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Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892.

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ergab die Messung in 50 Versuchen die Zeit von 20 s, mit einem wahr-
scheinlichen Fehler von nur +/- 1 s. Die Regelmässigkeit der Zahlen war
ganz erstaunlich; nicht weniger als 35 Versuche lieferten Zeiten zwi-
schen 19 und 21 s. Es zeigt sich somit auch hier wieder, und zwar
noch deutlicher als früher, wo weniger genau arbeitende Hülfsapparate
mitwirkten, wie ausserordentlich zuverlässig das Chronoskop als solches
functionirt.

Wir können somit annehmen, dass die Zeitmessung in unsern
Versuchen 20 s nach dem Beginn der Sprechbewegung ihren Anfang
nimmt. Wenn man will, kann man natürlich dieses Intervall auch
beliebig vergrössern. Es erschien mir aber nun weiterhin wichtig, fest-
zustellen, wie sich zeitlich die Trautscholdt'sche Methode zu dem
hier von mir geübten Verfahren verhält. Eine genaue Gleichzeitig-
keit des Beginns der Zeitmessung und des Aussprechens wird durch
jene Methode weder erreicht noch erstrebt; vielmehr besteht die Ab-
sicht, womöglich den Contactschluss mit dem Ton des ausgespro-
chenen Wortes zusammenfallen zu lassen. Die Verspätung des Con-
tactschlusses gegenüber dem Beginn der Sprechbewegung liess sich
aber mit Hülfe der von mir soeben beschriebenen Versuchsanordnung
leicht messen. Ich liess zu diesem Zwecke den zweiten Contact des
Lippenschlüssels unbenutzt, führte aber den Uhrstrom durch den ersten
Contact und durch einen gewöhnlichen Morse'schen Schlüssel, den ich
auch sonst bei der Trautscholdt'schen Methode immer in Anwendung
gezogen hatte. Beim Beginne des Versuches hielt ich den Uhrstrom
im Lippenschlüssel geschlossen. Sodann sprach ich ein Wort aus und
drückte gleichzeitig ganz in der Weise meiner früheren Wortreactions-
versuche den Taster nieder. Der Uhrstrom blieb hier vom Beginn
der Sprechbewegung bis zum Schliessen des Tasters geöffnet. Die
Dauer dieses Intervalles liess sich durch Abänderung der Excursions-
weite des Tasters variiren. Bei minimaler Grösse derselben, bei einem
Abstande der Contactflächen von etwa 2 mm, ergab sich eine Zeit von
43 s, mit einem wahrscheinlichen Fehler von +/- 18. Erweiterte ich
den Abstand bis auf 1 cm, so stieg die Zeit auf 53 +/- 20 s.

Um diesen Betrag also verspätet sich durchschnittlich die Zeit-
messung nach der Trautscholdt'schen Methode gegenüber dem Be-
ginn der Sprechbewegung. Da die Sprechzeit für eine Silbe nach den
später zu besprechenden Leseversuchen ungefähr 120--150 s beträgt,
so würde die Zeitmessung etwa zwischen dem ersten und zweiten
Drittel des einzelnen Sprechactes anfangen, wahrscheinlich indessen
meist noch ein wenig früher, da bei den Leseversuchen auch viele

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ergab die Messung in 50 Versuchen die Zeit von 20 σ, mit einem wahr-
scheinlichen Fehler von nur ± 1 σ. Die Regelmässigkeit der Zahlen war
ganz erstaunlich; nicht weniger als 35 Versuche lieferten Zeiten zwi-
schen 19 und 21 σ. Es zeigt sich somit auch hier wieder, und zwar
noch deutlicher als früher, wo weniger genau arbeitende Hülfsapparate
mitwirkten, wie ausserordentlich zuverlässig das Chronoskop als solches
functionirt.

Wir können somit annehmen, dass die Zeitmessung in unsern
Versuchen 20 σ nach dem Beginn der Sprechbewegung ihren Anfang
nimmt. Wenn man will, kann man natürlich dieses Intervall auch
beliebig vergrössern. Es erschien mir aber nun weiterhin wichtig, fest-
zustellen, wie sich zeitlich die Trautscholdt’sche Methode zu dem
hier von mir geübten Verfahren verhält. Eine genaue Gleichzeitig-
keit des Beginns der Zeitmessung und des Aussprechens wird durch
jene Methode weder erreicht noch erstrebt; vielmehr besteht die Ab-
sicht, womöglich den Contactschluss mit dem Ton des ausgespro-
chenen Wortes zusammenfallen zu lassen. Die Verspätung des Con-
tactschlusses gegenüber dem Beginn der Sprechbewegung liess sich
aber mit Hülfe der von mir soeben beschriebenen Versuchsanordnung
leicht messen. Ich liess zu diesem Zwecke den zweiten Contact des
Lippenschlüssels unbenutzt, führte aber den Uhrstrom durch den ersten
Contact und durch einen gewöhnlichen Morse’schen Schlüssel, den ich
auch sonst bei der Trautscholdt’schen Methode immer in Anwendung
gezogen hatte. Beim Beginne des Versuches hielt ich den Uhrstrom
im Lippenschlüssel geschlossen. Sodann sprach ich ein Wort aus und
drückte gleichzeitig ganz in der Weise meiner früheren Wortreactions-
versuche den Taster nieder. Der Uhrstrom blieb hier vom Beginn
der Sprechbewegung bis zum Schliessen des Tasters geöffnet. Die
Dauer dieses Intervalles liess sich durch Abänderung der Excursions-
weite des Tasters variiren. Bei minimaler Grösse derselben, bei einem
Abstande der Contactflächen von etwa 2 mm, ergab sich eine Zeit von
43 σ, mit einem wahrscheinlichen Fehler von ± 18. Erweiterte ich
den Abstand bis auf 1 cm, so stieg die Zeit auf 53 ± 20 σ.

Um diesen Betrag also verspätet sich durchschnittlich die Zeit-
messung nach der Trautscholdt’schen Methode gegenüber dem Be-
ginn der Sprechbewegung. Da die Sprechzeit für eine Silbe nach den
später zu besprechenden Leseversuchen ungefähr 120—150 σ beträgt,
so würde die Zeitmessung etwa zwischen dem ersten und zweiten
Drittel des einzelnen Sprechactes anfangen, wahrscheinlich indessen
meist noch ein wenig früher, da bei den Leseversuchen auch viele

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[19/0035] ergab die Messung in 50 Versuchen die Zeit von 20 σ, mit einem wahr- scheinlichen Fehler von nur ± 1 σ. Die Regelmässigkeit der Zahlen war ganz erstaunlich; nicht weniger als 35 Versuche lieferten Zeiten zwi- schen 19 und 21 σ. Es zeigt sich somit auch hier wieder, und zwar noch deutlicher als früher, wo weniger genau arbeitende Hülfsapparate mitwirkten, wie ausserordentlich zuverlässig das Chronoskop als solches functionirt. Wir können somit annehmen, dass die Zeitmessung in unsern Versuchen 20 σ nach dem Beginn der Sprechbewegung ihren Anfang nimmt. Wenn man will, kann man natürlich dieses Intervall auch beliebig vergrössern. Es erschien mir aber nun weiterhin wichtig, fest- zustellen, wie sich zeitlich die Trautscholdt’sche Methode zu dem hier von mir geübten Verfahren verhält. Eine genaue Gleichzeitig- keit des Beginns der Zeitmessung und des Aussprechens wird durch jene Methode weder erreicht noch erstrebt; vielmehr besteht die Ab- sicht, womöglich den Contactschluss mit dem Ton des ausgespro- chenen Wortes zusammenfallen zu lassen. Die Verspätung des Con- tactschlusses gegenüber dem Beginn der Sprechbewegung liess sich aber mit Hülfe der von mir soeben beschriebenen Versuchsanordnung leicht messen. Ich liess zu diesem Zwecke den zweiten Contact des Lippenschlüssels unbenutzt, führte aber den Uhrstrom durch den ersten Contact und durch einen gewöhnlichen Morse’schen Schlüssel, den ich auch sonst bei der Trautscholdt’schen Methode immer in Anwendung gezogen hatte. Beim Beginne des Versuches hielt ich den Uhrstrom im Lippenschlüssel geschlossen. Sodann sprach ich ein Wort aus und drückte gleichzeitig ganz in der Weise meiner früheren Wortreactions- versuche den Taster nieder. Der Uhrstrom blieb hier vom Beginn der Sprechbewegung bis zum Schliessen des Tasters geöffnet. Die Dauer dieses Intervalles liess sich durch Abänderung der Excursions- weite des Tasters variiren. Bei minimaler Grösse derselben, bei einem Abstande der Contactflächen von etwa 2 mm, ergab sich eine Zeit von 43 σ, mit einem wahrscheinlichen Fehler von ± 18. Erweiterte ich den Abstand bis auf 1 cm, so stieg die Zeit auf 53 ± 20 σ. Um diesen Betrag also verspätet sich durchschnittlich die Zeit- messung nach der Trautscholdt’schen Methode gegenüber dem Be- ginn der Sprechbewegung. Da die Sprechzeit für eine Silbe nach den später zu besprechenden Leseversuchen ungefähr 120—150 σ beträgt, so würde die Zeitmessung etwa zwischen dem ersten und zweiten Drittel des einzelnen Sprechactes anfangen, wahrscheinlich indessen meist noch ein wenig früher, da bei den Leseversuchen auch viele 2*

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Zitationshilfe: Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kraepelin_arzneimittel_1892/35>, abgerufen am 20.08.2019.