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Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 2. Berlin, 1876.

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Besondere Pflanzenbaulehre.

Gleichwie der Roggen frühes Grünfutter liefert, gibt derselbe als Johannis-
roggen auch im Herbste spätes Grünfutter. Nach dem Grünfutterschnitte im Herbste
bleibt der Johannisroggen für das nächste Jahr zur Körnergewinnung stehen.

Seltener als das Wintergetreide wird das Sommergetreide, Gerste, Sommer-
roggen zu Grünfutter angebaut. Dasselbe kommt um einige Tage früher als das
Wickfutter zur Verwerthung, weshalb es für trockene Gegenden nicht unbeachtet
bleiben sollte.

15. Der Mohar.

Der Mohar, die kleine Kolbenhirse (Setaria germanica P. B.) Sun aus der Gruppe
der Hirsengräser (Paniceen Kunth.) besitzt gegenüber der Rispenhirse (Panicum

[Abbildung] Fig. 142.

Rispe des Mohars
(Setaria germanica P. B.) Sun.

miliaceum L.) Sun eine zusammengezogene, ährenförmige Rispe,
Fig. 142, aus welcher zahlreiche Borsten, ebensoviele blüthen-
lose Aehrchenstielchen, hervorsehen. Mit der großen Kolben-
hirse oder dem großen Fennich (Setaria italica Beauv.) Sun,
welche im südlichen Europa wegen ihrer Körner viel gebaut
wird, besitzt der Mohar die größte Aehnlichkeit, nur daß
bei diesem die Rispe und die ganze Erscheinung der Pflanze
schwächer ausfällt. Diese Uebereinstimmung geht so weit,
daß der Mohar nur als eine Spielart der großen Kolben-
hirse angesehen werden kann. Letztere läßt sich wieder,
wie F. Haberlandt gezeigt hat, in wenig Jahren durch
schüttere Saat in gelockertem, fruchtbarem Boden, aus dem
nur 45 Ctm. hohen grünrispigen Borstengras (Setaria
viridis Beauv.)
Sun, einem hartnäckigen Unkraute sandiger
Böden und warmer Klimate mit nur 5 Ctm. langer
Rispenähre, heranzüchten. In der Zwischenzeit ergeben sich
die mannigfaltigsten Uebergänge von der kleinen bis zur
ansehnlichen, großen Kolbenhirse. Trotzdem hier der nicht
zu häufige Fall vorliegt, daß der Zusammenhang einer
Culturpflanze mit ihrer wilden Stammform unmittelbar
nachgewiesen werden kann, reicht doch die Cultur der Kolbenhirse in die frühesten
Zeiten zurück, nachdem dieselbe auch in den schweizer Pfahlbauten aufgefunden wurde.

Die Varietäten des Mohars unterscheiden sich nach der Färbung der Körner.
Mohar mit orangegelben oder schwarzen Körnern wird vornehmlich in Ungarn, sowie
in Südfrankreich und Oberitalien angebaut. In Kärnten wird eine Moharvarietät
mit violetten Körnern, in Rußland mit gelben Körnern, welche einen Stich ins Röth-
liche besitzen, cultivirt.

Der Mohar beansprucht während seiner kurzen Vegetation, welche bei
Futtermohar innerhalb 72--90 Tagen, bei Mohar zur Samengewinnung nach 120
bis 130 Tagen abschließt, in jenem Falle eine Wärmesumme von 1500°C., in
diesem 2200°C. Zu seiner Entwickelung begnügt er sich mit einer geringen

Beſondere Pflanzenbaulehre.

Gleichwie der Roggen frühes Grünfutter liefert, gibt derſelbe als Johannis-
roggen auch im Herbſte ſpätes Grünfutter. Nach dem Grünfutterſchnitte im Herbſte
bleibt der Johannisroggen für das nächſte Jahr zur Körnergewinnung ſtehen.

Seltener als das Wintergetreide wird das Sommergetreide, Gerſte, Sommer-
roggen zu Grünfutter angebaut. Daſſelbe kommt um einige Tage früher als das
Wickfutter zur Verwerthung, weshalb es für trockene Gegenden nicht unbeachtet
bleiben ſollte.

15. Der Mohar.

Der Mohar, die kleine Kolbenhirſe (Setaria germanica P. B.) ☉ aus der Gruppe
der Hirſengräſer (Paniceen Kunth.) beſitzt gegenüber der Rispenhirſe (Panicum

[Abbildung] Fig. 142.

Rispe des Mohars
(Setaria germanica P. B.) ☉.

miliaceum L.) ☉ eine zuſammengezogene, ährenförmige Rispe,
Fig. 142, aus welcher zahlreiche Borſten, ebenſoviele blüthen-
loſe Aehrchenſtielchen, hervorſehen. Mit der großen Kolben-
hirſe oder dem großen Fennich (Setaria italica Beauv.) ☉,
welche im ſüdlichen Europa wegen ihrer Körner viel gebaut
wird, beſitzt der Mohar die größte Aehnlichkeit, nur daß
bei dieſem die Rispe und die ganze Erſcheinung der Pflanze
ſchwächer ausfällt. Dieſe Uebereinſtimmung geht ſo weit,
daß der Mohar nur als eine Spielart der großen Kolben-
hirſe angeſehen werden kann. Letztere läßt ſich wieder,
wie F. Haberlandt gezeigt hat, in wenig Jahren durch
ſchüttere Saat in gelockertem, fruchtbarem Boden, aus dem
nur 45 Ctm. hohen grünrispigen Borſtengras (Setaria
viridis Beauv.)
☉, einem hartnäckigen Unkraute ſandiger
Böden und warmer Klimate mit nur 5 Ctm. langer
Rispenähre, heranzüchten. In der Zwiſchenzeit ergeben ſich
die mannigfaltigſten Uebergänge von der kleinen bis zur
anſehnlichen, großen Kolbenhirſe. Trotzdem hier der nicht
zu häufige Fall vorliegt, daß der Zuſammenhang einer
Culturpflanze mit ihrer wilden Stammform unmittelbar
nachgewieſen werden kann, reicht doch die Cultur der Kolbenhirſe in die früheſten
Zeiten zurück, nachdem dieſelbe auch in den ſchweizer Pfahlbauten aufgefunden wurde.

Die Varietäten des Mohars unterſcheiden ſich nach der Färbung der Körner.
Mohar mit orangegelben oder ſchwarzen Körnern wird vornehmlich in Ungarn, ſowie
in Südfrankreich und Oberitalien angebaut. In Kärnten wird eine Moharvarietät
mit violetten Körnern, in Rußland mit gelben Körnern, welche einen Stich ins Röth-
liche beſitzen, cultivirt.

Der Mohar beanſprucht während ſeiner kurzen Vegetation, welche bei
Futtermohar innerhalb 72—90 Tagen, bei Mohar zur Samengewinnung nach 120
bis 130 Tagen abſchließt, in jenem Falle eine Wärmeſumme von 1500°C., in
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[204/0218] Beſondere Pflanzenbaulehre. Gleichwie der Roggen frühes Grünfutter liefert, gibt derſelbe als Johannis- roggen auch im Herbſte ſpätes Grünfutter. Nach dem Grünfutterſchnitte im Herbſte bleibt der Johannisroggen für das nächſte Jahr zur Körnergewinnung ſtehen. Seltener als das Wintergetreide wird das Sommergetreide, Gerſte, Sommer- roggen zu Grünfutter angebaut. Daſſelbe kommt um einige Tage früher als das Wickfutter zur Verwerthung, weshalb es für trockene Gegenden nicht unbeachtet bleiben ſollte. 15. Der Mohar. Der Mohar, die kleine Kolbenhirſe (Setaria germanica P. B.) ☉ aus der Gruppe der Hirſengräſer (Paniceen Kunth.) beſitzt gegenüber der Rispenhirſe (Panicum [Abbildung Fig. 142. Rispe des Mohars (Setaria germanica P. B.) ☉.] miliaceum L.) ☉ eine zuſammengezogene, ährenförmige Rispe, Fig. 142, aus welcher zahlreiche Borſten, ebenſoviele blüthen- loſe Aehrchenſtielchen, hervorſehen. Mit der großen Kolben- hirſe oder dem großen Fennich (Setaria italica Beauv.) ☉, welche im ſüdlichen Europa wegen ihrer Körner viel gebaut wird, beſitzt der Mohar die größte Aehnlichkeit, nur daß bei dieſem die Rispe und die ganze Erſcheinung der Pflanze ſchwächer ausfällt. Dieſe Uebereinſtimmung geht ſo weit, daß der Mohar nur als eine Spielart der großen Kolben- hirſe angeſehen werden kann. Letztere läßt ſich wieder, wie F. Haberlandt gezeigt hat, in wenig Jahren durch ſchüttere Saat in gelockertem, fruchtbarem Boden, aus dem nur 45 Ctm. hohen grünrispigen Borſtengras (Setaria viridis Beauv.) ☉, einem hartnäckigen Unkraute ſandiger Böden und warmer Klimate mit nur 5 Ctm. langer Rispenähre, heranzüchten. In der Zwiſchenzeit ergeben ſich die mannigfaltigſten Uebergänge von der kleinen bis zur anſehnlichen, großen Kolbenhirſe. Trotzdem hier der nicht zu häufige Fall vorliegt, daß der Zuſammenhang einer Culturpflanze mit ihrer wilden Stammform unmittelbar nachgewieſen werden kann, reicht doch die Cultur der Kolbenhirſe in die früheſten Zeiten zurück, nachdem dieſelbe auch in den ſchweizer Pfahlbauten aufgefunden wurde. Die Varietäten des Mohars unterſcheiden ſich nach der Färbung der Körner. Mohar mit orangegelben oder ſchwarzen Körnern wird vornehmlich in Ungarn, ſowie in Südfrankreich und Oberitalien angebaut. In Kärnten wird eine Moharvarietät mit violetten Körnern, in Rußland mit gelben Körnern, welche einen Stich ins Röth- liche beſitzen, cultivirt. Der Mohar beanſprucht während ſeiner kurzen Vegetation, welche bei Futtermohar innerhalb 72—90 Tagen, bei Mohar zur Samengewinnung nach 120 bis 130 Tagen abſchließt, in jenem Falle eine Wärmeſumme von 1500°C., in dieſem 2200°C. Zu ſeiner Entwickelung begnügt er ſich mit einer geringen

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Zitationshilfe: Krafft, Guido: Lehrbuch der Landwirthschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 2. Berlin, 1876, S. 204. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/krafft_landwirthschaft02_1876/218>, abgerufen am 19.07.2019.