Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite

schlimmer gesinnt seien, als die Todten! Wenn
Sie sich nur erst ein bischen ausweisen wollen
und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie
uns Lebendige hier schon als leidliche Leute
finden!"

"Was meine Herkunft betrifft," antwortete
Heinrich und blickte sie jetzt sicher und ernsthaft
an, so bin ich sehr guter Leute Kind und eben
im Begriff, so sehr ich kann zu laufen, wo ich
her gekommen bin. Ich bin aus der Schweiz
und seit mehreren Jahren habe ich als Künstler
in der Hauptstadt dieses Landes gelebt, um zu
entdecken, daß ich eigentlich kein Künstler sei.
Dabei erging es mir übel und ich begab mich
ohne alle Mittel wie ich ging und stand auf den
Heimweg, um mich zu bessern. Ich wünsche und
hoffe aber unbemerkt und ohne irgend den Men¬
schen unterwegs auf- und lästig zu fallen nach
Hause zu kommen. Ich wollte ungesehen und
unbemerkt in dieser Kirche die Nacht zubringen,
da es so abscheuliches Wetter ist, und in aller
Stille am Morgen wieder weiter ziehen. Wenn
hier ganz in der Nähe irgend ein Vordach oder

ſchlimmer geſinnt ſeien, als die Todten! Wenn
Sie ſich nur erſt ein bischen ausweiſen wollen
und ſagen, wie es Ihnen geht, ſo werden Sie
uns Lebendige hier ſchon als leidliche Leute
finden!«

»Was meine Herkunft betrifft,« antwortete
Heinrich und blickte ſie jetzt ſicher und ernſthaft
an, ſo bin ich ſehr guter Leute Kind und eben
im Begriff, ſo ſehr ich kann zu laufen, wo ich
her gekommen bin. Ich bin aus der Schweiz
und ſeit mehreren Jahren habe ich als Kuͤnſtler
in der Hauptſtadt dieſes Landes gelebt, um zu
entdecken, daß ich eigentlich kein Kuͤnſtler ſei.
Dabei erging es mir uͤbel und ich begab mich
ohne alle Mittel wie ich ging und ſtand auf den
Heimweg, um mich zu beſſern. Ich wuͤnſche und
hoffe aber unbemerkt und ohne irgend den Men¬
ſchen unterwegs auf- und laͤſtig zu fallen nach
Hauſe zu kommen. Ich wollte ungeſehen und
unbemerkt in dieſer Kirche die Nacht zubringen,
da es ſo abſcheuliches Wetter iſt, und in aller
Stille am Morgen wieder weiter ziehen. Wenn
hier ganz in der Naͤhe irgend ein Vordach oder

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0312" n="302"/>
&#x017F;chlimmer ge&#x017F;innt &#x017F;eien, als die Todten! Wenn<lb/>
Sie &#x017F;ich nur er&#x017F;t ein bischen auswei&#x017F;en wollen<lb/>
und &#x017F;agen, wie es Ihnen geht, &#x017F;o werden Sie<lb/>
uns Lebendige hier &#x017F;chon als leidliche Leute<lb/>
finden!«</p><lb/>
        <p>»Was meine Herkunft betrifft,« antwortete<lb/>
Heinrich und blickte &#x017F;ie jetzt &#x017F;icher und ern&#x017F;thaft<lb/>
an, &#x017F;o bin ich &#x017F;ehr guter Leute Kind und eben<lb/>
im Begriff, &#x017F;o &#x017F;ehr ich kann zu laufen, wo ich<lb/>
her gekommen bin. Ich bin aus der Schweiz<lb/>
und &#x017F;eit mehreren Jahren habe ich als Ku&#x0364;n&#x017F;tler<lb/>
in der Haupt&#x017F;tadt die&#x017F;es Landes gelebt, um zu<lb/>
entdecken, daß ich eigentlich kein Ku&#x0364;n&#x017F;tler &#x017F;ei.<lb/>
Dabei erging es mir u&#x0364;bel und ich begab mich<lb/>
ohne alle Mittel wie ich ging und &#x017F;tand auf den<lb/>
Heimweg, um mich zu be&#x017F;&#x017F;ern. Ich wu&#x0364;n&#x017F;che und<lb/>
hoffe aber unbemerkt und ohne irgend den Men¬<lb/>
&#x017F;chen unterwegs auf- und la&#x0364;&#x017F;tig zu fallen nach<lb/>
Hau&#x017F;e zu kommen. Ich wollte unge&#x017F;ehen und<lb/>
unbemerkt in die&#x017F;er Kirche die Nacht zubringen,<lb/>
da es &#x017F;o ab&#x017F;cheuliches Wetter i&#x017F;t, und in aller<lb/>
Stille am Morgen wieder weiter ziehen. Wenn<lb/>
hier ganz in der Na&#x0364;he irgend ein Vordach oder<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[302/0312] ſchlimmer geſinnt ſeien, als die Todten! Wenn Sie ſich nur erſt ein bischen ausweiſen wollen und ſagen, wie es Ihnen geht, ſo werden Sie uns Lebendige hier ſchon als leidliche Leute finden!« »Was meine Herkunft betrifft,« antwortete Heinrich und blickte ſie jetzt ſicher und ernſthaft an, ſo bin ich ſehr guter Leute Kind und eben im Begriff, ſo ſehr ich kann zu laufen, wo ich her gekommen bin. Ich bin aus der Schweiz und ſeit mehreren Jahren habe ich als Kuͤnſtler in der Hauptſtadt dieſes Landes gelebt, um zu entdecken, daß ich eigentlich kein Kuͤnſtler ſei. Dabei erging es mir uͤbel und ich begab mich ohne alle Mittel wie ich ging und ſtand auf den Heimweg, um mich zu beſſern. Ich wuͤnſche und hoffe aber unbemerkt und ohne irgend den Men¬ ſchen unterwegs auf- und laͤſtig zu fallen nach Hauſe zu kommen. Ich wollte ungeſehen und unbemerkt in dieſer Kirche die Nacht zubringen, da es ſo abſcheuliches Wetter iſt, und in aller Stille am Morgen wieder weiter ziehen. Wenn hier ganz in der Naͤhe irgend ein Vordach oder

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/312
Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 302. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/312>, abgerufen am 08.08.2020.