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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Zweifelhafte und falsch benannte Bildnisse.
Aber solche lange, lockige Haare wurden damals am spanischen Hofe
noch nicht getragen. Vielleicht ist es italienisch.

Andere Stücke gehören spätern Zeiten des Jahrhunderts an.

Roh und dekorativ gemalt ist das Bildniss eines Corregidors von
Madrid, des Santiagoritters D. Francisco de Ribas (+ 1660), ebenfalls
mit langen, schlichten, schwarzen Haaren. Auf der Akademieausstellung
von 1880 präsentirte sich dieser arme Ritter zum Schrecken der Ver-
ehrer des Malers als Velazquez (Nr. 244), obwol der Catalog schamhaft
hinzufügte The head only by V. Dieser in stumpfem fuchsigen Ton flau
gemalte Kopf war aber das Verwerflichste an dem Sir J. C. Robinson
gehörigen Bildniss.

Der von Ponz und Cean aufgeführte von Goya geätzte Alcalde
Ronquillo ist die im Prado Nr. 692 befindliche Figur des Buffonen Francisco
Bazan, genannt El pretendiente von J. Carrenno. Ein anderer Alcalde Ron-
quillo (Curtis 193) welchen Jose Madrazo dem Maler Wilkie verkaufte
und der seitdem in englischen Versteigerungen herumwandert, ist mir
nicht bekannt.

III. Zahlreicher sind die Bildnisse aus fremden Schulen. Dahin
gehören einige sehr schöne Brustbilder hoher italienischer Cleriker. Den
ersten Platz verdient der Cardinal des Mainzer Museums, ein geist-
voller ältlicher Kopf, sehr plastisch durch scharf begrenzte sonnige Lichter
und warme Schatten. Grosse Augen voll Intelligenz und Leben, etwas nach
oben gerichtet, scheinen nachdenklich ins Unendliche zu sehen; vielleicht
leuchtet ihm am Himmel der Zukunft die Tiara entgegen. Wohl aus der
Zeit Urban VIII und eines Carlo Maratta oder Andrea Sacchi würdig.

Der Cardinal Dezio Azzolini im Berliner Museum (413), ein ebenso
charakter- und ausdrucksvolles, wie technisch meisterhaftes Bild, früher
Murillo, dann Velazquez genannt, ist von Theodor Lewin nach einem
Kupferstich des Alb. Clouwet als eine Arbeit des Malers Jacob Ferdinand
Voet erkannt worden, dessen Art der französischen Schule näher steht
als der niederländischen und italienischen. Seine Bildnisse sind
in römischen Galerien nicht selten.

Das Bildniss des Cardinal Giulio Rospigliosi in der Pinakothek
(1233) wurde zuerst von M. Unger (Kritische Forschungen 1865, S. 147)
für Maratta erklärt und steht jetzt so im Katalog. Ich nenne noch

Die Büste eines jungen wolgenährten Porporato mit Brief und Barett
in der Hand, bei E. A. Leatham, Esq. in London; und die des Prälaten
in Kingston Lacy, von feiner vornehmer Auffassung und in einer dem
Velazquez mehr als alle jene geistlichen Herren nahestehenden Malweise.

In dem skizzirten Kopf eines aufgebahrten todten Franciscaners in
der Breragalerie (390) mögen tausende von Besuchern die Art des in

Zweifelhafte und falsch benannte Bildnisse.
Aber solche lange, lockige Haare wurden damals am spanischen Hofe
noch nicht getragen. Vielleicht ist es italienisch.

Andere Stücke gehören spätern Zeiten des Jahrhunderts an.

Roh und dekorativ gemalt ist das Bildniss eines Corregidors von
Madrid, des Santiagoritters D. Francisco de Ribas († 1660), ebenfalls
mit langen, schlichten, schwarzen Haaren. Auf der Akademieausstellung
von 1880 präsentirte sich dieser arme Ritter zum Schrecken der Ver-
ehrer des Malers als Velazquez (Nr. 244), obwol der Catalog schamhaft
hinzufügte The head only by V. Dieser in stumpfem fuchsigen Ton flau
gemalte Kopf war aber das Verwerflichste an dem Sir J. C. Robinson
gehörigen Bildniss.

Der von Ponz und Cean aufgeführte von Goya geätzte Alcalde
Ronquillo ist die im Prado Nr. 692 befindliche Figur des Buffonen Francisco
Bazan, genannt El pretendiente von J. Carreño. Ein anderer Alcalde Ron-
quillo (Curtis 193) welchen José Madrazo dem Maler Wilkie verkaufte
und der seitdem in englischen Versteigerungen herumwandert, ist mir
nicht bekannt.

III. Zahlreicher sind die Bildnisse aus fremden Schulen. Dahin
gehören einige sehr schöne Brustbilder hoher italienischer Cleriker. Den
ersten Platz verdient der Cardinal des Mainzer Museums, ein geist-
voller ältlicher Kopf, sehr plastisch durch scharf begrenzte sonnige Lichter
und warme Schatten. Grosse Augen voll Intelligenz und Leben, etwas nach
oben gerichtet, scheinen nachdenklich ins Unendliche zu sehen; vielleicht
leuchtet ihm am Himmel der Zukunft die Tiara entgegen. Wohl aus der
Zeit Urban VIII und eines Carlo Maratta oder Andrea Sacchi würdig.

Der Cardinal Dezio Azzolini im Berliner Museum (413), ein ebenso
charakter- und ausdrucksvolles, wie technisch meisterhaftes Bild, früher
Murillo, dann Velazquez genannt, ist von Theodor Lewin nach einem
Kupferstich des Alb. Clouwet als eine Arbeit des Malers Jacob Ferdinand
Voet erkannt worden, dessen Art der französischen Schule näher steht
als der niederländischen und italienischen. Seine Bildnisse sind
in römischen Galerien nicht selten.

Das Bildniss des Cardinal Giulio Rospigliosi in der Pinakothek
(1233) wurde zuerst von M. Unger (Kritische Forschungen 1865, S. 147)
für Maratta erklärt und steht jetzt so im Katalog. Ich nenne noch

Die Büste eines jungen wolgenährten Porporato mit Brief und Barett
in der Hand, bei E. A. Leatham, Esq. in London; und die des Prälaten
in Kingston Lacy, von feiner vornehmer Auffassung und in einer dem
Velazquez mehr als alle jene geistlichen Herren nahestehenden Malweise.

In dem skizzirten Kopf eines aufgebahrten todten Franciscaners in
der Breragalerie (390) mögen tausende von Besuchern die Art des in

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[83/0103] Zweifelhafte und falsch benannte Bildnisse. Aber solche lange, lockige Haare wurden damals am spanischen Hofe noch nicht getragen. Vielleicht ist es italienisch. Andere Stücke gehören spätern Zeiten des Jahrhunderts an. Roh und dekorativ gemalt ist das Bildniss eines Corregidors von Madrid, des Santiagoritters D. Francisco de Ribas († 1660), ebenfalls mit langen, schlichten, schwarzen Haaren. Auf der Akademieausstellung von 1880 präsentirte sich dieser arme Ritter zum Schrecken der Ver- ehrer des Malers als Velazquez (Nr. 244), obwol der Catalog schamhaft hinzufügte The head only by V. Dieser in stumpfem fuchsigen Ton flau gemalte Kopf war aber das Verwerflichste an dem Sir J. C. Robinson gehörigen Bildniss. Der von Ponz und Cean aufgeführte von Goya geätzte Alcalde Ronquillo ist die im Prado Nr. 692 befindliche Figur des Buffonen Francisco Bazan, genannt El pretendiente von J. Carreño. Ein anderer Alcalde Ron- quillo (Curtis 193) welchen José Madrazo dem Maler Wilkie verkaufte und der seitdem in englischen Versteigerungen herumwandert, ist mir nicht bekannt. III. Zahlreicher sind die Bildnisse aus fremden Schulen. Dahin gehören einige sehr schöne Brustbilder hoher italienischer Cleriker. Den ersten Platz verdient der Cardinal des Mainzer Museums, ein geist- voller ältlicher Kopf, sehr plastisch durch scharf begrenzte sonnige Lichter und warme Schatten. Grosse Augen voll Intelligenz und Leben, etwas nach oben gerichtet, scheinen nachdenklich ins Unendliche zu sehen; vielleicht leuchtet ihm am Himmel der Zukunft die Tiara entgegen. Wohl aus der Zeit Urban VIII und eines Carlo Maratta oder Andrea Sacchi würdig. Der Cardinal Dezio Azzolini im Berliner Museum (413), ein ebenso charakter- und ausdrucksvolles, wie technisch meisterhaftes Bild, früher Murillo, dann Velazquez genannt, ist von Theodor Lewin nach einem Kupferstich des Alb. Clouwet als eine Arbeit des Malers Jacob Ferdinand Voet erkannt worden, dessen Art der französischen Schule näher steht als der niederländischen und italienischen. Seine Bildnisse sind in römischen Galerien nicht selten. Das Bildniss des Cardinal Giulio Rospigliosi in der Pinakothek (1233) wurde zuerst von M. Unger (Kritische Forschungen 1865, S. 147) für Maratta erklärt und steht jetzt so im Katalog. Ich nenne noch Die Büste eines jungen wolgenährten Porporato mit Brief und Barett in der Hand, bei E. A. Leatham, Esq. in London; und die des Prälaten in Kingston Lacy, von feiner vornehmer Auffassung und in einer dem Velazquez mehr als alle jene geistlichen Herren nahestehenden Malweise. In dem skizzirten Kopf eines aufgebahrten todten Franciscaners in der Breragalerie (390) mögen tausende von Besuchern die Art des in

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/103>, abgerufen am 23.10.2019.