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Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

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Heinrich stand vor ihm still und hörte zu.
Der Alte sah ihn aufmerksam an und grüßte ihn.
"Ihr scheint," sagte er, "ein Lee zu sein, den
Augen und der Nase nach zu urtheilen?" "Ja,"
sagte Heinrich. "So so," erwiederte der Mann,
"so seid Ihr vielleicht des Baumeisters Sohn aus
der Stadt, der sich vor Jahren viel hier aufhielt?
Habt Euch lange nicht sehen lassen!" "Ich habe
aber Euch doch nie gesehen mit Wissen!" versetzte
Heinrich, und der Mann sagte: "So geht es wohl!
Ich meinerseits habe schon viel gesehen und sehe
Alles. Habe auch Eure Mutter recht wohl ge¬
kannt, was macht sie, ist sie gesund und munter?"
"Nein, sie ist todt!" antwortete Heinrich. "So
so!" der Alte, "todt! ja, die Zeit vergeht! Es ist
mir, als sei es heute, und sind es doch gerade
funfzig Jahr her, daß ich an dieser Stelle hier
als ein zwanzigjähriger Bursche die Leute über
das Wasser führte. Es kam eine Kutsche voll
Stadtleute von Eurem Dorfe hergefahren, die
lustig und guter Dinge waren und über den
Fluß setzen wollten. Eure Mutter war als ein
dreijähriges Kind dabei, und ich hob es aus der

Heinrich ſtand vor ihm ſtill und hoͤrte zu.
Der Alte ſah ihn aufmerkſam an und gruͤßte ihn.
»Ihr ſcheint,« ſagte er, »ein Lee zu ſein, den
Augen und der Naſe nach zu urtheilen?« »Ja,«
ſagte Heinrich. »So ſo,« erwiederte der Mann,
»ſo ſeid Ihr vielleicht des Baumeiſters Sohn aus
der Stadt, der ſich vor Jahren viel hier aufhielt?
Habt Euch lange nicht ſehen laſſen!« »Ich habe
aber Euch doch nie geſehen mit Wiſſen!« verſetzte
Heinrich, und der Mann ſagte: »So geht es wohl!
Ich meinerſeits habe ſchon viel geſehen und ſehe
Alles. Habe auch Eure Mutter recht wohl ge¬
kannt, was macht ſie, iſt ſie geſund und munter?«
»Nein, ſie iſt todt!« antwortete Heinrich. »So
ſo!« der Alte, »todt! ja, die Zeit vergeht! Es iſt
mir, als ſei es heute, und ſind es doch gerade
funfzig Jahr her, daß ich an dieſer Stelle hier
als ein zwanzigjaͤhriger Burſche die Leute uͤber
das Waſſer fuͤhrte. Es kam eine Kutſche voll
Stadtleute von Eurem Dorfe hergefahren, die
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[480/0490] Heinrich ſtand vor ihm ſtill und hoͤrte zu. Der Alte ſah ihn aufmerkſam an und gruͤßte ihn. »Ihr ſcheint,« ſagte er, »ein Lee zu ſein, den Augen und der Naſe nach zu urtheilen?« »Ja,« ſagte Heinrich. »So ſo,« erwiederte der Mann, »ſo ſeid Ihr vielleicht des Baumeiſters Sohn aus der Stadt, der ſich vor Jahren viel hier aufhielt? Habt Euch lange nicht ſehen laſſen!« »Ich habe aber Euch doch nie geſehen mit Wiſſen!« verſetzte Heinrich, und der Mann ſagte: »So geht es wohl! Ich meinerſeits habe ſchon viel geſehen und ſehe Alles. Habe auch Eure Mutter recht wohl ge¬ kannt, was macht ſie, iſt ſie geſund und munter?« »Nein, ſie iſt todt!« antwortete Heinrich. »So ſo!« der Alte, »todt! ja, die Zeit vergeht! Es iſt mir, als ſei es heute, und ſind es doch gerade funfzig Jahr her, daß ich an dieſer Stelle hier als ein zwanzigjaͤhriger Burſche die Leute uͤber das Waſſer fuͤhrte. Es kam eine Kutſche voll Stadtleute von Eurem Dorfe hergefahren, die luſtig und guter Dinge waren und uͤber den Fluß ſetzen wollten. Eure Mutter war als ein dreijaͤhriges Kind dabei, und ich hob es aus der

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Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 480. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/490>, abgerufen am 15.10.2019.