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Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

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Beide von der Jagd gekommen schienen; denn der
Graf war im grünen Jagdkleide mit hohen Stie¬
feln und der Geistliche trug noch über seinen wohl¬
ausgefüllten schwarzen Rock eine Waidtasche und
seine kanonischen Stiefeln waren arg voll Koth. Auf
dem Boden lagen Hasen und Hühner nebst einem
todten Reh, und am Tische lehnten die Gewehre.
Der Graf selbst war ein großer schöner Mann
und Heinrich erkannte ihn sogleich wieder, nur
daß seine Haare und sein Bart stark mit Grau
gefärbt waren, was ihm indessen sehr wohl an¬
stand. Er ging rasch auf Heinrich zu, schüttelte
ihm die Hand und sagte: "Das ist ja eine kost¬
bare Geschichte, hören Sie! Nun sein Sie will¬
kommen, junger Mann! Ich erinnere mich Ihrer
noch sehr wohl und bin neugierig wie ein Stuben¬
mädchen, was Sie uns zu erzählen haben wer¬
den. Morgen wollen wir des Weitläufigsten
plaudern, jetzt aber ungesäumt an's Abendbrot ge¬
hen! Herr Pfarrer! Sie werden nichts dagegen
haben, kommen Sie!"

Er faßte Heinrich unter den Arm, der Pfar¬
rer gab der Dorothea den Arm, indem er einen

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Beide von der Jagd gekommen ſchienen; denn der
Graf war im gruͤnen Jagdkleide mit hohen Stie¬
feln und der Geiſtliche trug noch uͤber ſeinen wohl¬
ausgefuͤllten ſchwarzen Rock eine Waidtaſche und
ſeine kanoniſchen Stiefeln waren arg voll Koth. Auf
dem Boden lagen Haſen und Huͤhner nebſt einem
todten Reh, und am Tiſche lehnten die Gewehre.
Der Graf ſelbſt war ein großer ſchoͤner Mann
und Heinrich erkannte ihn ſogleich wieder, nur
daß ſeine Haare und ſein Bart ſtark mit Grau
gefaͤrbt waren, was ihm indeſſen ſehr wohl an¬
ſtand. Er ging raſch auf Heinrich zu, ſchuͤttelte
ihm die Hand und ſagte: »Das iſt ja eine koſt¬
bare Geſchichte, hoͤren Sie! Nun ſein Sie will¬
kommen, junger Mann! Ich erinnere mich Ihrer
noch ſehr wohl und bin neugierig wie ein Stuben¬
maͤdchen, was Sie uns zu erzaͤhlen haben wer¬
den. Morgen wollen wir des Weitlaͤufigſten
plaudern, jetzt aber ungeſaͤumt an's Abendbrot ge¬
hen! Herr Pfarrer! Sie werden nichts dagegen
haben, kommen Sie!«

Er faßte Heinrich unter den Arm, der Pfar¬
rer gab der Dorothea den Arm, indem er einen

21 *
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[323/0333] Beide von der Jagd gekommen ſchienen; denn der Graf war im gruͤnen Jagdkleide mit hohen Stie¬ feln und der Geiſtliche trug noch uͤber ſeinen wohl¬ ausgefuͤllten ſchwarzen Rock eine Waidtaſche und ſeine kanoniſchen Stiefeln waren arg voll Koth. Auf dem Boden lagen Haſen und Huͤhner nebſt einem todten Reh, und am Tiſche lehnten die Gewehre. Der Graf ſelbſt war ein großer ſchoͤner Mann und Heinrich erkannte ihn ſogleich wieder, nur daß ſeine Haare und ſein Bart ſtark mit Grau gefaͤrbt waren, was ihm indeſſen ſehr wohl an¬ ſtand. Er ging raſch auf Heinrich zu, ſchuͤttelte ihm die Hand und ſagte: »Das iſt ja eine koſt¬ bare Geſchichte, hoͤren Sie! Nun ſein Sie will¬ kommen, junger Mann! Ich erinnere mich Ihrer noch ſehr wohl und bin neugierig wie ein Stuben¬ maͤdchen, was Sie uns zu erzaͤhlen haben wer¬ den. Morgen wollen wir des Weitlaͤufigſten plaudern, jetzt aber ungeſaͤumt an's Abendbrot ge¬ hen! Herr Pfarrer! Sie werden nichts dagegen haben, kommen Sie!« Er faßte Heinrich unter den Arm, der Pfar¬ rer gab der Dorothea den Arm, indem er einen 21 *

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Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 323. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/333>, abgerufen am 25.01.2020.