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Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

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die Phantasie eilte, indem die Kohle in der Hand
rüstig arbeitete, mächtig voraus und sah sich be¬
reits weit vorgeschritten in der Behandlung und
Verwendung der menschlichen Gestalt. Und wie
in der fieberischen Aufregung die Glieder des
Fechters sich verhältnißmäßig leicht gestalteten und
die kraftvollen Muskelwölbungen sich reihten, de¬
ren Namen und Bedeutung er nicht kannte, flog
die Phantasie in die Vergangenheit zurück, und
Heinrich erinnerte sich plötzlich, wie frühere und
früheste Versuche in Figuren, in der Heimath aus
Scherz oder Laune unternommen, ihn eigentlich
nicht ein Jota mehr Mühe gekostet, als andere
Dinge; er malte sich die Erinnerung, die Gegen¬
stände und Anlässe auf das Genaueste aus und
glaubte deutlich zu sehen, wie nur der Mangel
an Pflege und Fortsetzung Schuld sei, warum er
nicht in diesem Gebiete ebenso viel und vielleicht
Besseres leistete, als in der erwählten Landschaft.
Mit Einem Worte, mit einem seltsamen Frösteln
überzeugte er sich, aufspringend und die Tafel
von sich schleudernd, daß seine geliebte und begei¬
sterte Wahl, der er vom vierzehnten Jahre an

die Phantaſie eilte, indem die Kohle in der Hand
ruͤſtig arbeitete, maͤchtig voraus und ſah ſich be¬
reits weit vorgeſchritten in der Behandlung und
Verwendung der menſchlichen Geſtalt. Und wie
in der fieberiſchen Aufregung die Glieder des
Fechters ſich verhaͤltnißmaͤßig leicht geſtalteten und
die kraftvollen Muskelwoͤlbungen ſich reihten, de¬
ren Namen und Bedeutung er nicht kannte, flog
die Phantaſie in die Vergangenheit zuruͤck, und
Heinrich erinnerte ſich ploͤtzlich, wie fruͤhere und
fruͤheſte Verſuche in Figuren, in der Heimath aus
Scherz oder Laune unternommen, ihn eigentlich
nicht ein Jota mehr Muͤhe gekoſtet, als andere
Dinge; er malte ſich die Erinnerung, die Gegen¬
ſtaͤnde und Anlaͤſſe auf das Genaueſte aus und
glaubte deutlich zu ſehen, wie nur der Mangel
an Pflege und Fortſetzung Schuld ſei, warum er
nicht in dieſem Gebiete ebenſo viel und vielleicht
Beſſeres leiſtete, als in der erwaͤhlten Landſchaft.
Mit Einem Worte, mit einem ſeltſamen Froͤſteln
uͤberzeugte er ſich, aufſpringend und die Tafel
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[37/0047] die Phantaſie eilte, indem die Kohle in der Hand ruͤſtig arbeitete, maͤchtig voraus und ſah ſich be¬ reits weit vorgeſchritten in der Behandlung und Verwendung der menſchlichen Geſtalt. Und wie in der fieberiſchen Aufregung die Glieder des Fechters ſich verhaͤltnißmaͤßig leicht geſtalteten und die kraftvollen Muskelwoͤlbungen ſich reihten, de¬ ren Namen und Bedeutung er nicht kannte, flog die Phantaſie in die Vergangenheit zuruͤck, und Heinrich erinnerte ſich ploͤtzlich, wie fruͤhere und fruͤheſte Verſuche in Figuren, in der Heimath aus Scherz oder Laune unternommen, ihn eigentlich nicht ein Jota mehr Muͤhe gekoſtet, als andere Dinge; er malte ſich die Erinnerung, die Gegen¬ ſtaͤnde und Anlaͤſſe auf das Genaueſte aus und glaubte deutlich zu ſehen, wie nur der Mangel an Pflege und Fortſetzung Schuld ſei, warum er nicht in dieſem Gebiete ebenſo viel und vielleicht Beſſeres leiſtete, als in der erwaͤhlten Landſchaft. Mit Einem Worte, mit einem ſeltſamen Froͤſteln uͤberzeugte er ſich, aufſpringend und die Tafel von ſich ſchleudernd, daß ſeine geliebte und begei¬ ſterte Wahl, der er vom vierzehnten Jahre an

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Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 37. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/47>, abgerufen am 15.09.2019.