Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

auch den der Leser finden? Und wird die Ausführung selbst nicht
allzuweit hinter dem Entwurfe zurückbleiben? -- Das ist die
Frage, die erst am Ende entschieden werden kann, und die ich,
um sicher, oder vielmehr, um gar nicht zu gehen, lieber jetzt schon
beantwortet wüßte.

Wenn es wahr ist, und wer zweifelt daran, daß die eigent-
liche Schönheit der Astronomie, die selbst unter denen, die sie
nicht kennen, schon zu einer Art von Sprüchwort geworden ist,
weder in einem gedankenlosen Anstaunen des Himmels, noch in
einer trockenen, chronikenmäßigen Aufzählung seiner Wunder, son-
dern daß sie in dem Nachdenken über diese Wunder besteht, so
kann es wohl auch eben so wenig bezweifelt werden, daß jede
Darstellung dieser Wissenschaft auch ihre Richtung gegen dieses
Nachdenken nehmen muß, wenn sie anders nicht ihren Zweck ver-
fehlen, und, was ihrer ganz unwürdig wäre, in eine bloße, leere
Unterhaltung zur beliebigen Zeitverkürzung für müßige Leute aus-
arten soll. Die Langeweile zu tödten, gibt es andere Mittel,
und ein astronomisches Noth- und Hilfsbuch zu diesem Zwecke schrei-
ben, möchte ich nicht, wenn ich es auch könnte.

Auf der andern Seite aber, welches Recht hat der Verfasser
einer Schrift, die er selbst eine "gemeinfaßliche" zu nennen be-
liebt, höhere mathematische Vorkenntnisse vorauszusetzen, die der
größere Theil der Leser nicht besitzt, oder wohl gar seinen Vor-
trag mit algebraischen Formeln, wie er glaubt, auszuschmücken,

auch den der Leſer finden? Und wird die Ausführung ſelbſt nicht
allzuweit hinter dem Entwurfe zurückbleiben? — Das iſt die
Frage, die erſt am Ende entſchieden werden kann, und die ich,
um ſicher, oder vielmehr, um gar nicht zu gehen, lieber jetzt ſchon
beantwortet wüßte.

Wenn es wahr iſt, und wer zweifelt daran, daß die eigent-
liche Schönheit der Aſtronomie, die ſelbſt unter denen, die ſie
nicht kennen, ſchon zu einer Art von Sprüchwort geworden iſt,
weder in einem gedankenloſen Anſtaunen des Himmels, noch in
einer trockenen, chronikenmäßigen Aufzählung ſeiner Wunder, ſon-
dern daß ſie in dem Nachdenken über dieſe Wunder beſteht, ſo
kann es wohl auch eben ſo wenig bezweifelt werden, daß jede
Darſtellung dieſer Wiſſenſchaft auch ihre Richtung gegen dieſes
Nachdenken nehmen muß, wenn ſie anders nicht ihren Zweck ver-
fehlen, und, was ihrer ganz unwürdig wäre, in eine bloße, leere
Unterhaltung zur beliebigen Zeitverkürzung für müßige Leute aus-
arten ſoll. Die Langeweile zu tödten, gibt es andere Mittel,
und ein aſtronomiſches Noth- und Hilfsbuch zu dieſem Zwecke ſchrei-
ben, möchte ich nicht, wenn ich es auch könnte.

Auf der andern Seite aber, welches Recht hat der Verfaſſer
einer Schrift, die er ſelbſt eine „gemeinfaßliche“ zu nennen be-
liebt, höhere mathematiſche Vorkenntniſſe vorauszuſetzen, die der
größere Theil der Leſer nicht beſitzt, oder wohl gar ſeinen Vor-
trag mit algebraiſchen Formeln, wie er glaubt, auszuſchmücken,

<TEI>
  <text>
    <front>
      <div n="2">
        <p><pb facs="#f0018" n="VI"/>
auch den der Le&#x017F;er finden? Und wird die Ausführung &#x017F;elb&#x017F;t nicht<lb/>
allzuweit hinter dem Entwurfe zurückbleiben? &#x2014; Das i&#x017F;t die<lb/>
Frage, die er&#x017F;t am Ende ent&#x017F;chieden werden kann, und die ich,<lb/>
um &#x017F;icher, oder vielmehr, um gar nicht zu gehen, lieber jetzt &#x017F;chon<lb/>
beantwortet wüßte.</p><lb/>
        <p>Wenn es wahr i&#x017F;t, und wer zweifelt daran, daß die eigent-<lb/>
liche Schönheit der A&#x017F;tronomie, die &#x017F;elb&#x017F;t unter denen, die &#x017F;ie<lb/>
nicht kennen, &#x017F;chon zu einer Art von Sprüchwort geworden i&#x017F;t,<lb/>
weder in einem gedankenlo&#x017F;en An&#x017F;taunen des Himmels, noch in<lb/>
einer trockenen, chronikenmäßigen Aufzählung &#x017F;einer Wunder, &#x017F;on-<lb/>
dern daß &#x017F;ie in dem <hi rendition="#g">Nachdenken</hi> über die&#x017F;e Wunder be&#x017F;teht, &#x017F;o<lb/>
kann es wohl auch eben &#x017F;o wenig bezweifelt werden, daß jede<lb/>
Dar&#x017F;tellung die&#x017F;er Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft auch ihre Richtung gegen die&#x017F;es<lb/>
Nachdenken nehmen muß, wenn &#x017F;ie anders nicht ihren Zweck ver-<lb/>
fehlen, und, was ihrer ganz unwürdig wäre, in eine bloße, leere<lb/>
Unterhaltung zur beliebigen Zeitverkürzung für müßige Leute aus-<lb/>
arten &#x017F;oll. Die Langeweile zu tödten, gibt es andere Mittel,<lb/>
und ein a&#x017F;tronomi&#x017F;ches Noth- und Hilfsbuch zu die&#x017F;em Zwecke &#x017F;chrei-<lb/>
ben, möchte ich nicht, wenn ich es auch könnte.</p><lb/>
        <p>Auf der andern Seite aber, welches Recht hat der Verfa&#x017F;&#x017F;er<lb/>
einer Schrift, die er &#x017F;elb&#x017F;t eine &#x201E;gemeinfaßliche&#x201C; zu nennen be-<lb/>
liebt, höhere mathemati&#x017F;che Vorkenntni&#x017F;&#x017F;e vorauszu&#x017F;etzen, die der<lb/>
größere Theil der Le&#x017F;er nicht be&#x017F;itzt, oder wohl gar &#x017F;einen Vor-<lb/>
trag mit algebrai&#x017F;chen Formeln, wie er glaubt, auszu&#x017F;chmücken,<lb/></p>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[VI/0018] auch den der Leſer finden? Und wird die Ausführung ſelbſt nicht allzuweit hinter dem Entwurfe zurückbleiben? — Das iſt die Frage, die erſt am Ende entſchieden werden kann, und die ich, um ſicher, oder vielmehr, um gar nicht zu gehen, lieber jetzt ſchon beantwortet wüßte. Wenn es wahr iſt, und wer zweifelt daran, daß die eigent- liche Schönheit der Aſtronomie, die ſelbſt unter denen, die ſie nicht kennen, ſchon zu einer Art von Sprüchwort geworden iſt, weder in einem gedankenloſen Anſtaunen des Himmels, noch in einer trockenen, chronikenmäßigen Aufzählung ſeiner Wunder, ſon- dern daß ſie in dem Nachdenken über dieſe Wunder beſteht, ſo kann es wohl auch eben ſo wenig bezweifelt werden, daß jede Darſtellung dieſer Wiſſenſchaft auch ihre Richtung gegen dieſes Nachdenken nehmen muß, wenn ſie anders nicht ihren Zweck ver- fehlen, und, was ihrer ganz unwürdig wäre, in eine bloße, leere Unterhaltung zur beliebigen Zeitverkürzung für müßige Leute aus- arten ſoll. Die Langeweile zu tödten, gibt es andere Mittel, und ein aſtronomiſches Noth- und Hilfsbuch zu dieſem Zwecke ſchrei- ben, möchte ich nicht, wenn ich es auch könnte. Auf der andern Seite aber, welches Recht hat der Verfaſſer einer Schrift, die er ſelbſt eine „gemeinfaßliche“ zu nennen be- liebt, höhere mathematiſche Vorkenntniſſe vorauszuſetzen, die der größere Theil der Leſer nicht beſitzt, oder wohl gar ſeinen Vor- trag mit algebraiſchen Formeln, wie er glaubt, auszuſchmücken,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834/18
Zitationshilfe: Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834, S. VI. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834/18>, abgerufen am 20.06.2019.