, und an dieſem die ganze Laͤnge herab,
biß auf die Erde gehen. Weil aber an das untere
Ende der Schnur, ein Stuͤck ſeidener Schnur ange-
bracht war, ſo muͤſſe das Feuer dadurch aufgehalten
werden, und an der metallenen Schnur bleiben.

Es geſchahe auch was Franklin vermuthete. Denn
als er die metallene Schnur mit dem Finger beruͤhrte,
ſo fuhren Funken heraus, die jenen Funcken vollkommen

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[6/0022] Der beruͤhmte Franklin, dem die americaniſchen Staaten groſentheils die Erlangung ihrer Freyheit zu verdanken haben, verfiel etliche Jahre darauf auf die nehmliche Meynung. Um ſich aber zu uͤberzeugen ob ſeine Vermuthung gegruͤndet ſeye oder nicht, erdachte er ein ſehr ſonderbahres Mittel. Es iſt bekannt daß die Knaben an manchen Orten, zu ihrem Spiel einen ſogenannten Drachen in die Luft ſteigen laſſen. Dieſer iſt nichts anders als ein oval geformter Reif den ſie mit Papier uͤberziehen, in deſſen Mitte aber eine lange Schnur beveſtigen. Wenn man bey einigem Wind dieſen Drachen mit Vortheil ſchwin- get, ſo wird er von der Luft in die Hoͤhe gefuͤhrt. Mit der an ihm befindlichen Schnur aber kan man ihn nach- Wohlgefallen regieren. Einen ſolchen Drachen nahm Franklin, flochte aber in die Schnur, mit dem er ihn in die Wolken ſteigen ließ, einen feinen metallenen Drath die ganze Laͤnge hindurch, ein; An das untere Ende der Schnur, knuͤpfte er eine ſeidene Schnur, und ließ ihn alſo zur Zeit eines herannahenden Donnerwetters in die Hoͤhe ſteigen. Franklin ſchloß: wenn das Feuer des Bli- tzes eben dasjenige Feuer ſeyn wuͤrde, welches man von der electriſchen Maſchiene erhaͤlt; ſo muͤſte es aus den Wolken, in den Drath der in die Schnur einge- flochten war, und an dieſem die ganze Laͤnge herab, biß auf die Erde gehen. Weil aber an das untere Ende der Schnur, ein Stuͤck ſeidener Schnur ange- bracht war, ſo muͤſſe das Feuer dadurch aufgehalten werden, und an der metallenen Schnur bleiben. Es geſchahe auch was Franklin vermuthete. Denn als er die metallene Schnur mit dem Finger beruͤhrte, ſo fuhren Funken heraus, die jenen Funcken vollkommen aͤhn-

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Zitationshilfe: Luz, Johann Friedrich: Unterricht vom Blitz und den Blitz- oder Wetter-Ableitern. Frankfurt und Leipzig, 1784, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/luz_blitz_1784/22>, abgerufen am 17.09.2019.