Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater, nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite



bey Charakteren sich immer Masken und
Fratzen dachte, aber wer kann davor?

Wenn also die französischen Schauspiele
gröstentheils nach den Regeln des Aristote-
les -- und seiner Ausleger zugeschnitten
sind -- wenn wir vorhin bey der Theorie
zu murren fanden, und bey der Ausübung
hier gar -- -- was bleibt uns übrig?
Was, als die Natur Baumeisterin seyn zu
lassen, wie Virgil die Dido beschreibt.

Talis Dido erat, talem se laeta ferebat
Per medios, instans operi regnisque futuris.
Tum foribus divae media testudine templi
Septa armis, solioque alte subnixa resedit
Iura dabat, legesque viris, operumque la-
borem
Partibus aequabat iustis --

Jsts nicht andem, daß Sie in allen fran-
zösischen Schauspielen (wie in den Roma-
nen) eine gewisse Aehnlichkeit der Fabel ge-
wahr werden, welche, wenn man viel gele-
sen oder gesehn hat, unbeschreiblich eckelhaft
wird. Ein offenbarer Beweis des Hand-
werks. Denn die Natur ist in allen ihren
Wirkungen mannigfaltig, das Handwerk
aber einfach, und Athem der Natur und
Funke des Genies ists, das noch unterwei-
len zu unserm Trost uns durch eine kleine
Abwechselung entschädigt. Fürchte nicht,

liebes
C 3



bey Charakteren ſich immer Masken und
Fratzen dachte, aber wer kann davor?

Wenn alſo die franzoͤſiſchen Schauſpiele
groͤſtentheils nach den Regeln des Ariſtote-
les — und ſeiner Ausleger zugeſchnitten
ſind — wenn wir vorhin bey der Theorie
zu murren fanden, und bey der Ausuͤbung
hier gar — — was bleibt uns uͤbrig?
Was, als die Natur Baumeiſterin ſeyn zu
laſſen, wie Virgil die Dido beſchreibt.

Talis Dido erat, talem ſe laeta ferebat
Per medios, inſtans operi regnisque futuris.
Tum foribus divae media teſtudine templi
Septa armis, ſolioque alte ſubnixa reſedit
Iura dabat, legesque viris, operumque la-
borem
Partibus aequabat iuſtis —

Jſts nicht andem, daß Sie in allen fran-
zoͤſiſchen Schauſpielen (wie in den Roma-
nen) eine gewiſſe Aehnlichkeit der Fabel ge-
wahr werden, welche, wenn man viel gele-
ſen oder geſehn hat, unbeſchreiblich eckelhaft
wird. Ein offenbarer Beweis des Hand-
werks. Denn die Natur iſt in allen ihren
Wirkungen mannigfaltig, das Handwerk
aber einfach, und Athem der Natur und
Funke des Genies iſts, das noch unterwei-
len zu unſerm Troſt uns durch eine kleine
Abwechſelung entſchaͤdigt. Fuͤrchte nicht,

liebes
C 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0043" n="37"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
bey Charakteren &#x017F;ich immer Masken und<lb/>
Fratzen dachte, aber wer kann davor?</p><lb/>
        <p>Wenn al&#x017F;o die franzo&#x0364;&#x017F;i&#x017F;chen Schau&#x017F;piele<lb/>
gro&#x0364;&#x017F;tentheils nach den Regeln des Ari&#x017F;tote-<lb/>
les &#x2014; und &#x017F;einer Ausleger zuge&#x017F;chnitten<lb/>
&#x017F;ind &#x2014; wenn wir vorhin bey der Theorie<lb/>
zu murren fanden, und bey der Ausu&#x0364;bung<lb/>
hier gar &#x2014; &#x2014; was bleibt uns u&#x0364;brig?<lb/>
Was, als die Natur Baumei&#x017F;terin &#x017F;eyn zu<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en, wie Virgil die Dido be&#x017F;chreibt.</p><lb/>
        <cit>
          <quote> <hi rendition="#aq">Talis Dido erat, talem &#x017F;e laeta ferebat<lb/>
Per medios, in&#x017F;tans operi regnisque futuris.<lb/>
Tum foribus divae media te&#x017F;tudine templi<lb/>
Septa armis, &#x017F;olioque alte &#x017F;ubnixa re&#x017F;edit<lb/>
Iura dabat, legesque viris, operumque la-<lb/><hi rendition="#et">borem</hi><lb/>
Partibus aequabat iu&#x017F;tis &#x2014;</hi> </quote>
          <bibl/>
        </cit><lb/>
        <p>J&#x017F;ts nicht andem, daß Sie in allen fran-<lb/>
zo&#x0364;&#x017F;i&#x017F;chen Schau&#x017F;pielen (wie in den Roma-<lb/>
nen) eine gewi&#x017F;&#x017F;e Aehnlichkeit der Fabel ge-<lb/>
wahr werden, welche, wenn man viel gele-<lb/>
&#x017F;en oder ge&#x017F;ehn hat, unbe&#x017F;chreiblich eckelhaft<lb/>
wird. Ein offenbarer Beweis des Hand-<lb/>
werks. Denn die Natur i&#x017F;t in allen ihren<lb/>
Wirkungen mannigfaltig, das Handwerk<lb/>
aber einfach, und Athem der Natur und<lb/>
Funke des Genies i&#x017F;ts, das noch unterwei-<lb/>
len zu un&#x017F;erm Tro&#x017F;t uns durch eine kleine<lb/>
Abwech&#x017F;elung ent&#x017F;cha&#x0364;digt. Fu&#x0364;rchte nicht,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">C 3</fw><fw place="bottom" type="catch">liebes</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[37/0043] bey Charakteren ſich immer Masken und Fratzen dachte, aber wer kann davor? Wenn alſo die franzoͤſiſchen Schauſpiele groͤſtentheils nach den Regeln des Ariſtote- les — und ſeiner Ausleger zugeſchnitten ſind — wenn wir vorhin bey der Theorie zu murren fanden, und bey der Ausuͤbung hier gar — — was bleibt uns uͤbrig? Was, als die Natur Baumeiſterin ſeyn zu laſſen, wie Virgil die Dido beſchreibt. Talis Dido erat, talem ſe laeta ferebat Per medios, inſtans operi regnisque futuris. Tum foribus divae media teſtudine templi Septa armis, ſolioque alte ſubnixa reſedit Iura dabat, legesque viris, operumque la- borem Partibus aequabat iuſtis — Jſts nicht andem, daß Sie in allen fran- zoͤſiſchen Schauſpielen (wie in den Roma- nen) eine gewiſſe Aehnlichkeit der Fabel ge- wahr werden, welche, wenn man viel gele- ſen oder geſehn hat, unbeſchreiblich eckelhaft wird. Ein offenbarer Beweis des Hand- werks. Denn die Natur iſt in allen ihren Wirkungen mannigfaltig, das Handwerk aber einfach, und Athem der Natur und Funke des Genies iſts, das noch unterwei- len zu unſerm Troſt uns durch eine kleine Abwechſelung entſchaͤdigt. Fuͤrchte nicht, liebes C 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774/43
Zitationshilfe: Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater, nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears. Leipzig, 1774, S. 37. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774/43>, abgerufen am 17.09.2019.