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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Fünftes Buch.
Frauenbildnisse.

Dass man kaum in einem Lande kaukasischer Rasse so
viele schöne Frauen treffe als in Spanien, ist oft von Reisenden
versichert worden. Sie mögen wol Recht haben; aber in den
Werken der früheren Malerschulen des Landes ist diese ethno-
graphische Thatsache weniger augenfällig. Also umgekehrt wie
in Italien.

Die Schönheit der Spanierinnen darf man nicht mit der-
jenigen der Römerinnen vergleichen, nicht nach plastischem For-
menmaasstab beurtheilen. Ihnen fehlt die Grösse, welche Ari-
stoteles zur Schönheit unerlässlich hielt, "die zur Bildhauerei ge-
schaffenen Gewächse", wie Winckelmann sagte. Statt dieser
hohen Schönheit verlieh ihnen die Natur Reize, die noch allge-
meiner, unmittelbarer, lebhafter wirken: sie liegen in Farbe und
Farbencontrast, in der feinen Beweglichkeit der Züge und des
Körpers. "Was wären die Schönen Toledo's, ruft Tirso, wenn
sie die Grazie nicht besässen!" 1) (donaire, worin auch die der
Zunge eingeschlossen ist). Die echte Spanierin erscheint neben
andern ihres Geschlechts wie ein Instrument von mehr Seiten,
und leichter vibrirenden. Ein andermal schien es demselben
Dichter, Schönheit liege ganz im "zarten Geblüt" 2). Calderon
sagt ausdrücklich, "der Kontrast der Farbe (la oposicion) sei ein
Theil der Schönheit" 3).

Solche Dinge zu malen ist nur hochbegünstigten Zeitaltern
gegeben, wo die Künste der Farbe und des Helldunkels, das
Organ für die unmerklichen und vorübergehenden Bewegungen
von Zügen und Gestalt, welche dem stumpfen Auge entgehen,
gereift ist. Wer sich nun erinnert wie spät die spanische Malerei
zu dieser Verfeinerung gelangt ist, wird begreifen, warum ihre

1) Las hermosuras
De Toledo, no lo fueran,
Si el donaire no tuvieran.
Tirso, No hay peor sordo I, 5.
2) La belleza ... consiste toda
en la sangre delicada.
Tirso, El amor medico II, 8.
3) [Spaltenumbruch] Cejas grandes, ojos negros,
que sobre la blanca tez
[Spaltenumbruch] muestra, que la oposicion
es hermosura tambien.
Calderon, Lances de amor y fortuna. I.
Fünftes Buch.
Frauenbildnisse.

Dass man kaum in einem Lande kaukasischer Rasse so
viele schöne Frauen treffe als in Spanien, ist oft von Reisenden
versichert worden. Sie mögen wol Recht haben; aber in den
Werken der früheren Malerschulen des Landes ist diese ethno-
graphische Thatsache weniger augenfällig. Also umgekehrt wie
in Italien.

Die Schönheit der Spanierinnen darf man nicht mit der-
jenigen der Römerinnen vergleichen, nicht nach plastischem For-
menmaasstab beurtheilen. Ihnen fehlt die Grösse, welche Ari-
stoteles zur Schönheit unerlässlich hielt, „die zur Bildhauerei ge-
schaffenen Gewächse“, wie Winckelmann sagte. Statt dieser
hohen Schönheit verlieh ihnen die Natur Reize, die noch allge-
meiner, unmittelbarer, lebhafter wirken: sie liegen in Farbe und
Farbencontrast, in der feinen Beweglichkeit der Züge und des
Körpers. „Was wären die Schönen Toledo’s, ruft Tirso, wenn
sie die Grazie nicht besässen!“ 1) (donaire, worin auch die der
Zunge eingeschlossen ist). Die echte Spanierin erscheint neben
andern ihres Geschlechts wie ein Instrument von mehr Seiten,
und leichter vibrirenden. Ein andermal schien es demselben
Dichter, Schönheit liege ganz im „zarten Geblüt“ 2). Calderon
sagt ausdrücklich, „der Kontrast der Farbe (la oposicion) sei ein
Theil der Schönheit“ 3).

Solche Dinge zu malen ist nur hochbegünstigten Zeitaltern
gegeben, wo die Künste der Farbe und des Helldunkels, das
Organ für die unmerklichen und vorübergehenden Bewegungen
von Zügen und Gestalt, welche dem stumpfen Auge entgehen,
gereift ist. Wer sich nun erinnert wie spät die spanische Malerei
zu dieser Verfeinerung gelangt ist, wird begreifen, warum ihre

1) Las hermosuras
De Toledo, no lo fueran,
Si el donaire no tuvieran.
Tirso, No hay peor sordo I, 5.
2) La belleza … consiste toda
en la sangre delicada.
Tirso, El amor médico II, 8.
3) [Spaltenumbruch] Cejas grandes, ojos negros,
que sobre la blanca tez
[Spaltenumbruch] muestra, que la oposicion
es hermosura tambien.
Calderon, Lances de amor y fortuna. I.
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[18/0038] Fünftes Buch. Frauenbildnisse. Dass man kaum in einem Lande kaukasischer Rasse so viele schöne Frauen treffe als in Spanien, ist oft von Reisenden versichert worden. Sie mögen wol Recht haben; aber in den Werken der früheren Malerschulen des Landes ist diese ethno- graphische Thatsache weniger augenfällig. Also umgekehrt wie in Italien. Die Schönheit der Spanierinnen darf man nicht mit der- jenigen der Römerinnen vergleichen, nicht nach plastischem For- menmaasstab beurtheilen. Ihnen fehlt die Grösse, welche Ari- stoteles zur Schönheit unerlässlich hielt, „die zur Bildhauerei ge- schaffenen Gewächse“, wie Winckelmann sagte. Statt dieser hohen Schönheit verlieh ihnen die Natur Reize, die noch allge- meiner, unmittelbarer, lebhafter wirken: sie liegen in Farbe und Farbencontrast, in der feinen Beweglichkeit der Züge und des Körpers. „Was wären die Schönen Toledo’s, ruft Tirso, wenn sie die Grazie nicht besässen!“ 1) (donaire, worin auch die der Zunge eingeschlossen ist). Die echte Spanierin erscheint neben andern ihres Geschlechts wie ein Instrument von mehr Seiten, und leichter vibrirenden. Ein andermal schien es demselben Dichter, Schönheit liege ganz im „zarten Geblüt“ 2). Calderon sagt ausdrücklich, „der Kontrast der Farbe (la oposicion) sei ein Theil der Schönheit“ 3). Solche Dinge zu malen ist nur hochbegünstigten Zeitaltern gegeben, wo die Künste der Farbe und des Helldunkels, das Organ für die unmerklichen und vorübergehenden Bewegungen von Zügen und Gestalt, welche dem stumpfen Auge entgehen, gereift ist. Wer sich nun erinnert wie spät die spanische Malerei zu dieser Verfeinerung gelangt ist, wird begreifen, warum ihre 1) Las hermosuras De Toledo, no lo fueran, Si el donaire no tuvieran. Tirso, No hay peor sordo I, 5. 2) La belleza … consiste toda en la sangre delicada. Tirso, El amor médico II, 8. 3) Cejas grandes, ojos negros, que sobre la blanca tez muestra, que la oposicion es hermosura tambien. Calderon, Lances de amor y fortuna. I.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/38>, abgerufen am 26.04.2019.