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Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834.

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Der Mond d. Erde u. die Satelliten d. übrig. Planeten.
immer gerade gegenüber gestanden, oder immer im Vollmonde
geblieben seyn, und selbst die Finsternisse, die uns jetzt zuweilen
einen Anblick rauben, würden in dieser Entfernung nicht mehr
statt gehabt haben. Damit er aber, in einer beinahe viermahl
größern Distanz auch eben so viel Licht im Vollmonde, als jetzt,
auf die Erde reflectiren könne, hätte seine Oberfläche auch eben
so vielmahl vergrößert werden müssen. Da jedoch der große Ur-
heber der Natur dieses einfache Mittel, welches allein zu jenem
Zwecke führt, nicht gewählt hat, so müssen wir voraussetzen, daß
er auch diesen Zweck nicht erreichen wollte, und daß es daher
seine Absicht nicht gewesen seyn kann, den Mond bloß für uns
hinzustellen, um ihn zum Fackelträger oder zum Diener der Erde
zu machen.

§. 173. (Verwickelte Bewegungen des Monds.) Wenn man
die oben (§. 141) erklärten elliptischen Bewegungen der Planeten
auf die Beobachtungen des Mondes anwendet, so sieht man bald,
daß sie allein nicht hinreichen, den Ort dieses Satelliten am Him-
mel für jede Zeit zu bestimmen. Man bemerkt nämlich, daß die
Bewegung des Mondes sehr unregelmäßig, und großen Un-
gleichheiten unterworfen ist, die sich aber beinahe alle auf den
Stand desselben gegen die Sonne beziehen.

Die größte dieser Ungleichheiten, und zugleich die erste, die
man in den Beobachtungen des Monds erkannt hat, ist die soge-
nannte Evection. Sie ist gleich dem Winkel 1°,342 multiplicirt
in den Sinus der doppelten Winkeldistanz des Monds von der
Sonne, weniger der Winkeldistanz des Monds von seinem Peri-
geum. Zur Zeit der Syzygien vermischt sich die Evection mit der
Gleichung der Bahn (§. 141), daher die alten Griechen, welche
den Mond nur in seinen Syzygien, wo allein die Finsternisse sich
ereignen, beobachtete, diese Gleichung der Bahn des Mondes um
die ganze Evection zu klein gefunden haben.

Eine andere Ungleichheit ist die Variation, die gleich
0,°595 multiplicirt in den Sinus der doppelten Winkeldistanz des
Monds von der Sonne. Diese Ungleichheit verschwindet daher
in den Syzygien sowohl, als auch in den beiden Quadraturen,
und sie hat ihren größten Werth zwischen den Syzygien und
Quadraturen oder in den sogenannten Octanten des Mondes.


Der Mond d. Erde u. die Satelliten d. übrig. Planeten.
immer gerade gegenüber geſtanden, oder immer im Vollmonde
geblieben ſeyn, und ſelbſt die Finſterniſſe, die uns jetzt zuweilen
einen Anblick rauben, würden in dieſer Entfernung nicht mehr
ſtatt gehabt haben. Damit er aber, in einer beinahe viermahl
größern Diſtanz auch eben ſo viel Licht im Vollmonde, als jetzt,
auf die Erde reflectiren könne, hätte ſeine Oberfläche auch eben
ſo vielmahl vergrößert werden müſſen. Da jedoch der große Ur-
heber der Natur dieſes einfache Mittel, welches allein zu jenem
Zwecke führt, nicht gewählt hat, ſo müſſen wir vorausſetzen, daß
er auch dieſen Zweck nicht erreichen wollte, und daß es daher
ſeine Abſicht nicht geweſen ſeyn kann, den Mond bloß für uns
hinzuſtellen, um ihn zum Fackelträger oder zum Diener der Erde
zu machen.

§. 173. (Verwickelte Bewegungen des Monds.) Wenn man
die oben (§. 141) erklärten elliptiſchen Bewegungen der Planeten
auf die Beobachtungen des Mondes anwendet, ſo ſieht man bald,
daß ſie allein nicht hinreichen, den Ort dieſes Satelliten am Him-
mel für jede Zeit zu beſtimmen. Man bemerkt nämlich, daß die
Bewegung des Mondes ſehr unregelmäßig, und großen Un-
gleichheiten unterworfen iſt, die ſich aber beinahe alle auf den
Stand deſſelben gegen die Sonne beziehen.

Die größte dieſer Ungleichheiten, und zugleich die erſte, die
man in den Beobachtungen des Monds erkannt hat, iſt die ſoge-
nannte Evection. Sie iſt gleich dem Winkel 1°,342 multiplicirt
in den Sinus der doppelten Winkeldiſtanz des Monds von der
Sonne, weniger der Winkeldiſtanz des Monds von ſeinem Peri-
geum. Zur Zeit der Syzygien vermiſcht ſich die Evection mit der
Gleichung der Bahn (§. 141), daher die alten Griechen, welche
den Mond nur in ſeinen Syzygien, wo allein die Finſterniſſe ſich
ereignen, beobachtete, dieſe Gleichung der Bahn des Mondes um
die ganze Evection zu klein gefunden haben.

Eine andere Ungleichheit iſt die Variation, die gleich
0,°595 multiplicirt in den Sinus der doppelten Winkeldiſtanz des
Monds von der Sonne. Dieſe Ungleichheit verſchwindet daher
in den Syzygien ſowohl, als auch in den beiden Quadraturen,
und ſie hat ihren größten Werth zwiſchen den Syzygien und
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[332/0344] Der Mond d. Erde u. die Satelliten d. übrig. Planeten. immer gerade gegenüber geſtanden, oder immer im Vollmonde geblieben ſeyn, und ſelbſt die Finſterniſſe, die uns jetzt zuweilen einen Anblick rauben, würden in dieſer Entfernung nicht mehr ſtatt gehabt haben. Damit er aber, in einer beinahe viermahl größern Diſtanz auch eben ſo viel Licht im Vollmonde, als jetzt, auf die Erde reflectiren könne, hätte ſeine Oberfläche auch eben ſo vielmahl vergrößert werden müſſen. Da jedoch der große Ur- heber der Natur dieſes einfache Mittel, welches allein zu jenem Zwecke führt, nicht gewählt hat, ſo müſſen wir vorausſetzen, daß er auch dieſen Zweck nicht erreichen wollte, und daß es daher ſeine Abſicht nicht geweſen ſeyn kann, den Mond bloß für uns hinzuſtellen, um ihn zum Fackelträger oder zum Diener der Erde zu machen. §. 173. (Verwickelte Bewegungen des Monds.) Wenn man die oben (§. 141) erklärten elliptiſchen Bewegungen der Planeten auf die Beobachtungen des Mondes anwendet, ſo ſieht man bald, daß ſie allein nicht hinreichen, den Ort dieſes Satelliten am Him- mel für jede Zeit zu beſtimmen. Man bemerkt nämlich, daß die Bewegung des Mondes ſehr unregelmäßig, und großen Un- gleichheiten unterworfen iſt, die ſich aber beinahe alle auf den Stand deſſelben gegen die Sonne beziehen. Die größte dieſer Ungleichheiten, und zugleich die erſte, die man in den Beobachtungen des Monds erkannt hat, iſt die ſoge- nannte Evection. Sie iſt gleich dem Winkel 1°,342 multiplicirt in den Sinus der doppelten Winkeldiſtanz des Monds von der Sonne, weniger der Winkeldiſtanz des Monds von ſeinem Peri- geum. Zur Zeit der Syzygien vermiſcht ſich die Evection mit der Gleichung der Bahn (§. 141), daher die alten Griechen, welche den Mond nur in ſeinen Syzygien, wo allein die Finſterniſſe ſich ereignen, beobachtete, dieſe Gleichung der Bahn des Mondes um die ganze Evection zu klein gefunden haben. Eine andere Ungleichheit iſt die Variation, die gleich 0,°595 multiplicirt in den Sinus der doppelten Winkeldiſtanz des Monds von der Sonne. Dieſe Ungleichheit verſchwindet daher in den Syzygien ſowohl, als auch in den beiden Quadraturen, und ſie hat ihren größten Werth zwiſchen den Syzygien und Quadraturen oder in den ſogenannten Octanten des Mondes.

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Zitationshilfe: Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834, S. 332. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834/344>, abgerufen am 21.07.2019.