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Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834.

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Refraction, Präcession und Nutation.
mosphäre umgeben oder hätten die Elemente der Atmosphäre nicht die
Eigenschaft, das Licht nach allen Seiten wieder zurück zu werfen, so
würden wir auf der Erde nur diejenigen Gegenstände sehen, welche
direkt von der Sonne beschienen werden und alle von den Sonnen-
strahlen nicht unmittelbar getroffenen Körper würden in den finstern
Schatten der Nacht zu liegen scheinen; jede kleine Wolke, die
zwischen der Sonne und uns vorüberzieht, würde uns sofort in
die tiefste Dunkelheit der Mitternacht versetzen; die Fixsterne würden,
ganz nahe an der Sonne, auch am Tage sichtbar seyn; der Him-
mel selbst würde an allen den von Sternen freien Stellen, schwarz
und finster erscheinen und selbst unsere Wohnungen würden, sobald
ihr Inneres nicht unmittelbar von dem Sonnenlichte getroffen
wird, in nächtlicher Finsterniß eingehüllt seyn, und da endlich,
ohne Atmosphäre, auch keine Dämmerung mehr statt haben könnte,
so würden wir nicht nur das schöne Schauspiel der Morgen- und
Abendröthe enthehren, sondern auch unmittelbar nach der tiefsten
Nacht die hellleuchtende Sonne, und eben so schnell nach dem
Tage wieder die schwärzeste Nacht über uns einbrechen sehen, ein
Zustand, der auf unsere Augen nicht anders, als sehr nachtheilig
einwirken könnte.

§. 190. (Präcession der Nachtgleichen.) Schon der bereits
oben erwähnte Hipparch, der größte unter den griechischen Astro-
nomen, der gegen d. J. 130 vor Chr. G. lebte, hatte bemerkt,
daß die Länge der Sterne jährlich um nahe 50,2113 Secunden
zunimmt, während die Breite derselben unverändert bleibt. Man
hat diese Bewegung der Fixsterne die Präcession genannt.
(Vergl. §. 116.) Da diese Bewegung allen Sternen gemeinschaft-
lich ist, so schloß er daraus, daß sie ihre Ursache, nicht in den
Sternen selbst, sondern in dem Frühlingspunkte habe, und daß
daher dieser Punkt es sey, der jährlich um diese Größe von 50",21
rückwärts oder von Ost nach West, gegen die Ordnung der Zei-
chen gehe. Da aber dabei die Breite der Sterne unverändert
bleibt, so kann auch die Lage der Ecliptik keine Aenderung lei-
den und daher muß jene Zunahme der Länge der Sterne in
einem Rückwärtsgehen des Aequators auf der festen
Ebene der Ecliptik gesucht werden
. Zwar behält diese

Refraction, Präceſſion und Nutation.
moſphäre umgeben oder hätten die Elemente der Atmoſphäre nicht die
Eigenſchaft, das Licht nach allen Seiten wieder zurück zu werfen, ſo
würden wir auf der Erde nur diejenigen Gegenſtände ſehen, welche
direkt von der Sonne beſchienen werden und alle von den Sonnen-
ſtrahlen nicht unmittelbar getroffenen Körper würden in den finſtern
Schatten der Nacht zu liegen ſcheinen; jede kleine Wolke, die
zwiſchen der Sonne und uns vorüberzieht, würde uns ſofort in
die tiefſte Dunkelheit der Mitternacht verſetzen; die Fixſterne würden,
ganz nahe an der Sonne, auch am Tage ſichtbar ſeyn; der Him-
mel ſelbſt würde an allen den von Sternen freien Stellen, ſchwarz
und finſter erſcheinen und ſelbſt unſere Wohnungen würden, ſobald
ihr Inneres nicht unmittelbar von dem Sonnenlichte getroffen
wird, in nächtlicher Finſterniß eingehüllt ſeyn, und da endlich,
ohne Atmoſphäre, auch keine Dämmerung mehr ſtatt haben könnte,
ſo würden wir nicht nur das ſchöne Schauſpiel der Morgen- und
Abendröthe enthehren, ſondern auch unmittelbar nach der tiefſten
Nacht die hellleuchtende Sonne, und eben ſo ſchnell nach dem
Tage wieder die ſchwärzeſte Nacht über uns einbrechen ſehen, ein
Zuſtand, der auf unſere Augen nicht anders, als ſehr nachtheilig
einwirken könnte.

§. 190. (Präceſſion der Nachtgleichen.) Schon der bereits
oben erwähnte Hipparch, der größte unter den griechiſchen Aſtro-
nomen, der gegen d. J. 130 vor Chr. G. lebte, hatte bemerkt,
daß die Länge der Sterne jährlich um nahe 50,2113 Secunden
zunimmt, während die Breite derſelben unverändert bleibt. Man
hat dieſe Bewegung der Fixſterne die Präceſſion genannt.
(Vergl. §. 116.) Da dieſe Bewegung allen Sternen gemeinſchaft-
lich iſt, ſo ſchloß er daraus, daß ſie ihre Urſache, nicht in den
Sternen ſelbſt, ſondern in dem Frühlingspunkte habe, und daß
daher dieſer Punkt es ſey, der jährlich um dieſe Größe von 50″,21
rückwärts oder von Oſt nach Weſt, gegen die Ordnung der Zei-
chen gehe. Da aber dabei die Breite der Sterne unverändert
bleibt, ſo kann auch die Lage der Ecliptik keine Aenderung lei-
den und daher muß jene Zunahme der Länge der Sterne in
einem Rückwärtsgehen des Aequators auf der feſten
Ebene der Ecliptik geſucht werden
. Zwar behält dieſe

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[354/0366] Refraction, Präceſſion und Nutation. moſphäre umgeben oder hätten die Elemente der Atmoſphäre nicht die Eigenſchaft, das Licht nach allen Seiten wieder zurück zu werfen, ſo würden wir auf der Erde nur diejenigen Gegenſtände ſehen, welche direkt von der Sonne beſchienen werden und alle von den Sonnen- ſtrahlen nicht unmittelbar getroffenen Körper würden in den finſtern Schatten der Nacht zu liegen ſcheinen; jede kleine Wolke, die zwiſchen der Sonne und uns vorüberzieht, würde uns ſofort in die tiefſte Dunkelheit der Mitternacht verſetzen; die Fixſterne würden, ganz nahe an der Sonne, auch am Tage ſichtbar ſeyn; der Him- mel ſelbſt würde an allen den von Sternen freien Stellen, ſchwarz und finſter erſcheinen und ſelbſt unſere Wohnungen würden, ſobald ihr Inneres nicht unmittelbar von dem Sonnenlichte getroffen wird, in nächtlicher Finſterniß eingehüllt ſeyn, und da endlich, ohne Atmoſphäre, auch keine Dämmerung mehr ſtatt haben könnte, ſo würden wir nicht nur das ſchöne Schauſpiel der Morgen- und Abendröthe enthehren, ſondern auch unmittelbar nach der tiefſten Nacht die hellleuchtende Sonne, und eben ſo ſchnell nach dem Tage wieder die ſchwärzeſte Nacht über uns einbrechen ſehen, ein Zuſtand, der auf unſere Augen nicht anders, als ſehr nachtheilig einwirken könnte. §. 190. (Präceſſion der Nachtgleichen.) Schon der bereits oben erwähnte Hipparch, der größte unter den griechiſchen Aſtro- nomen, der gegen d. J. 130 vor Chr. G. lebte, hatte bemerkt, daß die Länge der Sterne jährlich um nahe 50,2113 Secunden zunimmt, während die Breite derſelben unverändert bleibt. Man hat dieſe Bewegung der Fixſterne die Präceſſion genannt. (Vergl. §. 116.) Da dieſe Bewegung allen Sternen gemeinſchaft- lich iſt, ſo ſchloß er daraus, daß ſie ihre Urſache, nicht in den Sternen ſelbſt, ſondern in dem Frühlingspunkte habe, und daß daher dieſer Punkt es ſey, der jährlich um dieſe Größe von 50″,21 rückwärts oder von Oſt nach Weſt, gegen die Ordnung der Zei- chen gehe. Da aber dabei die Breite der Sterne unverändert bleibt, ſo kann auch die Lage der Ecliptik keine Aenderung lei- den und daher muß jene Zunahme der Länge der Sterne in einem Rückwärtsgehen des Aequators auf der feſten Ebene der Ecliptik geſucht werden. Zwar behält dieſe

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Zitationshilfe: Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834, S. 354. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834/366>, abgerufen am 05.08.2020.