Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

Bild:
<< vorherige Seite

Julianillo.
der mich liebt". Das Kriegsunglück und ein Versuch den
Staat zu strafferer Einheit zusammenzufassen, bereiteten seinen
Sturz vor. Im Jahre 1640 kam der Zusammenbruch: der Auf-
stand in Catalonien und der Einfall der Franzosen, der Abfall
Portugals und die Erhebung des Hauses Braganza. Er war
"fast wahnsinnig" (quasi impazzisce) in diesen Tagen; er sagte
selbst zum Venezianischen Gesandten, als Tarragona in Gefahr
schwebte sei es ihm gewesen wie Jemand, der sein Todesurtheil
erwartet. Den Fall von Perpignan im August 1642 nennt der-
selbe Nicolo Sagredo den "tödlichen Schlag". Er hatte immer
geahnt, dass die Königin Isabella seine Esther sein werde. Die
unausbleibliche Endkatastrophe aller Günstlinge (privados) war
ein beliebtes Thema der Dichter; sie hat Calderon, Tirso, Alarcon
einige ihrer gedankenvollsten Schöpfungen eingegeben, und wie
oft mögen ihm in den Corrales von Madrid ihre Schicksalsworte
wie seine Todtenglocke ins Ohr geklungen haben1). Endlich am
15. Januar 1643 kam die Stunde, wo das "Glas" seiner Gunst
zerbrach2), ein königliches Billet wurde ihm übergeben, welches
wörtlich begann: "Graf, Ihr wisst die Jahre, in welchen Ihr
meine Monarchie regiert mit dem Schaden, der mir jetzt offen-
bar geworden ist" Als er in der nächsten Audienz eine halbe
Stunde lang für sich gesprochen, antwortete der König, der ihn
nicht angesehn: No es mas tiempo, Conde. Er zog sich nach der
Stadt Loeches zurück. Dort in der von ihm prächtig ausge-
statteten Kirche der Dominikaner-Nonnen mag er oft unter den
grossen Gemälden des Rubens über das Thema nachgedacht
haben, das er in Calderon's "Schisma von England" aus dem
Munde Wolsey's vernommen:

? Que ayer maravilla fui,
y hoy sombra mia aun no soy?

Er wollte keine Besucher vorlassen, denn "mit Freunden möge
er nicht weich werden, noch ihnen Anlass zu Verdruss geben,
andern gegenüber aber fürchte er die Fassung zu verlieren".
Als er aber eine heftige Vertheidigungsschrift erscheinen liess,
beschloss man ihn aus der Nähe des Hofs zu entfernen. Sein

1) Tirso, Privar contra su gusto; Alarcon, los pechos privilegiados; vor allen
Calderon, Saber del mal y del bien, wo der Gestürzte zu dem Erhobenen sagt:
Como tu te ves, me vi,
veraste, como me miro.
2) La Privanza e di vetro, che in piu d' una mano non lascia di rompersi.
Girol. Giustiniani. 7. März 1648.

Julianillo.
der mich liebt“. Das Kriegsunglück und ein Versuch den
Staat zu strafferer Einheit zusammenzufassen, bereiteten seinen
Sturz vor. Im Jahre 1640 kam der Zusammenbruch: der Auf-
stand in Catalonien und der Einfall der Franzosen, der Abfall
Portugals und die Erhebung des Hauses Braganza. Er war
„fast wahnsinnig“ (quasi impazzisce) in diesen Tagen; er sagte
selbst zum Venezianischen Gesandten, als Tarragona in Gefahr
schwebte sei es ihm gewesen wie Jemand, der sein Todesurtheil
erwartet. Den Fall von Perpignan im August 1642 nennt der-
selbe Nicolò Sagredo den „tödlichen Schlag“. Er hatte immer
geahnt, dass die Königin Isabella seine Esther sein werde. Die
unausbleibliche Endkatastrophe aller Günstlinge (privados) war
ein beliebtes Thema der Dichter; sie hat Calderon, Tirso, Alarcon
einige ihrer gedankenvollsten Schöpfungen eingegeben, und wie
oft mögen ihm in den Corrales von Madrid ihre Schicksalsworte
wie seine Todtenglocke ins Ohr geklungen haben1). Endlich am
15. Januar 1643 kam die Stunde, wo das „Glas“ seiner Gunst
zerbrach2), ein königliches Billet wurde ihm übergeben, welches
wörtlich begann: „Graf, Ihr wisst die Jahre, in welchen Ihr
meine Monarchie regiert mit dem Schaden, der mir jetzt offen-
bar geworden ist“ Als er in der nächsten Audienz eine halbe
Stunde lang für sich gesprochen, antwortete der König, der ihn
nicht angesehn: No es mas tiempo, Conde. Er zog sich nach der
Stadt Loeches zurück. Dort in der von ihm prächtig ausge-
statteten Kirche der Dominikaner-Nonnen mag er oft unter den
grossen Gemälden des Rubens über das Thema nachgedacht
haben, das er in Calderon’s „Schisma von England“ aus dem
Munde Wolsey’s vernommen:

¿ Que ayer maravilla fuí,
y hoy sombra mia aun no soy?

Er wollte keine Besucher vorlassen, denn „mit Freunden möge
er nicht weich werden, noch ihnen Anlass zu Verdruss geben,
andern gegenüber aber fürchte er die Fassung zu verlieren“.
Als er aber eine heftige Vertheidigungsschrift erscheinen liess,
beschloss man ihn aus der Nähe des Hofs zu entfernen. Sein

1) Tirso, Privar contra su gusto; Alarcon, los pechos privilegiados; vor allen
Calderon, Saber del mal y del bien, wo der Gestürzte zu dem Erhobenen sagt:
Como tu te ves, me ví,
veráste, como me miro.
2) La Privanza è di vetro, che in più d’ una mano non lascia di rompersi.
Girol. Giustiniani. 7. März 1648.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0145" n="125"/><fw place="top" type="header">Julianillo.</fw><lb/>
der mich liebt&#x201C;. Das Kriegsunglück und ein Versuch den<lb/>
Staat zu strafferer Einheit zusammenzufassen, bereiteten seinen<lb/>
Sturz vor. Im Jahre 1640 kam der Zusammenbruch: der Auf-<lb/>
stand in Catalonien und der Einfall der Franzosen, der Abfall<lb/>
Portugals und die Erhebung des Hauses Braganza. Er war<lb/>
&#x201E;fast wahnsinnig&#x201C; (<hi rendition="#i">quasi impazzisce</hi>) in diesen Tagen; er sagte<lb/>
selbst zum Venezianischen Gesandten, als Tarragona in Gefahr<lb/>
schwebte sei es ihm gewesen wie Jemand, der sein Todesurtheil<lb/>
erwartet. Den Fall von Perpignan im August 1642 nennt der-<lb/>
selbe Nicolò Sagredo den &#x201E;tödlichen Schlag&#x201C;. Er hatte immer<lb/>
geahnt, dass die Königin Isabella seine Esther sein werde. Die<lb/>
unausbleibliche Endkatastrophe aller Günstlinge (<hi rendition="#i">privados</hi>) war<lb/>
ein beliebtes Thema der Dichter; sie hat Calderon, Tirso, Alarcon<lb/>
einige ihrer gedankenvollsten Schöpfungen eingegeben, und wie<lb/>
oft mögen ihm in den Corrales von Madrid ihre Schicksalsworte<lb/>
wie seine Todtenglocke ins Ohr geklungen haben<note place="foot" n="1)"><hi rendition="#i">Tirso</hi>, Privar contra su gusto; <hi rendition="#i">Alarcon</hi>, los pechos privilegiados; vor allen<lb/><hi rendition="#i">Calderon</hi>, Saber del mal y del bien, wo der Gestürzte zu dem Erhobenen sagt:<lb/><hi rendition="#c">Como tu te ves, me ví,<lb/>
veráste, como me miro.</hi></note>. Endlich am<lb/>
15. Januar 1643 kam die Stunde, wo das &#x201E;Glas&#x201C; seiner Gunst<lb/>
zerbrach<note place="foot" n="2)">La Privanza è di vetro, che in più d&#x2019; una mano non lascia di rompersi.<lb/>
Girol. Giustiniani. 7. März 1648.</note>, ein königliches Billet wurde ihm übergeben, welches<lb/>
wörtlich begann: &#x201E;Graf, Ihr wisst die Jahre, in welchen Ihr<lb/>
meine Monarchie regiert mit dem Schaden, der mir jetzt offen-<lb/>
bar geworden ist&#x201C; Als er in der nächsten Audienz eine halbe<lb/>
Stunde lang für sich gesprochen, antwortete der König, der ihn<lb/>
nicht angesehn: <hi rendition="#i">No es mas tiempo, Conde</hi>. Er zog sich nach der<lb/>
Stadt Loeches zurück. Dort in der von ihm prächtig ausge-<lb/>
statteten Kirche der Dominikaner-Nonnen mag er oft unter den<lb/>
grossen Gemälden des Rubens über das Thema nachgedacht<lb/>
haben, das er in Calderon&#x2019;s &#x201E;Schisma von England&#x201C; aus dem<lb/>
Munde Wolsey&#x2019;s vernommen:</p><lb/>
            <lg type="poem">
              <l> <hi rendition="#i">¿ Que ayer maravilla fuí,</hi> </l><lb/>
              <l> <hi rendition="#i">y hoy sombra mia aun no soy?</hi> </l>
            </lg><lb/>
            <p>Er wollte keine Besucher vorlassen, denn &#x201E;mit Freunden möge<lb/>
er nicht weich werden, noch ihnen Anlass zu Verdruss geben,<lb/>
andern gegenüber aber fürchte er die Fassung zu verlieren&#x201C;.<lb/>
Als er aber eine heftige Vertheidigungsschrift erscheinen liess,<lb/>
beschloss man ihn aus der Nähe des Hofs zu entfernen. Sein<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[125/0145] Julianillo. der mich liebt“. Das Kriegsunglück und ein Versuch den Staat zu strafferer Einheit zusammenzufassen, bereiteten seinen Sturz vor. Im Jahre 1640 kam der Zusammenbruch: der Auf- stand in Catalonien und der Einfall der Franzosen, der Abfall Portugals und die Erhebung des Hauses Braganza. Er war „fast wahnsinnig“ (quasi impazzisce) in diesen Tagen; er sagte selbst zum Venezianischen Gesandten, als Tarragona in Gefahr schwebte sei es ihm gewesen wie Jemand, der sein Todesurtheil erwartet. Den Fall von Perpignan im August 1642 nennt der- selbe Nicolò Sagredo den „tödlichen Schlag“. Er hatte immer geahnt, dass die Königin Isabella seine Esther sein werde. Die unausbleibliche Endkatastrophe aller Günstlinge (privados) war ein beliebtes Thema der Dichter; sie hat Calderon, Tirso, Alarcon einige ihrer gedankenvollsten Schöpfungen eingegeben, und wie oft mögen ihm in den Corrales von Madrid ihre Schicksalsworte wie seine Todtenglocke ins Ohr geklungen haben 1). Endlich am 15. Januar 1643 kam die Stunde, wo das „Glas“ seiner Gunst zerbrach 2), ein königliches Billet wurde ihm übergeben, welches wörtlich begann: „Graf, Ihr wisst die Jahre, in welchen Ihr meine Monarchie regiert mit dem Schaden, der mir jetzt offen- bar geworden ist“ Als er in der nächsten Audienz eine halbe Stunde lang für sich gesprochen, antwortete der König, der ihn nicht angesehn: No es mas tiempo, Conde. Er zog sich nach der Stadt Loeches zurück. Dort in der von ihm prächtig ausge- statteten Kirche der Dominikaner-Nonnen mag er oft unter den grossen Gemälden des Rubens über das Thema nachgedacht haben, das er in Calderon’s „Schisma von England“ aus dem Munde Wolsey’s vernommen: ¿ Que ayer maravilla fuí, y hoy sombra mia aun no soy? Er wollte keine Besucher vorlassen, denn „mit Freunden möge er nicht weich werden, noch ihnen Anlass zu Verdruss geben, andern gegenüber aber fürchte er die Fassung zu verlieren“. Als er aber eine heftige Vertheidigungsschrift erscheinen liess, beschloss man ihn aus der Nähe des Hofs zu entfernen. Sein 1) Tirso, Privar contra su gusto; Alarcon, los pechos privilegiados; vor allen Calderon, Saber del mal y del bien, wo der Gestürzte zu dem Erhobenen sagt: Como tu te ves, me ví, veráste, como me miro. 2) La Privanza è di vetro, che in più d’ una mano non lascia di rompersi. Girol. Giustiniani. 7. März 1648.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/145
Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 125. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/145>, abgerufen am 24.10.2019.