Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite

Sommerwetter werden. Es ging mir gerade so
vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich
noch heute nicht! Doch nun stehen Sie auf, zie¬
hen sich an und frühstücken. Wissen Sie was!
Ich werde es hieher bestellen, und sie erzählen mir
wie es Ihnen ergangen, d. h, sie liefern mir eine
förmliche Fortsetzung der Jugendgeschichte."

Während Heinrich sich ankleidete und früh¬
stückte, begann er zu erzählen und zündete dazu,
als er mit Essen fertig war, eine gute Cigarre
an, wie auch der Graf eine solche rauchte. Hein¬
rich erzählte und beichtete mit Lust und frohem
Muth, mit Härte und Schärfe, bald muthwillig,
bald traurig, bald schnell und feurig, dann wieder
langsam und bedenklich, und that seinem Wesen
nicht den mindesten Zwang an, ohne eine Unschick¬
lichkeit zu sagen, oder wenn er eine solche sagte,
so fühlte er es sogleich und verbesserte sich ohne
großen Kummer; denn was aus einem schicklichen
Gemüthe kommt, ist leicht zu ertragen, und sein
Zuhörer, obgleich er ein älterer Mann war, ver¬
breitete nichts als Freiheit und Sicherheit um sich.
Er war jung mit dem Jungen, ohne den Werth

Sommerwetter werden. Es ging mir gerade ſo
vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich
noch heute nicht! Doch nun ſtehen Sie auf, zie¬
hen ſich an und fruͤhſtuͤcken. Wiſſen Sie was!
Ich werde es hieher beſtellen, und ſie erzaͤhlen mir
wie es Ihnen ergangen, d. h, ſie liefern mir eine
foͤrmliche Fortſetzung der Jugendgeſchichte.«

Waͤhrend Heinrich ſich ankleidete und fruͤh¬
ſtuͤckte, begann er zu erzaͤhlen und zuͤndete dazu,
als er mit Eſſen fertig war, eine gute Cigarre
an, wie auch der Graf eine ſolche rauchte. Hein¬
rich erzaͤhlte und beichtete mit Luſt und frohem
Muth, mit Haͤrte und Schaͤrfe, bald muthwillig,
bald traurig, bald ſchnell und feurig, dann wieder
langſam und bedenklich, und that ſeinem Weſen
nicht den mindeſten Zwang an, ohne eine Unſchick¬
lichkeit zu ſagen, oder wenn er eine ſolche ſagte,
ſo fuͤhlte er es ſogleich und verbeſſerte ſich ohne
großen Kummer; denn was aus einem ſchicklichen
Gemuͤthe kommt, iſt leicht zu ertragen, und ſein
Zuhoͤrer, obgleich er ein aͤlterer Mann war, ver¬
breitete nichts als Freiheit und Sicherheit um ſich.
Er war jung mit dem Jungen, ohne den Werth

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0341" n="331"/>
Sommerwetter werden. Es ging mir gerade &#x017F;o<lb/>
vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich<lb/>
noch heute nicht! Doch nun &#x017F;tehen Sie auf, zie¬<lb/>
hen &#x017F;ich an und fru&#x0364;h&#x017F;tu&#x0364;cken. Wi&#x017F;&#x017F;en Sie was!<lb/>
Ich werde es hieher be&#x017F;tellen, und &#x017F;ie erza&#x0364;hlen mir<lb/>
wie es Ihnen ergangen, d. h, &#x017F;ie liefern mir eine<lb/>
fo&#x0364;rmliche Fort&#x017F;etzung der Jugendge&#x017F;chichte.«</p><lb/>
        <p>Wa&#x0364;hrend Heinrich &#x017F;ich ankleidete und fru&#x0364;<lb/>
&#x017F;tu&#x0364;ckte, begann er zu erza&#x0364;hlen und zu&#x0364;ndete dazu,<lb/>
als er mit E&#x017F;&#x017F;en fertig war, eine gute Cigarre<lb/>
an, wie auch der Graf eine &#x017F;olche rauchte. Hein¬<lb/>
rich erza&#x0364;hlte und beichtete mit Lu&#x017F;t und frohem<lb/>
Muth, mit Ha&#x0364;rte und Scha&#x0364;rfe, bald muthwillig,<lb/>
bald traurig, bald &#x017F;chnell und feurig, dann wieder<lb/>
lang&#x017F;am und bedenklich, und that &#x017F;einem We&#x017F;en<lb/>
nicht den minde&#x017F;ten Zwang an, ohne eine Un&#x017F;chick¬<lb/>
lichkeit zu &#x017F;agen, oder wenn er eine &#x017F;olche &#x017F;agte,<lb/>
&#x017F;o fu&#x0364;hlte er es &#x017F;ogleich und verbe&#x017F;&#x017F;erte &#x017F;ich ohne<lb/>
großen Kummer; denn was aus einem &#x017F;chicklichen<lb/>
Gemu&#x0364;the kommt, i&#x017F;t leicht zu ertragen, und &#x017F;ein<lb/>
Zuho&#x0364;rer, obgleich er ein a&#x0364;lterer Mann war, ver¬<lb/>
breitete nichts als Freiheit und Sicherheit um &#x017F;ich.<lb/>
Er war jung mit dem Jungen, ohne den Werth<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[331/0341] Sommerwetter werden. Es ging mir gerade ſo vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich noch heute nicht! Doch nun ſtehen Sie auf, zie¬ hen ſich an und fruͤhſtuͤcken. Wiſſen Sie was! Ich werde es hieher beſtellen, und ſie erzaͤhlen mir wie es Ihnen ergangen, d. h, ſie liefern mir eine foͤrmliche Fortſetzung der Jugendgeſchichte.« Waͤhrend Heinrich ſich ankleidete und fruͤh¬ ſtuͤckte, begann er zu erzaͤhlen und zuͤndete dazu, als er mit Eſſen fertig war, eine gute Cigarre an, wie auch der Graf eine ſolche rauchte. Hein¬ rich erzaͤhlte und beichtete mit Luſt und frohem Muth, mit Haͤrte und Schaͤrfe, bald muthwillig, bald traurig, bald ſchnell und feurig, dann wieder langſam und bedenklich, und that ſeinem Weſen nicht den mindeſten Zwang an, ohne eine Unſchick¬ lichkeit zu ſagen, oder wenn er eine ſolche ſagte, ſo fuͤhlte er es ſogleich und verbeſſerte ſich ohne großen Kummer; denn was aus einem ſchicklichen Gemuͤthe kommt, iſt leicht zu ertragen, und ſein Zuhoͤrer, obgleich er ein aͤlterer Mann war, ver¬ breitete nichts als Freiheit und Sicherheit um ſich. Er war jung mit dem Jungen, ohne den Werth

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/341
Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 331. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/341>, abgerufen am 07.08.2020.