Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883].

Bild:
<< vorherige Seite
Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.
Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt
Und deckte sorgsam mir den Mantel über.
Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,
Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.


Auf dem Kirchhofe.


Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
Ich war an manch vergessenem Grab gewesen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
Die Namen überwachsen, kaum zu lesen.
Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten --
Auf allen Gräbern taute still: Genesen.


Herzog Knut der Erlauchte.

(Ermordet 1131.)



König Niels, der Alte, weißbärtig und kahl,
Hat die Brauen zusammengezogen.
Aus schwarzem Himmel schießen fahl
Blitzlichter um Säulen und Bogen.
Niels Sohn, König Magnus von Westgothland,
Grübelt neben ihm in der Halle.
Der Löwe Sturm kam hergerannt
Und brüllt vor Turm und Walle.

Bis mir zuletzt die ſchweren Lider ſanken.
Mein treuer Burſche trug mich in mein Zelt
Und deckte ſorgſam mir den Mantel über.
Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,
Doch unvergeſſen bleibt mir jene Nacht.


Auf dem Kirchhofe.


Der Tag ging regenſchwer und ſturmbewegt,
Ich war an manch vergeſſenem Grab geweſen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
Die Namen überwachſen, kaum zu leſen.
Der Tag ging ſturmbewegt und regenſchwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Geweſen.
Wie ſturmestot die Särge ſchlummerten —
Auf allen Gräbern taute ſtill: Geneſen.


Herzog Knut der Erlauchte.

(Ermordet 1131.)



König Niels, der Alte, weißbärtig und kahl,
Hat die Brauen zuſammengezogen.
Aus ſchwarzem Himmel ſchießen fahl
Blitzlichter um Säulen und Bogen.
Niels Sohn, König Magnus von Weſtgothland,
Grübelt neben ihm in der Halle.
Der Löwe Sturm kam hergerannt
Und brüllt vor Turm und Walle.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <lg type="poem">
          <pb facs="#f0039" n="31"/>
          <l>Bis mir zuletzt die &#x017F;chweren Lider &#x017F;anken.</l><lb/>
          <l>Mein treuer Bur&#x017F;che trug mich in mein Zelt</l><lb/>
          <l>Und deckte &#x017F;org&#x017F;am mir den Mantel über.</l><lb/>
          <l>Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,</l><lb/>
          <l>Doch unverge&#x017F;&#x017F;en bleibt mir jene Nacht.</l>
        </lg>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Auf dem Kirchhofe.</hi> </head><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <lg type="poem">
          <lg n="1">
            <l><hi rendition="#in">D</hi>er Tag ging regen&#x017F;chwer und &#x017F;turmbewegt,</l><lb/>
            <l>Ich war an manch verge&#x017F;&#x017F;enem Grab gewe&#x017F;en.</l><lb/>
            <l>Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,</l><lb/>
            <l>Die Namen überwach&#x017F;en, kaum zu le&#x017F;en.</l>
          </lg><lb/>
          <lg n="2">
            <l>Der Tag ging &#x017F;turmbewegt und regen&#x017F;chwer,</l><lb/>
            <l>Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewe&#x017F;en.</l><lb/>
            <l>Wie &#x017F;turmestot die Särge &#x017F;chlummerten &#x2014;</l><lb/>
            <l>Auf allen Gräbern taute &#x017F;till: Gene&#x017F;en.</l>
          </lg>
        </lg>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Herzog Knut der Erlauchte.</hi> </head><lb/>
        <p> <hi rendition="#c">(Ermordet 1131.)</hi> </p><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <lg type="poem">
          <lg n="1">
            <l><hi rendition="#in">K</hi>önig Niels, der Alte, weißbärtig und kahl,</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">Hat die Brauen zu&#x017F;ammengezogen.</hi> </l><lb/>
            <l>Aus &#x017F;chwarzem Himmel &#x017F;chießen fahl</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">Blitzlichter um Säulen und Bogen.</hi> </l>
          </lg><lb/>
          <lg n="2">
            <l>Niels Sohn, König Magnus von We&#x017F;tgothland,</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">Grübelt neben ihm in der Halle.</hi> </l><lb/>
            <l>Der Löwe Sturm kam hergerannt</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">Und brüllt vor Turm und Walle.</hi> </l>
          </lg><lb/>
        </lg>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[31/0039] Bis mir zuletzt die ſchweren Lider ſanken. Mein treuer Burſche trug mich in mein Zelt Und deckte ſorgſam mir den Mantel über. Seitdem bin ich durch manches Land gezogen, Doch unvergeſſen bleibt mir jene Nacht. Auf dem Kirchhofe. Der Tag ging regenſchwer und ſturmbewegt, Ich war an manch vergeſſenem Grab geweſen. Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt, Die Namen überwachſen, kaum zu leſen. Der Tag ging ſturmbewegt und regenſchwer, Auf allen Gräbern fror das Wort: Geweſen. Wie ſturmestot die Särge ſchlummerten — Auf allen Gräbern taute ſtill: Geneſen. Herzog Knut der Erlauchte. (Ermordet 1131.) König Niels, der Alte, weißbärtig und kahl, Hat die Brauen zuſammengezogen. Aus ſchwarzem Himmel ſchießen fahl Blitzlichter um Säulen und Bogen. Niels Sohn, König Magnus von Weſtgothland, Grübelt neben ihm in der Halle. Der Löwe Sturm kam hergerannt Und brüllt vor Turm und Walle.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/liliencron_adjutantenritte_1883
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/liliencron_adjutantenritte_1883/39
Zitationshilfe: Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883], S. 31. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/liliencron_adjutantenritte_1883/39>, abgerufen am 15.10.2019.