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Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

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Als Heinrich, der drei Tage auf dem Platze
blieb, diese Kraft und Fülle sah, schien ihm dies
fast bedenklich; denn nach dem stillen und in¬
nerlichen Leben, das er in der letzten Zeit ge¬
führt, dröhnte ihm das gewaltige Getöse betäu¬
bend in das Gemüth; denn obgleich da durch¬
aus kein wüstes oder kindisches Geschrei herrschte,
sondern ein ausgedehntes Meer gehaltener Män¬
nerstimmen wogte, aus dem nur hie und da eine
lautere Brandung oder ein fester feuriger Ge¬
sang aufstieg, so bildete doch diese handfeste
Wirklichkeit und Rührigkeit einen grellen Gegen¬
satz zu dem lautlosen entsagungsbereiten Liebes¬
leiden Heinrich's von jüngst, aus dem nur et¬
wa jener eintönige Staarenruf heraustönte. Doch
erinnerte er sich, daß dies eine alte Weise seiner
Landsleute und nicht etwa ein Zeichen des Ver¬
falles sei, und daß die sogenannten alten from¬
men Schweizer, welche so andächtig niederknie¬
ten, ehe sie sich schlugen, mit ihren langen Bär¬
ten und schiefen Kerbhütchen zuweilen noch viel
wilder thun, bankettiren und rumoren konnten
als die jetzigen, und daß also deswegen kein

Als Heinrich, der drei Tage auf dem Platze
blieb, dieſe Kraft und Fuͤlle ſah, ſchien ihm dies
faſt bedenklich; denn nach dem ſtillen und in¬
nerlichen Leben, das er in der letzten Zeit ge¬
fuͤhrt, droͤhnte ihm das gewaltige Getoͤſe betaͤu¬
bend in das Gemuͤth; denn obgleich da durch¬
aus kein wuͤſtes oder kindiſches Geſchrei herrſchte,
ſondern ein ausgedehntes Meer gehaltener Maͤn¬
nerſtimmen wogte, aus dem nur hie und da eine
lautere Brandung oder ein feſter feuriger Ge¬
ſang aufſtieg, ſo bildete doch dieſe handfeſte
Wirklichkeit und Ruͤhrigkeit einen grellen Gegen¬
ſatz zu dem lautloſen entſagungsbereiten Liebes¬
leiden Heinrich's von juͤngſt, aus dem nur et¬
wa jener eintoͤnige Staarenruf heraustoͤnte. Doch
erinnerte er ſich, daß dies eine alte Weiſe ſeiner
Landsleute und nicht etwa ein Zeichen des Ver¬
falles ſei, und daß die ſogenannten alten from¬
men Schweizer, welche ſo andaͤchtig niederknie¬
ten, ehe ſie ſich ſchlugen, mit ihren langen Baͤr¬
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[461/0471] Als Heinrich, der drei Tage auf dem Platze blieb, dieſe Kraft und Fuͤlle ſah, ſchien ihm dies faſt bedenklich; denn nach dem ſtillen und in¬ nerlichen Leben, das er in der letzten Zeit ge¬ fuͤhrt, droͤhnte ihm das gewaltige Getoͤſe betaͤu¬ bend in das Gemuͤth; denn obgleich da durch¬ aus kein wuͤſtes oder kindiſches Geſchrei herrſchte, ſondern ein ausgedehntes Meer gehaltener Maͤn¬ nerſtimmen wogte, aus dem nur hie und da eine lautere Brandung oder ein feſter feuriger Ge¬ ſang aufſtieg, ſo bildete doch dieſe handfeſte Wirklichkeit und Ruͤhrigkeit einen grellen Gegen¬ ſatz zu dem lautloſen entſagungsbereiten Liebes¬ leiden Heinrich's von juͤngſt, aus dem nur et¬ wa jener eintoͤnige Staarenruf heraustoͤnte. Doch erinnerte er ſich, daß dies eine alte Weiſe ſeiner Landsleute und nicht etwa ein Zeichen des Ver¬ falles ſei, und daß die ſogenannten alten from¬ men Schweizer, welche ſo andaͤchtig niederknie¬ ten, ehe ſie ſich ſchlugen, mit ihren langen Baͤr¬ ten und ſchiefen Kerbhuͤtchen zuweilen noch viel wilder thun, bankettiren und rumoren konnten als die jetzigen, und daß alſo deswegen kein

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Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 461. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/471>, abgerufen am 22.11.2019.