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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Königliche Bildnisse von Originalität zweiter Ordnung.
graue Fläche des Grundes und die in Gesicht und Figur vertheil-
ten braunen Schattenpunkte und Linien, welche Kragen, Arm
und Hut markiren.

Begreiflich ist, wie grade dieses Bildniss, ausser dem Reiter-
bild wol das einzige, welches Liebhaber interessiren konnte,
als die Habsburger des 17. Jahrhunderts auch den Spaniern gleich-
gültig geworden waren, aus dem Palast verschwand. Palomino,
der unter Philipp V schrieb, hat es noch gesehn; aber schon vor
der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte es seinen Weg nach Paris
gefunden. Wahrscheinlich kam es aus Bouchardon's Nachlass in
die Sammlung Tronchin, von da in die Hände des Agenten
des König Stanislaus, Desenfans, und dann in die Dulwich-
Galerie1). Es giebt noch ein zweites, völlig übereinstimmendes
Exemplar, das aus der Sammlung Sebastian Martinez in Cadiz
in die Galerie Salamanca überging, bei deren erster Versteige-
rung (1867) es 71,000 Francs erzielte. In die Ausstellung für die
Elsass-Lothringer (1874) war es von Mrs. Lyne Stephens ge-
schickt; jetzt befindet es sich auf deren Landsitz, Lynford Hall
in Norfolk; es ist nur eine sorgfältige alte Kopie.

Die Schönheit des Gemäldes, welches der gewöhnlichen Vor-
stellung von dem Meister wenig entsprach, ist zuerst bemerkt
worden von W. Burger, der in seiner Weise mit wenig Strichen
den Eindruck unübertrefflich wiedergab2).

Königliche Bildnisse von Originalität zweiter Ordnung

giebt es aus dieser Zeit mehrere, fast alle in ganzer Figur, mit der
Depesche in der Rechten, die Linke am Degen und sonst wie üblich.
Die folgenden sind ohne Zweifel dem Alter des Dargestellten gleichzeitig
und aus des Meisters Atelier hervorgegangen; aber die genaue Bestim-
mung seines Antheils an der Arbeit gehört zu den mühsameren Auf-
gaben der Kritik, und zu den undankbarsten, denn völlige Klarheit ist
doch nicht zu hoffen, und was liegt im Grund an einem Exemplar mehr
oder weniger dieser steifen Majestät? Aber sie stehen an weltberühmten

1) Im Catalog der Versteigerung Francois Tronchin von 1798 heisst es: Il
tient beaucoup de van Dyck. Il est peint avec une naivete, une legerete et une
fraeicheur de couleur admirable. La verite et l'effet y sont au plus haut point. Il
vient du celebre Bouchardon.
2) C'est clair et tendre comme le plus fin Metsu. Chef d'oeuvre de couleur
et de distinction.

Königliche Bildnisse von Originalität zweiter Ordnung.
graue Fläche des Grundes und die in Gesicht und Figur vertheil-
ten braunen Schattenpunkte und Linien, welche Kragen, Arm
und Hut markiren.

Begreiflich ist, wie grade dieses Bildniss, ausser dem Reiter-
bild wol das einzige, welches Liebhaber interessiren konnte,
als die Habsburger des 17. Jahrhunderts auch den Spaniern gleich-
gültig geworden waren, aus dem Palast verschwand. Palomino,
der unter Philipp V schrieb, hat es noch gesehn; aber schon vor
der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte es seinen Weg nach Paris
gefunden. Wahrscheinlich kam es aus Bouchardon’s Nachlass in
die Sammlung Tronchin, von da in die Hände des Agenten
des König Stanislaus, Desenfans, und dann in die Dulwich-
Galerie1). Es giebt noch ein zweites, völlig übereinstimmendes
Exemplar, das aus der Sammlung Sebastian Martinez in Cadiz
in die Galerie Salamanca überging, bei deren erster Versteige-
rung (1867) es 71,000 Francs erzielte. In die Ausstellung für die
Elsass-Lothringer (1874) war es von Mrs. Lyne Stephens ge-
schickt; jetzt befindet es sich auf deren Landsitz, Lynford Hall
in Norfolk; es ist nur eine sorgfältige alte Kopie.

Die Schönheit des Gemäldes, welches der gewöhnlichen Vor-
stellung von dem Meister wenig entsprach, ist zuerst bemerkt
worden von W. Burger, der in seiner Weise mit wenig Strichen
den Eindruck unübertrefflich wiedergab2).

Königliche Bildnisse von Originalität zweiter Ordnung

giebt es aus dieser Zeit mehrere, fast alle in ganzer Figur, mit der
Depesche in der Rechten, die Linke am Degen und sonst wie üblich.
Die folgenden sind ohne Zweifel dem Alter des Dargestellten gleichzeitig
und aus des Meisters Atelier hervorgegangen; aber die genaue Bestim-
mung seines Antheils an der Arbeit gehört zu den mühsameren Auf-
gaben der Kritik, und zu den undankbarsten, denn völlige Klarheit ist
doch nicht zu hoffen, und was liegt im Grund an einem Exemplar mehr
oder weniger dieser steifen Majestät? Aber sie stehen an weltberühmten

1) Im Catalog der Versteigerung François Tronchin von 1798 heisst es: Il
tient beaucoup de van Dyck. Il est peint avec une naiveté, une légèreté et une
fraîcheur de couleur admirable. La vérité et l’effet y sont au plus haut point. Il
vient du célèbre Bouchardon.
2) C’est clair et tendre comme le plus fin Metsu. Chef d’oeuvre de couleur
et de distinction.
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[103/0123] Königliche Bildnisse von Originalität zweiter Ordnung. graue Fläche des Grundes und die in Gesicht und Figur vertheil- ten braunen Schattenpunkte und Linien, welche Kragen, Arm und Hut markiren. Begreiflich ist, wie grade dieses Bildniss, ausser dem Reiter- bild wol das einzige, welches Liebhaber interessiren konnte, als die Habsburger des 17. Jahrhunderts auch den Spaniern gleich- gültig geworden waren, aus dem Palast verschwand. Palomino, der unter Philipp V schrieb, hat es noch gesehn; aber schon vor der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte es seinen Weg nach Paris gefunden. Wahrscheinlich kam es aus Bouchardon’s Nachlass in die Sammlung Tronchin, von da in die Hände des Agenten des König Stanislaus, Desenfans, und dann in die Dulwich- Galerie 1). Es giebt noch ein zweites, völlig übereinstimmendes Exemplar, das aus der Sammlung Sebastian Martinez in Cadiz in die Galerie Salamanca überging, bei deren erster Versteige- rung (1867) es 71,000 Francs erzielte. In die Ausstellung für die Elsass-Lothringer (1874) war es von Mrs. Lyne Stephens ge- schickt; jetzt befindet es sich auf deren Landsitz, Lynford Hall in Norfolk; es ist nur eine sorgfältige alte Kopie. Die Schönheit des Gemäldes, welches der gewöhnlichen Vor- stellung von dem Meister wenig entsprach, ist zuerst bemerkt worden von W. Burger, der in seiner Weise mit wenig Strichen den Eindruck unübertrefflich wiedergab 2). Königliche Bildnisse von Originalität zweiter Ordnung giebt es aus dieser Zeit mehrere, fast alle in ganzer Figur, mit der Depesche in der Rechten, die Linke am Degen und sonst wie üblich. Die folgenden sind ohne Zweifel dem Alter des Dargestellten gleichzeitig und aus des Meisters Atelier hervorgegangen; aber die genaue Bestim- mung seines Antheils an der Arbeit gehört zu den mühsameren Auf- gaben der Kritik, und zu den undankbarsten, denn völlige Klarheit ist doch nicht zu hoffen, und was liegt im Grund an einem Exemplar mehr oder weniger dieser steifen Majestät? Aber sie stehen an weltberühmten 1) Im Catalog der Versteigerung François Tronchin von 1798 heisst es: Il tient beaucoup de van Dyck. Il est peint avec une naiveté, une légèreté et une fraîcheur de couleur admirable. La vérité et l’effet y sont au plus haut point. Il vient du célèbre Bouchardon. 2) C’est clair et tendre comme le plus fin Metsu. Chef d’oeuvre de couleur et de distinction.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 103. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/123>, abgerufen am 17.11.2019.