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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Zweifelhafte und falsch benannte Bildnisse.
volles, frisches Gesicht, aus dem Vornehmheit und Lebhaftigkeit
sprechen. Der rechte Arm mit dem Zaum ist erhoben, wie in dem
Reiterporträt des Francesco Maria Balbi im Palast Balbi-Senarega zu
Genua von van Dyck, der aber den Hut schwingt. Der überaus pracht-
volle kastanienbraune Andalusier, von der Rasse des königlichen Marstalls,
die öde Landschaft, endlich die Helle des Tageslichts geben dem Gemälde
eine stark spanische Physiognomie, und bringen den Namen Velazquez beim
ersten Davortreten auf die Zunge. Aber die nähere Betrachtung zeigt un-
zweifelhaft Rubens' Technik, seine Behandlung der Landschaft und des Ge-
sichts in früher Zeit1). Auch der reiche Steinkragen passt nicht in die Zeit
Philipp IV. Der Herzog von Infantado war zur Zeit von Rubens erster Reise
schon ein alter Mann, und hatte seine einzige Erbtochter mit dem zwei-
ten Sohn des Herzogs von Lerma vermählt, D. Diego Gomez de Sandoval,
Graf von Saldanna. Dieser hat in Folge des Todes der Gemahlin und
seiner Wiederverheiratung den Titel Infantado nicht geerbt, wol aber
sein Sohn, der zu jener Zeit noch ein Kind war. Möglich wäre es, dass
Rubens ausser Lerma auch dessen Sohn zu Pferd gemalt hätte; nach
Baglioni genossen seine frühen Reiterbildnisse besondern Ruf (Vite, p. 303).

Der todte Roland, welcher aus der Sammlung Pourtales als Velazquez
für 37000 Francs von der Nationalgalerie angekauft wurde, gilt in London
längst nicht mehr für ein Original des Meisters; die Malweise hat mit der
seinigen irgend welcher Jahre keine Aehnlichkeit. Jene Benennung aber lässt
sich mindestens bis ins zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts zurück verfolgen.
Im Jahre 1820 erscheint er in der Versteigerung Duparc unter vielen
spanischen Gemälden, darunter sieben Murillos, und gilt als aus Spanien
gekommen. Nach andren Angaben stammt er sogar aus dem könig-
lichen Palast, aber die Inventare schweigen. Dagegen scheint ein
seltenes wenig bekanntes Schwarzkunstblatt aus dem vorigen Jahrhundert
auf seinen damaligen Aufenthalt ausserhalb Spaniens zu führen; leider
ist in meinem Exemplar, dem einzigen das mir zu Gesicht gekommen,
die Unterschrift abgeschnitten. In der Cremer'schen Sammlung zu
Brüssel war nach Curtis eine Kopie. In jenem Jahre soll es in Paris
"die Augen aller Kenner überrascht und lange festgehalten haben"; der
Generalsekretär des Museums Lavallee bedauerte es zur Zeit seines Ein-
flusses nicht für den Louvre erworben zu haben2).

1) Z. B. in dem Selbstbildniss mit seiner Frau in München.
2) Es wurden zwei Kataloge gedruckt, verfasst von Roehn fils; in dem
ersten, D *** bezeichnet, heisst es: Pour jeter une fleur sur la tombe de l'ancien
secretaire-general du Musee, M. Lavallee, nous dirons, qu'ami des arts et des
amateurs, il vint nous voir peu de temps avant sa mort; apres avoir admire cette
production, il dit en nous quittant: "Que n'ai-je vu cette belle chose lorsque j'avais
quelque pouvoir!"

Zweifelhafte und falsch benannte Bildnisse.
volles, frisches Gesicht, aus dem Vornehmheit und Lebhaftigkeit
sprechen. Der rechte Arm mit dem Zaum ist erhoben, wie in dem
Reiterporträt des Francesco Maria Balbi im Palast Balbi-Senarega zu
Genua von van Dyck, der aber den Hut schwingt. Der überaus pracht-
volle kastanienbraune Andalusier, von der Rasse des königlichen Marstalls,
die öde Landschaft, endlich die Helle des Tageslichts geben dem Gemälde
eine stark spanische Physiognomie, und bringen den Namen Velazquez beim
ersten Davortreten auf die Zunge. Aber die nähere Betrachtung zeigt un-
zweifelhaft Rubens’ Technik, seine Behandlung der Landschaft und des Ge-
sichts in früher Zeit1). Auch der reiche Steinkragen passt nicht in die Zeit
Philipp IV. Der Herzog von Infantado war zur Zeit von Rubens erster Reise
schon ein alter Mann, und hatte seine einzige Erbtochter mit dem zwei-
ten Sohn des Herzogs von Lerma vermählt, D. Diego Gomez de Sandoval,
Graf von Saldaña. Dieser hat in Folge des Todes der Gemahlin und
seiner Wiederverheiratung den Titel Infantado nicht geerbt, wol aber
sein Sohn, der zu jener Zeit noch ein Kind war. Möglich wäre es, dass
Rubens ausser Lerma auch dessen Sohn zu Pferd gemalt hätte; nach
Baglioni genossen seine frühen Reiterbildnisse besondern Ruf (Vite, p. 303).

Der todte Roland, welcher aus der Sammlung Pourtalès als Velazquez
für 37000 Francs von der Nationalgalerie angekauft wurde, gilt in London
längst nicht mehr für ein Original des Meisters; die Malweise hat mit der
seinigen irgend welcher Jahre keine Aehnlichkeit. Jene Benennung aber lässt
sich mindestens bis ins zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts zurück verfolgen.
Im Jahre 1820 erscheint er in der Versteigerung Duparc unter vielen
spanischen Gemälden, darunter sieben Murillos, und gilt als aus Spanien
gekommen. Nach andren Angaben stammt er sogar aus dem könig-
lichen Palast, aber die Inventare schweigen. Dagegen scheint ein
seltenes wenig bekanntes Schwarzkunstblatt aus dem vorigen Jahrhundert
auf seinen damaligen Aufenthalt ausserhalb Spaniens zu führen; leider
ist in meinem Exemplar, dem einzigen das mir zu Gesicht gekommen,
die Unterschrift abgeschnitten. In der Cremer’schen Sammlung zu
Brüssel war nach Curtis eine Kopie. In jenem Jahre soll es in Paris
„die Augen aller Kenner überrascht und lange festgehalten haben“; der
Generalsekretär des Museums Lavallée bedauerte es zur Zeit seines Ein-
flusses nicht für den Louvre erworben zu haben2).

1) Z. B. in dem Selbstbildniss mit seiner Frau in München.
2) Es wurden zwei Kataloge gedruckt, verfasst von Roehn fils; in dem
ersten, D *** bezeichnet, heisst es: Pour jeter une fleur sur la tombe de l’ancien
secrétaire-général du Musée, M. Lavallée, nous dirons, qu’ami des arts et des
amateurs, il vint nous voir peu de temps avant sa mort; après avoir admiré cette
production, il dit en nous quittant: „Que n’ai-je vu cette belle chose lorsque j’avais
quelque pouvoir!“
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[85/0105] Zweifelhafte und falsch benannte Bildnisse. volles, frisches Gesicht, aus dem Vornehmheit und Lebhaftigkeit sprechen. Der rechte Arm mit dem Zaum ist erhoben, wie in dem Reiterporträt des Francesco Maria Balbi im Palast Balbi-Senarega zu Genua von van Dyck, der aber den Hut schwingt. Der überaus pracht- volle kastanienbraune Andalusier, von der Rasse des königlichen Marstalls, die öde Landschaft, endlich die Helle des Tageslichts geben dem Gemälde eine stark spanische Physiognomie, und bringen den Namen Velazquez beim ersten Davortreten auf die Zunge. Aber die nähere Betrachtung zeigt un- zweifelhaft Rubens’ Technik, seine Behandlung der Landschaft und des Ge- sichts in früher Zeit 1). Auch der reiche Steinkragen passt nicht in die Zeit Philipp IV. Der Herzog von Infantado war zur Zeit von Rubens erster Reise schon ein alter Mann, und hatte seine einzige Erbtochter mit dem zwei- ten Sohn des Herzogs von Lerma vermählt, D. Diego Gomez de Sandoval, Graf von Saldaña. Dieser hat in Folge des Todes der Gemahlin und seiner Wiederverheiratung den Titel Infantado nicht geerbt, wol aber sein Sohn, der zu jener Zeit noch ein Kind war. Möglich wäre es, dass Rubens ausser Lerma auch dessen Sohn zu Pferd gemalt hätte; nach Baglioni genossen seine frühen Reiterbildnisse besondern Ruf (Vite, p. 303). Der todte Roland, welcher aus der Sammlung Pourtalès als Velazquez für 37000 Francs von der Nationalgalerie angekauft wurde, gilt in London längst nicht mehr für ein Original des Meisters; die Malweise hat mit der seinigen irgend welcher Jahre keine Aehnlichkeit. Jene Benennung aber lässt sich mindestens bis ins zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts zurück verfolgen. Im Jahre 1820 erscheint er in der Versteigerung Duparc unter vielen spanischen Gemälden, darunter sieben Murillos, und gilt als aus Spanien gekommen. Nach andren Angaben stammt er sogar aus dem könig- lichen Palast, aber die Inventare schweigen. Dagegen scheint ein seltenes wenig bekanntes Schwarzkunstblatt aus dem vorigen Jahrhundert auf seinen damaligen Aufenthalt ausserhalb Spaniens zu führen; leider ist in meinem Exemplar, dem einzigen das mir zu Gesicht gekommen, die Unterschrift abgeschnitten. In der Cremer’schen Sammlung zu Brüssel war nach Curtis eine Kopie. In jenem Jahre soll es in Paris „die Augen aller Kenner überrascht und lange festgehalten haben“; der Generalsekretär des Museums Lavallée bedauerte es zur Zeit seines Ein- flusses nicht für den Louvre erworben zu haben 2). 1) Z. B. in dem Selbstbildniss mit seiner Frau in München. 2) Es wurden zwei Kataloge gedruckt, verfasst von Roehn fils; in dem ersten, D *** bezeichnet, heisst es: Pour jeter une fleur sur la tombe de l’ancien secrétaire-général du Musée, M. Lavallée, nous dirons, qu’ami des arts et des amateurs, il vint nous voir peu de temps avant sa mort; après avoir admiré cette production, il dit en nous quittant: „Que n’ai-je vu cette belle chose lorsque j’avais quelque pouvoir!“

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 85. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/105>, abgerufen am 15.10.2019.