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Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892.

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sehr kurze Silben mitgezählt werden, während es sich hier nur um
einsilbige, aber buchstabenreichere Hauptworte handelt. Wie mir
scheint, würde demnach eigentlich auch nach dieser Methode noch
die Wortreactionszeit vielleicht etwas zu gross ausfallen. Mit Hülfe
des von mir geschilderten Verfahrens liesse sich das ohne Schwierigkeit
ändern, doch ist zu bedenken, dass es für unsere Zwecke nicht auf
die absoluten Werthe, sondern nur auf vergleichbare Zahlen an-
kommt. Unter diesem Gesichtspunkte ist schliesslich jede beliebige
Methode anwendbar, wenn nur der Fehler, den sie in sich schliesst,
völlig constant bleibt. Das ist in gewissem Sinne, wie ich oben gezeigt
habe, bei der Anwendung des Lippenschlüssels der Fall. Hier aber
liegt die Schwäche der Trautscholdt'schen Methode. Die Schwan-
kungen in der Verspätung sind bei derselben relativ zu gross. Eine
Fehlerbreite bis zu 40 s vermag den Werth einer Versuchsreihe mit
Wortreactionen schon empfindlich zu beeinträchtigen, wenn sie auch
bei Associationen zumeist wol noch keine entscheidende Rolle spielt.

Kommen wir somit zu dem Schlusse, dass der Lippenschlüssel eine
recht zuverlässige und gleichförmige Reizauslösung bei allen Versuchen
mit Wortreizen gestattet, so entsteht doch noch die Frage, ob nicht
die Verschiedenheiten in der lautlichen Zusammensetzung der
Wörter Schwankungen in der Reactionsdauer bedingen, welche nicht
psychischer Art sind. Kurze oder lange Vocale, Häufung von Conso-
nanten am Anfange oder am Ende der Wörter könnten ja wol das Ver-
ständniss derselben gewissermassen rein technisch in verschiedenartiger
Weise beeinflussen, so dass wir überall den Entstehungsmoment des
Reizes in verschiedenen Abstand von dem Beginne der Sprechbewe-
gung zu setzen hätten. Zur Prüfung dieser Frage habe ich eine Reihe
von 250 Wortreactionen nach der lautlichen Zusammensetzung der
Wörter in verschiedenartiger Weise gruppirt und festzustellen gesucht,
wieweit den einzelnen Worttypen regelmässige Verschiedenheiten in der
Reactionsdauer entsprechen. In der folgenden Tabelle II sind die
beobachteten Reactionen zunächst nach ihrer Länge in zwei gleiche
Gruppen getheilt, kurze und lange. Sodann ist für jede dieser Gruppen
verzeichnet, einmal wie viele Wörter mit langen und wie viele mit
kurzen Vocalen auf dieselbe entfielen, wie oft die Wörter mit einem
Vocal resp. einem Consonanten, oder aber mit mehreren Consonanten
anlauteten oder auslauteten. Diese letzteren beiden Möglichkeiten habe
ich als schwachen oder starken Anlaut und Auslaut unterschieden.


sehr kurze Silben mitgezählt werden, während es sich hier nur um
einsilbige, aber buchstabenreichere Hauptworte handelt. Wie mir
scheint, würde demnach eigentlich auch nach dieser Methode noch
die Wortreactionszeit vielleicht etwas zu gross ausfallen. Mit Hülfe
des von mir geschilderten Verfahrens liesse sich das ohne Schwierigkeit
ändern, doch ist zu bedenken, dass es für unsere Zwecke nicht auf
die absoluten Werthe, sondern nur auf vergleichbare Zahlen an-
kommt. Unter diesem Gesichtspunkte ist schliesslich jede beliebige
Methode anwendbar, wenn nur der Fehler, den sie in sich schliesst,
völlig constant bleibt. Das ist in gewissem Sinne, wie ich oben gezeigt
habe, bei der Anwendung des Lippenschlüssels der Fall. Hier aber
liegt die Schwäche der Trautscholdt’schen Methode. Die Schwan-
kungen in der Verspätung sind bei derselben relativ zu gross. Eine
Fehlerbreite bis zu 40 σ vermag den Werth einer Versuchsreihe mit
Wortreactionen schon empfindlich zu beeinträchtigen, wenn sie auch
bei Associationen zumeist wol noch keine entscheidende Rolle spielt.

Kommen wir somit zu dem Schlusse, dass der Lippenschlüssel eine
recht zuverlässige und gleichförmige Reizauslösung bei allen Versuchen
mit Wortreizen gestattet, so entsteht doch noch die Frage, ob nicht
die Verschiedenheiten in der lautlichen Zusammensetzung der
Wörter Schwankungen in der Reactionsdauer bedingen, welche nicht
psychischer Art sind. Kurze oder lange Vocale, Häufung von Conso-
nanten am Anfange oder am Ende der Wörter könnten ja wol das Ver-
ständniss derselben gewissermassen rein technisch in verschiedenartiger
Weise beeinflussen, so dass wir überall den Entstehungsmoment des
Reizes in verschiedenen Abstand von dem Beginne der Sprechbewe-
gung zu setzen hätten. Zur Prüfung dieser Frage habe ich eine Reihe
von 250 Wortreactionen nach der lautlichen Zusammensetzung der
Wörter in verschiedenartiger Weise gruppirt und festzustellen gesucht,
wieweit den einzelnen Worttypen regelmässige Verschiedenheiten in der
Reactionsdauer entsprechen. In der folgenden Tabelle II sind die
beobachteten Reactionen zunächst nach ihrer Länge in zwei gleiche
Gruppen getheilt, kurze und lange. Sodann ist für jede dieser Gruppen
verzeichnet, einmal wie viele Wörter mit langen und wie viele mit
kurzen Vocalen auf dieselbe entfielen, wie oft die Wörter mit einem
Vocal resp. einem Consonanten, oder aber mit mehreren Consonanten
anlauteten oder auslauteten. Diese letzteren beiden Möglichkeiten habe
ich als schwachen oder starken Anlaut und Auslaut unterschieden.


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[20/0036] sehr kurze Silben mitgezählt werden, während es sich hier nur um einsilbige, aber buchstabenreichere Hauptworte handelt. Wie mir scheint, würde demnach eigentlich auch nach dieser Methode noch die Wortreactionszeit vielleicht etwas zu gross ausfallen. Mit Hülfe des von mir geschilderten Verfahrens liesse sich das ohne Schwierigkeit ändern, doch ist zu bedenken, dass es für unsere Zwecke nicht auf die absoluten Werthe, sondern nur auf vergleichbare Zahlen an- kommt. Unter diesem Gesichtspunkte ist schliesslich jede beliebige Methode anwendbar, wenn nur der Fehler, den sie in sich schliesst, völlig constant bleibt. Das ist in gewissem Sinne, wie ich oben gezeigt habe, bei der Anwendung des Lippenschlüssels der Fall. Hier aber liegt die Schwäche der Trautscholdt’schen Methode. Die Schwan- kungen in der Verspätung sind bei derselben relativ zu gross. Eine Fehlerbreite bis zu 40 σ vermag den Werth einer Versuchsreihe mit Wortreactionen schon empfindlich zu beeinträchtigen, wenn sie auch bei Associationen zumeist wol noch keine entscheidende Rolle spielt. Kommen wir somit zu dem Schlusse, dass der Lippenschlüssel eine recht zuverlässige und gleichförmige Reizauslösung bei allen Versuchen mit Wortreizen gestattet, so entsteht doch noch die Frage, ob nicht die Verschiedenheiten in der lautlichen Zusammensetzung der Wörter Schwankungen in der Reactionsdauer bedingen, welche nicht psychischer Art sind. Kurze oder lange Vocale, Häufung von Conso- nanten am Anfange oder am Ende der Wörter könnten ja wol das Ver- ständniss derselben gewissermassen rein technisch in verschiedenartiger Weise beeinflussen, so dass wir überall den Entstehungsmoment des Reizes in verschiedenen Abstand von dem Beginne der Sprechbewe- gung zu setzen hätten. Zur Prüfung dieser Frage habe ich eine Reihe von 250 Wortreactionen nach der lautlichen Zusammensetzung der Wörter in verschiedenartiger Weise gruppirt und festzustellen gesucht, wieweit den einzelnen Worttypen regelmässige Verschiedenheiten in der Reactionsdauer entsprechen. In der folgenden Tabelle II sind die beobachteten Reactionen zunächst nach ihrer Länge in zwei gleiche Gruppen getheilt, kurze und lange. Sodann ist für jede dieser Gruppen verzeichnet, einmal wie viele Wörter mit langen und wie viele mit kurzen Vocalen auf dieselbe entfielen, wie oft die Wörter mit einem Vocal resp. einem Consonanten, oder aber mit mehreren Consonanten anlauteten oder auslauteten. Diese letzteren beiden Möglichkeiten habe ich als schwachen oder starken Anlaut und Auslaut unterschieden.

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Zitationshilfe: Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kraepelin_arzneimittel_1892/36>, abgerufen am 17.08.2019.