Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Liszt, Franz von: Das Völkerrecht. Berlin, 1898.

Bild:
<< vorherige Seite

I. Buch. Die Rechtssubjekte und ihre allgem. Rechtsstellung.
Hannover, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt als
selbständige Staaten vernichtet.

Die Entstehung eines Staates ist unabhängig von der Aner-
kennung (reconnaissance) durch die übrigen Mächte.
Diese hat im
allgemeinen nur deklaratorische Bedeutung, konstitutive Bedeutung
nur insoweit, als sie den anerkennenden Staat bindet (wichtig be-
sonders die Anerkennung durch das Mutterland), der durch vorbe-
haltlose Anerkennung auf diejenigen Rechte verzichtet, die durch
die Neubildung verletzt sein können.

Die Bedeutung der Anerkennung ist sehr bestritten. Vielfach wird ihr
überhaupt konstitutive Bedeutung beigelegt, so dass der nicht aner-
kannte Staat rechtlich nicht besteht; so auch Heilborn, R. G. III 179.

Die Anerkennung kann ausdrücklich, insbesondere in feier-
licher Weise auf Kongressen, oder auch stillschweigend, so durch An-
knüpfung oder Unterhaltung diplomatischer Beziehungen geschehen.
Beispiele bieten: die Anerkennung des Kongostaates (oben S. 22) durch
den Berliner Kongress von 1885; die Anerkennung von Montenegro,
Serbien, Rumänien durch den Berliner Kongress von 1878. Sie kann
unbedingt erfolgen oder an "Bedingungen" geknüpft sein. Dabei
kann freilich im Einzelfall die Entscheidung der Frage schwierig
sein, ob es sich wirklich um (aufschiebende oder auflösende) Be-
dingungen oder aber um Auflagen handelt. Die den Balkanstaaten
durch den Berliner Kongress von 1878 auferlegten Verpflichtungen
(unten S. 28) sind nicht als auflösende Bedingungen zu betrachten,
deren Nichterfüllung die Vertragsmächte zum Widerruf der Aner-
kennung berechtigen würde; sondern als Auflagen, deren Erfüllung
durch gewaltsame Intervention durchgesetzt werden könnte.

Vgl. dagegen z. B. Piedelievre 99.

Verweigerung der Anerkennung berechtigt als Unfreundlich-
keit (nicht als Unrecht) zur Retorsion (unten § 38); vorzeitige An-
erkennung eines um seine Selbständigkeit ringenden Staatsgebietes,
so die der Vereinigten Staaten von Nordamerika durch Frankreich
vom 15. März 1778, ist rechtswidrige Intervention in die inneren
Angelegenheiten des Mutterlandes.


I. Buch. Die Rechtssubjekte und ihre allgem. Rechtsstellung.
Hannover, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt als
selbständige Staaten vernichtet.

Die Entstehung eines Staates ist unabhängig von der Aner-
kennung (reconnaissance) durch die übrigen Mächte.
Diese hat im
allgemeinen nur deklaratorische Bedeutung, konstitutive Bedeutung
nur insoweit, als sie den anerkennenden Staat bindet (wichtig be-
sonders die Anerkennung durch das Mutterland), der durch vorbe-
haltlose Anerkennung auf diejenigen Rechte verzichtet, die durch
die Neubildung verletzt sein können.

Die Bedeutung der Anerkennung ist sehr bestritten. Vielfach wird ihr
überhaupt konstitutive Bedeutung beigelegt, so daſs der nicht aner-
kannte Staat rechtlich nicht besteht; so auch Heilborn, R. G. III 179.

Die Anerkennung kann ausdrücklich, insbesondere in feier-
licher Weise auf Kongressen, oder auch stillschweigend, so durch An-
knüpfung oder Unterhaltung diplomatischer Beziehungen geschehen.
Beispiele bieten: die Anerkennung des Kongostaates (oben S. 22) durch
den Berliner Kongreſs von 1885; die Anerkennung von Montenegro,
Serbien, Rumänien durch den Berliner Kongreſs von 1878. Sie kann
unbedingt erfolgen oder an „Bedingungen“ geknüpft sein. Dabei
kann freilich im Einzelfall die Entscheidung der Frage schwierig
sein, ob es sich wirklich um (aufschiebende oder auflösende) Be-
dingungen oder aber um Auflagen handelt. Die den Balkanstaaten
durch den Berliner Kongreſs von 1878 auferlegten Verpflichtungen
(unten S. 28) sind nicht als auflösende Bedingungen zu betrachten,
deren Nichterfüllung die Vertragsmächte zum Widerruf der Aner-
kennung berechtigen würde; sondern als Auflagen, deren Erfüllung
durch gewaltsame Intervention durchgesetzt werden könnte.

Vgl. dagegen z. B. Pièdelièvre 99.

Verweigerung der Anerkennung berechtigt als Unfreundlich-
keit (nicht als Unrecht) zur Retorsion (unten § 38); vorzeitige An-
erkennung eines um seine Selbständigkeit ringenden Staatsgebietes,
so die der Vereinigten Staaten von Nordamerika durch Frankreich
vom 15. März 1778, ist rechtswidrige Intervention in die inneren
Angelegenheiten des Mutterlandes.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0048" n="26"/><fw place="top" type="header">I. Buch. Die Rechtssubjekte und ihre allgem. Rechtsstellung.</fw><lb/>
Hannover, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt als<lb/>
selbständige Staaten vernichtet.</p><lb/>
            <p><hi rendition="#b">Die Entstehung eines Staates ist unabhängig von der Aner-<lb/>
kennung (reconnaissance) durch die übrigen Mächte.</hi> Diese hat im<lb/>
allgemeinen nur deklaratorische Bedeutung, konstitutive Bedeutung<lb/>
nur insoweit, als sie den anerkennenden Staat bindet (wichtig be-<lb/>
sonders die Anerkennung durch das Mutterland), der durch vorbe-<lb/>
haltlose Anerkennung auf diejenigen Rechte verzichtet, die durch<lb/>
die Neubildung verletzt sein können.</p><lb/>
            <p> <hi rendition="#et">Die Bedeutung der Anerkennung ist sehr bestritten. Vielfach wird ihr<lb/>
überhaupt konstitutive Bedeutung beigelegt, so da&#x017F;s der nicht aner-<lb/>
kannte Staat rechtlich nicht besteht; so auch <hi rendition="#g">Heilborn</hi>, R. G. III 179.</hi> </p><lb/>
            <p>Die Anerkennung kann ausdrücklich, insbesondere in feier-<lb/>
licher Weise auf Kongressen, oder auch stillschweigend, so durch An-<lb/>
knüpfung oder Unterhaltung diplomatischer Beziehungen geschehen.<lb/>
Beispiele bieten: die Anerkennung des Kongostaates (oben S. 22) durch<lb/>
den Berliner Kongre&#x017F;s von 1885; die Anerkennung von Montenegro,<lb/>
Serbien, Rumänien durch den Berliner Kongre&#x017F;s von 1878. Sie kann<lb/>
unbedingt erfolgen oder an &#x201E;Bedingungen&#x201C; geknüpft sein. Dabei<lb/>
kann freilich im Einzelfall die Entscheidung der Frage schwierig<lb/>
sein, ob es sich wirklich um (aufschiebende oder auflösende) Be-<lb/>
dingungen oder aber um Auflagen handelt. Die den Balkanstaaten<lb/>
durch den Berliner Kongre&#x017F;s von 1878 auferlegten Verpflichtungen<lb/>
(unten S. 28) sind nicht als auflösende Bedingungen zu betrachten,<lb/>
deren Nichterfüllung die Vertragsmächte zum Widerruf der Aner-<lb/>
kennung berechtigen würde; sondern als Auflagen, deren Erfüllung<lb/>
durch gewaltsame Intervention durchgesetzt werden könnte.</p><lb/>
            <p> <hi rendition="#et">Vgl. dagegen z. B. <hi rendition="#g">Pièdelièvre</hi> 99.</hi> </p><lb/>
            <p>Verweigerung der Anerkennung berechtigt als Unfreundlich-<lb/>
keit (nicht als Unrecht) zur Retorsion (unten § 38); vorzeitige An-<lb/>
erkennung eines um seine Selbständigkeit ringenden Staatsgebietes,<lb/>
so die der Vereinigten Staaten von Nordamerika durch Frankreich<lb/>
vom 15. März 1778, ist rechtswidrige Intervention in die inneren<lb/>
Angelegenheiten des Mutterlandes.</p>
          </div><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[26/0048] I. Buch. Die Rechtssubjekte und ihre allgem. Rechtsstellung. Hannover, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt als selbständige Staaten vernichtet. Die Entstehung eines Staates ist unabhängig von der Aner- kennung (reconnaissance) durch die übrigen Mächte. Diese hat im allgemeinen nur deklaratorische Bedeutung, konstitutive Bedeutung nur insoweit, als sie den anerkennenden Staat bindet (wichtig be- sonders die Anerkennung durch das Mutterland), der durch vorbe- haltlose Anerkennung auf diejenigen Rechte verzichtet, die durch die Neubildung verletzt sein können. Die Bedeutung der Anerkennung ist sehr bestritten. Vielfach wird ihr überhaupt konstitutive Bedeutung beigelegt, so daſs der nicht aner- kannte Staat rechtlich nicht besteht; so auch Heilborn, R. G. III 179. Die Anerkennung kann ausdrücklich, insbesondere in feier- licher Weise auf Kongressen, oder auch stillschweigend, so durch An- knüpfung oder Unterhaltung diplomatischer Beziehungen geschehen. Beispiele bieten: die Anerkennung des Kongostaates (oben S. 22) durch den Berliner Kongreſs von 1885; die Anerkennung von Montenegro, Serbien, Rumänien durch den Berliner Kongreſs von 1878. Sie kann unbedingt erfolgen oder an „Bedingungen“ geknüpft sein. Dabei kann freilich im Einzelfall die Entscheidung der Frage schwierig sein, ob es sich wirklich um (aufschiebende oder auflösende) Be- dingungen oder aber um Auflagen handelt. Die den Balkanstaaten durch den Berliner Kongreſs von 1878 auferlegten Verpflichtungen (unten S. 28) sind nicht als auflösende Bedingungen zu betrachten, deren Nichterfüllung die Vertragsmächte zum Widerruf der Aner- kennung berechtigen würde; sondern als Auflagen, deren Erfüllung durch gewaltsame Intervention durchgesetzt werden könnte. Vgl. dagegen z. B. Pièdelièvre 99. Verweigerung der Anerkennung berechtigt als Unfreundlich- keit (nicht als Unrecht) zur Retorsion (unten § 38); vorzeitige An- erkennung eines um seine Selbständigkeit ringenden Staatsgebietes, so die der Vereinigten Staaten von Nordamerika durch Frankreich vom 15. März 1778, ist rechtswidrige Intervention in die inneren Angelegenheiten des Mutterlandes.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/liszt_voelkerrecht_1898
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/liszt_voelkerrecht_1898/48
Zitationshilfe: Liszt, Franz von: Das Völkerrecht. Berlin, 1898, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/liszt_voelkerrecht_1898/48>, abgerufen am 15.10.2019.