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Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 3. Stuttgart, 1836.

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Eigenschaften der Körper.
Vögeln und Fischen aber elliptisch. In dem Blute der Menschen
beträgt der Durchmesser dieser Kügelchen nur den 4000sten Theil
eines Zolls, woraus folgt, daß in einem solchen Blutstropfen,
der an der Spitze der feinsten Nadel hängen bleibt, wenigstens
eine Million solcher Kügelchen enthalten seyn muß.

Und doch haben uns die Mikroscope schon Thiere gezeigt, die
noch kleiner sind, als diese Kügelchen, von denen Millionen auf
einander gehäuft noch keinem Sandkorn gleichen und die zu
Tausenden mit Eins durch die feinste Oeffnung einer Nadel
schwimmen; -- und doch hat jedes derselben seine Glieder und
Eingeweide, seine Sinne und seinen Instinkt, und, wie man
aus ihren Bewegungen sieht, auch seinen freien Willen. Aus
welchen feinen Theilen muß der Organismus dieser Wesen zu-
sammen gesetzt seyn! Müssen sie nicht auch ein Herz, Arterien
und Venen, Muskeln und Nerven haben, und von welcher Größe
sollen wir dieselben annehmen? Wenn die Kügelchen ihres Blutes
zu den unseren dasselbe Verhältniß haben, wie die Größe ihres
ganzen Körpers zu dem unseren, wer mag den Durchmesser der-
selben berechnen?

(Unsere Sinne sind die feinsten Instrumente zu Untersuchungen
solcher Art.) Da uns hier unsere feinsten Instrumente verlassen und da
unsere besten Mikroscope nicht mehr bis zu jenen Gränzen vorzu-
dringen im Stande sind, so scheinen jene unbekannte Gegenden
nicht mehr für eigentliche Beobachtungen, sondern bloß für Muth-
maßungen geeignet, mit welchen die Einbildungskraft nach Ge-
fallen spielen kann. Aber diese Muthmaßungen sind doch ganz
anderer Art, als jene, welche unsere hyperphysischen Naturphilo-
sophen ihren Speculationen zu Grunde zu legen pflegen. Sie sind
auf Thatsachen gebaut, auf eine eigene Gattung von Beobach-
tungen
, mit einem Instrumente angestellt, das wir in uns selbst
tragen und das unendlich feiner gebaut ist, als alle diejenigen,
die bisher aus den Werkstätten unserer Künstler hervorgegangen
sind. Unser Nervensystem ist, besonders im gereizten Zustande,
von einer Empfindlichkeit, die wir nur fühlen, aber nicht mehr
berechnen oder mit dem Verstande angeben können. Unsere Ge-
ruchsnerven z. B. zeigen uns das Daseyn riechbarer Körper in
der Luft, von denen keine chemische Analyse auch nur die geringste

Eigenſchaften der Körper.
Vögeln und Fiſchen aber elliptiſch. In dem Blute der Menſchen
beträgt der Durchmeſſer dieſer Kügelchen nur den 4000ſten Theil
eines Zolls, woraus folgt, daß in einem ſolchen Blutstropfen,
der an der Spitze der feinſten Nadel hängen bleibt, wenigſtens
eine Million ſolcher Kügelchen enthalten ſeyn muß.

Und doch haben uns die Mikroſcope ſchon Thiere gezeigt, die
noch kleiner ſind, als dieſe Kügelchen, von denen Millionen auf
einander gehäuft noch keinem Sandkorn gleichen und die zu
Tauſenden mit Eins durch die feinſte Oeffnung einer Nadel
ſchwimmen; — und doch hat jedes derſelben ſeine Glieder und
Eingeweide, ſeine Sinne und ſeinen Inſtinkt, und, wie man
aus ihren Bewegungen ſieht, auch ſeinen freien Willen. Aus
welchen feinen Theilen muß der Organismus dieſer Weſen zu-
ſammen geſetzt ſeyn! Müſſen ſie nicht auch ein Herz, Arterien
und Venen, Muskeln und Nerven haben, und von welcher Größe
ſollen wir dieſelben annehmen? Wenn die Kügelchen ihres Blutes
zu den unſeren daſſelbe Verhältniß haben, wie die Größe ihres
ganzen Körpers zu dem unſeren, wer mag den Durchmeſſer der-
ſelben berechnen?

(Unſere Sinne ſind die feinſten Inſtrumente zu Unterſuchungen
ſolcher Art.) Da uns hier unſere feinſten Inſtrumente verlaſſen und da
unſere beſten Mikroſcope nicht mehr bis zu jenen Gränzen vorzu-
dringen im Stande ſind, ſo ſcheinen jene unbekannte Gegenden
nicht mehr für eigentliche Beobachtungen, ſondern bloß für Muth-
maßungen geeignet, mit welchen die Einbildungskraft nach Ge-
fallen ſpielen kann. Aber dieſe Muthmaßungen ſind doch ganz
anderer Art, als jene, welche unſere hyperphyſiſchen Naturphilo-
ſophen ihren Speculationen zu Grunde zu legen pflegen. Sie ſind
auf Thatſachen gebaut, auf eine eigene Gattung von Beobach-
tungen
, mit einem Inſtrumente angeſtellt, das wir in uns ſelbſt
tragen und das unendlich feiner gebaut iſt, als alle diejenigen,
die bisher aus den Werkſtätten unſerer Künſtler hervorgegangen
ſind. Unſer Nervenſyſtem iſt, beſonders im gereizten Zuſtande,
von einer Empfindlichkeit, die wir nur fühlen, aber nicht mehr
berechnen oder mit dem Verſtande angeben können. Unſere Ge-
ruchsnerven z. B. zeigen uns das Daſeyn riechbarer Körper in
der Luft, von denen keine chemiſche Analyſe auch nur die geringſte

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[8/0020] Eigenſchaften der Körper. Vögeln und Fiſchen aber elliptiſch. In dem Blute der Menſchen beträgt der Durchmeſſer dieſer Kügelchen nur den 4000ſten Theil eines Zolls, woraus folgt, daß in einem ſolchen Blutstropfen, der an der Spitze der feinſten Nadel hängen bleibt, wenigſtens eine Million ſolcher Kügelchen enthalten ſeyn muß. Und doch haben uns die Mikroſcope ſchon Thiere gezeigt, die noch kleiner ſind, als dieſe Kügelchen, von denen Millionen auf einander gehäuft noch keinem Sandkorn gleichen und die zu Tauſenden mit Eins durch die feinſte Oeffnung einer Nadel ſchwimmen; — und doch hat jedes derſelben ſeine Glieder und Eingeweide, ſeine Sinne und ſeinen Inſtinkt, und, wie man aus ihren Bewegungen ſieht, auch ſeinen freien Willen. Aus welchen feinen Theilen muß der Organismus dieſer Weſen zu- ſammen geſetzt ſeyn! Müſſen ſie nicht auch ein Herz, Arterien und Venen, Muskeln und Nerven haben, und von welcher Größe ſollen wir dieſelben annehmen? Wenn die Kügelchen ihres Blutes zu den unſeren daſſelbe Verhältniß haben, wie die Größe ihres ganzen Körpers zu dem unſeren, wer mag den Durchmeſſer der- ſelben berechnen? (Unſere Sinne ſind die feinſten Inſtrumente zu Unterſuchungen ſolcher Art.) Da uns hier unſere feinſten Inſtrumente verlaſſen und da unſere beſten Mikroſcope nicht mehr bis zu jenen Gränzen vorzu- dringen im Stande ſind, ſo ſcheinen jene unbekannte Gegenden nicht mehr für eigentliche Beobachtungen, ſondern bloß für Muth- maßungen geeignet, mit welchen die Einbildungskraft nach Ge- fallen ſpielen kann. Aber dieſe Muthmaßungen ſind doch ganz anderer Art, als jene, welche unſere hyperphyſiſchen Naturphilo- ſophen ihren Speculationen zu Grunde zu legen pflegen. Sie ſind auf Thatſachen gebaut, auf eine eigene Gattung von Beobach- tungen, mit einem Inſtrumente angeſtellt, das wir in uns ſelbſt tragen und das unendlich feiner gebaut iſt, als alle diejenigen, die bisher aus den Werkſtätten unſerer Künſtler hervorgegangen ſind. Unſer Nervenſyſtem iſt, beſonders im gereizten Zuſtande, von einer Empfindlichkeit, die wir nur fühlen, aber nicht mehr berechnen oder mit dem Verſtande angeben können. Unſere Ge- ruchsnerven z. B. zeigen uns das Daſeyn riechbarer Körper in der Luft, von denen keine chemiſche Analyſe auch nur die geringſte

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Zitationshilfe: Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 3. Stuttgart, 1836, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem03_1836/20>, abgerufen am 23.08.2019.