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Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater, nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears. Leipzig, 1774.

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nimmt er seine Zuflucht zu dem -- franzö-
sischen Charakter, welcher nur einer -- und
eigentlich das summum oder maximum aller
menschlichen Charaktere ist. Macht seinen
Helden äußerst verliebt, äußerst großmüthig,
äußerst zornig, alles zusammen und alles auf
einmal, diesen Charakter studiren alle ihre
Dichter und Schauspieler unabläßig und strei-
chen ihn wie das Rouge auf alle Gesichter
ohne Ansehen der Person.

Jch sage, der Dichter mahlt das ganze
Stück auf seinem eigenen Charakter (denn
der eben angeführte Fall ereignet sich eigent-
lich nur bey denen, die selbst gar keinen Fond,
keinen Charakter haben). So sind Voltai-
rens Helden fast lauter tolerante Freygeister,
Corneillens lauter Senekas. Die ganze
Welt nimmt den Thon ihrer Wünsche an,
selbst Rousseau in seiner Heloise, das beste
Buch, das jemals mit französischen Lettern
ist abgedruckt worden, ist davon nicht aus-
genommen. So sehr er abändert, so geschickt
er sich hinter die Personen zu verstecken weiß,
die er auftreten läßt, so guckt doch immer,
ich kann es nicht läugnen, etwas von seiner
Perücke hervor, und das wünscht' ich weg,
um mich ganz in seine Welt hinein zu täu-
schen, in dem Pallast der Armide Nektar zu
schlürfen. Doch das im Vorbeygehen, zum
Theater zurück. Voltaire selbst hat eingese-

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C 5



nimmt er ſeine Zuflucht zu dem — franzoͤ-
ſiſchen Charakter, welcher nur einer — und
eigentlich das ſummum oder maximum aller
menſchlichen Charaktere iſt. Macht ſeinen
Helden aͤußerſt verliebt, aͤußerſt großmuͤthig,
aͤußerſt zornig, alles zuſammen und alles auf
einmal, dieſen Charakter ſtudiren alle ihre
Dichter und Schauſpieler unablaͤßig und ſtrei-
chen ihn wie das Rouge auf alle Geſichter
ohne Anſehen der Perſon.

Jch ſage, der Dichter mahlt das ganze
Stuͤck auf ſeinem eigenen Charakter (denn
der eben angefuͤhrte Fall ereignet ſich eigent-
lich nur bey denen, die ſelbſt gar keinen Fond,
keinen Charakter haben). So ſind Voltai-
rens Helden faſt lauter tolerante Freygeiſter,
Corneillens lauter Senekas. Die ganze
Welt nimmt den Thon ihrer Wuͤnſche an,
ſelbſt Rouſſeau in ſeiner Heloiſe, das beſte
Buch, das jemals mit franzoͤſiſchen Lettern
iſt abgedruckt worden, iſt davon nicht aus-
genommen. So ſehr er abaͤndert, ſo geſchickt
er ſich hinter die Perſonen zu verſtecken weiß,
die er auftreten laͤßt, ſo guckt doch immer,
ich kann es nicht laͤugnen, etwas von ſeiner
Peruͤcke hervor, und das wuͤnſcht’ ich weg,
um mich ganz in ſeine Welt hinein zu taͤu-
ſchen, in dem Pallaſt der Armide Nektar zu
ſchluͤrfen. Doch das im Vorbeygehen, zum
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[41/0047] nimmt er ſeine Zuflucht zu dem — franzoͤ- ſiſchen Charakter, welcher nur einer — und eigentlich das ſummum oder maximum aller menſchlichen Charaktere iſt. Macht ſeinen Helden aͤußerſt verliebt, aͤußerſt großmuͤthig, aͤußerſt zornig, alles zuſammen und alles auf einmal, dieſen Charakter ſtudiren alle ihre Dichter und Schauſpieler unablaͤßig und ſtrei- chen ihn wie das Rouge auf alle Geſichter ohne Anſehen der Perſon. Jch ſage, der Dichter mahlt das ganze Stuͤck auf ſeinem eigenen Charakter (denn der eben angefuͤhrte Fall ereignet ſich eigent- lich nur bey denen, die ſelbſt gar keinen Fond, keinen Charakter haben). So ſind Voltai- rens Helden faſt lauter tolerante Freygeiſter, Corneillens lauter Senekas. Die ganze Welt nimmt den Thon ihrer Wuͤnſche an, ſelbſt Rouſſeau in ſeiner Heloiſe, das beſte Buch, das jemals mit franzoͤſiſchen Lettern iſt abgedruckt worden, iſt davon nicht aus- genommen. So ſehr er abaͤndert, ſo geſchickt er ſich hinter die Perſonen zu verſtecken weiß, die er auftreten laͤßt, ſo guckt doch immer, ich kann es nicht laͤugnen, etwas von ſeiner Peruͤcke hervor, und das wuͤnſcht’ ich weg, um mich ganz in ſeine Welt hinein zu taͤu- ſchen, in dem Pallaſt der Armide Nektar zu ſchluͤrfen. Doch das im Vorbeygehen, zum Theater zuruͤck. Voltaire ſelbſt hat eingeſe- hen, C 5

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Zitationshilfe: Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater, nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears. Leipzig, 1774, S. 41. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774/47>, abgerufen am 19.09.2019.