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Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

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lichte Seelchen, das in Deiner Gestalt wohnt,
in Frömmigkeit küssend! Kommst Du mit mir
in meine Heimath, so soll die Zeit des Weines
für mich vorüber sein und die Zeit der Liebe und
Schönheit beginnen! Das Land ist schön und
fromm und fröhlich, Ruhe und Heiterkeit sollen
Dich und Deine geehrte Mutter umgeben, indessen
jeder Punkt Deines Daseins und Deiner Erschei¬
nung ein Gegenstand meiner immerwährenden
Verehrung sein wird. Zahlreiche Kapellen und
Kirchlein unserer lieben Frau, die aus allen lau¬
schigen Winkeln, auf Bergen und im Strome
glänzen, stehen bereit, Deine sonstigen Wünsche
und Anliegen und meine Dankgebete für die Eine
Gnade Deines Besitzes aufzunehmen."

Als der Gottesmacher seine Rede in schöner
und einnehmender Erregtheit geendet, und Agne¬
sens Hand ergreifend, sie mit seinen lebhaften
Aeuglein, die in gemüthvollem poetischen Feuer
funkelten, anblickte, wollte die Mutter mit diplo¬
matischer Geberde das Wort ergreifen; allein ihre
Tochter, welche während der Zeit ihr prächtiges
Auge mit melancholischem Lächeln auf die Erde

lichte Seelchen, das in Deiner Geſtalt wohnt,
in Froͤmmigkeit kuͤſſend! Kommſt Du mit mir
in meine Heimath, ſo ſoll die Zeit des Weines
fuͤr mich voruͤber ſein und die Zeit der Liebe und
Schoͤnheit beginnen! Das Land iſt ſchoͤn und
fromm und froͤhlich, Ruhe und Heiterkeit ſollen
Dich und Deine geehrte Mutter umgeben, indeſſen
jeder Punkt Deines Daſeins und Deiner Erſchei¬
nung ein Gegenſtand meiner immerwaͤhrenden
Verehrung ſein wird. Zahlreiche Kapellen und
Kirchlein unſerer lieben Frau, die aus allen lau¬
ſchigen Winkeln, auf Bergen und im Strome
glaͤnzen, ſtehen bereit, Deine ſonſtigen Wuͤnſche
und Anliegen und meine Dankgebete fuͤr die Eine
Gnade Deines Beſitzes aufzunehmen.«

Als der Gottesmacher ſeine Rede in ſchoͤner
und einnehmender Erregtheit geendet, und Agne¬
ſens Hand ergreifend, ſie mit ſeinen lebhaften
Aeuglein, die in gemuͤthvollem poetiſchen Feuer
funkelten, anblickte, wollte die Mutter mit diplo¬
matiſcher Geberde das Wort ergreifen; allein ihre
Tochter, welche waͤhrend der Zeit ihr praͤchtiges
Auge mit melancholiſchem Laͤcheln auf die Erde

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[11/0021] lichte Seelchen, das in Deiner Geſtalt wohnt, in Froͤmmigkeit kuͤſſend! Kommſt Du mit mir in meine Heimath, ſo ſoll die Zeit des Weines fuͤr mich voruͤber ſein und die Zeit der Liebe und Schoͤnheit beginnen! Das Land iſt ſchoͤn und fromm und froͤhlich, Ruhe und Heiterkeit ſollen Dich und Deine geehrte Mutter umgeben, indeſſen jeder Punkt Deines Daſeins und Deiner Erſchei¬ nung ein Gegenſtand meiner immerwaͤhrenden Verehrung ſein wird. Zahlreiche Kapellen und Kirchlein unſerer lieben Frau, die aus allen lau¬ ſchigen Winkeln, auf Bergen und im Strome glaͤnzen, ſtehen bereit, Deine ſonſtigen Wuͤnſche und Anliegen und meine Dankgebete fuͤr die Eine Gnade Deines Beſitzes aufzunehmen.« Als der Gottesmacher ſeine Rede in ſchoͤner und einnehmender Erregtheit geendet, und Agne¬ ſens Hand ergreifend, ſie mit ſeinen lebhaften Aeuglein, die in gemuͤthvollem poetiſchen Feuer funkelten, anblickte, wollte die Mutter mit diplo¬ matiſcher Geberde das Wort ergreifen; allein ihre Tochter, welche waͤhrend der Zeit ihr praͤchtiges Auge mit melancholiſchem Laͤcheln auf die Erde

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Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/21>, abgerufen am 17.09.2019.