Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 6. Berlin, 1952.

Bild:
<< vorherige Seite
446. An Hofrat Jung in Frankfurt a. M.

Noch vor Ihrer Antwort auf mein Blättchen vom 5ten, send' ich
Ihnen wieder eine, obwol kleinste Lieferung für das Museum, welche
ich Sie bitte, der Behörde zu übergeben. Mein Herz und mein5
Glaube und mein Dank und mein Wunsch haben den kleinen Auf-
satz geschaffen, der wenigstens Einem Menschen die höchste Freude
gewährt -- dem Verfasser. Aber ich rechne Sie zum zweiten, den
die Freude über den Großherzog erfreuet, und alle brave Frank-
furter zu den übrigen Mitfreudigen. In der Geschichte wird es10
künftig nicht mehr heissen: ist kein Dalberg da? -- sondern: er
war da und blieb da, denn jedes deutsche Herz war sein Thron.

Der Himmel gebe, daß ich Ihn einmal sehe. Wir würden uns
leicht verstehen; denn schon im 20ten Jahre las ich freudig seine
Ideen "über das Universum".15

Meine Seele verfinstert sich, wenn ich an jene lichte Zeit gedenke.

Aber ich bin so sehr als von meinem Dasein vom Aufgang einer
deutschen Sonne, wenn auch hinter Morgengewittern überzeugt.

[Schluß fehlt]
*447. An Ernst Wagner in Meiningen.20

Heute am Tage der Rückkehr meiner Frau aus Berlin schreib'
ich endlich was ich hundertmal gedacht, nämlich meinen Dank und
meine Freude Sie betreffend. Ihr Fibelschütz steht im Zeichen des
Schützens, dem Apollo die Pfeile gibt; und mit solcher Indivi-25
dualität schießt man nicht fehl. Ich wollte, Ihr Wörterbuch wäre
so dick als das Adelungsche; auch wäre freilich die Dicke die einzige
Aehnlichkeit, die es mit ihm hätte, so wie Sie selber die mit Ihrem
Werkchen; sonst übrigens muß der Seelige bei Ihnen betteln und
beten und fluchen zugleich.30

Unbeschreiblich hat mich Ihr Werkchen recht aus dem Herzen
und dem -- Wald und Feld, wie Sie so oft gebahren -- ergötzt; und
ich habe jede Derbheit des Worts oder der Anekdote nicht sowol ver-
ziehen als genossen. Sie sind mir ein rechter Wald-, Berg-, Ebenen-,
Auen- und sonstiger Mensch. -- Ach bleiben Sie nur über der Erde!35

446. An Hofrat Jung in Frankfurt a. M.

Noch vor Ihrer Antwort auf mein Blättchen vom 5ten, ſend’ ich
Ihnen wieder eine, obwol kleinſte Lieferung für das Museum, welche
ich Sie bitte, der Behörde zu übergeben. Mein Herz und mein5
Glaube und mein Dank und mein Wunſch haben den kleinen Auf-
ſatz geſchaffen, der wenigſtens Einem Menſchen die höchſte Freude
gewährt — dem Verfaſſer. Aber ich rechne Sie zum zweiten, den
die Freude über den Großherzog erfreuet, und alle brave Frank-
furter zu den übrigen Mitfreudigen. In der Geſchichte wird es10
künftig nicht mehr heiſſen: iſt kein Dalberg da? — ſondern: er
war da und blieb da, denn jedes deutſche Herz war ſein Thron.

Der Himmel gebe, daß ich Ihn einmal ſehe. Wir würden uns
leicht verſtehen; denn ſchon im 20ten Jahre las ich freudig ſeine
Ideen „über das Univerſum“.15

Meine Seele verfinſtert ſich, wenn ich an jene lichte Zeit gedenke.

Aber ich bin ſo ſehr als von meinem Daſein vom Aufgang einer
deutſchen Sonne, wenn auch hinter Morgengewittern überzeugt.

[Schluß fehlt]
*447. An Ernſt Wagner in Meiningen.20

Heute am Tage der Rückkehr meiner Frau aus Berlin ſchreib’
ich endlich was ich hundertmal gedacht, nämlich meinen Dank und
meine Freude Sie betreffend. Ihr Fibelſchütz ſteht im Zeichen des
Schützens, dem Apollo die Pfeile gibt; und mit ſolcher Indivi-25
dualität ſchießt man nicht fehl. Ich wollte, Ihr Wörterbuch wäre
ſo dick als das Adelungſche; auch wäre freilich die Dicke die einzige
Aehnlichkeit, die es mit ihm hätte, ſo wie Sie ſelber die mit Ihrem
Werkchen; ſonſt übrigens muß der Seelige bei Ihnen betteln und
beten und fluchen zugleich.30

Unbeſchreiblich hat mich Ihr Werkchen recht aus dem Herzen
und dem — Wald und Feld, wie Sie ſo oft gebahren — ergötzt; und
ich habe jede Derbheit des Worts oder der Anekdote nicht ſowol ver-
ziehen als genoſſen. Sie ſind mir ein rechter Wald-, Berg-, Ebenen-,
Auen- und ſonſtiger Menſch. — Ach bleiben Sie nur über der Erde!35

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0191" n="178"/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>446. An <hi rendition="#g">Hofrat Jung in Frankfurt</hi> a. M.</head><lb/>
        <dateline> <hi rendition="#right"><hi rendition="#aq">Bayreuth</hi> d. 21. Jenn. 1811</hi> </dateline><lb/>
        <p>Noch vor Ihrer Antwort auf mein Blättchen vom 5<hi rendition="#sup">ten</hi>, &#x017F;end&#x2019; ich<lb/>
Ihnen wieder eine, obwol klein&#x017F;te Lieferung für das <hi rendition="#aq">Museum,</hi> welche<lb/>
ich Sie bitte, der Behörde zu übergeben. Mein Herz und mein<lb n="5"/>
Glaube und mein Dank und mein Wun&#x017F;ch haben den kleinen Auf-<lb/>
&#x017F;atz ge&#x017F;chaffen, der wenig&#x017F;tens Einem Men&#x017F;chen die höch&#x017F;te Freude<lb/>
gewährt &#x2014; dem Verfa&#x017F;&#x017F;er. Aber ich rechne Sie zum zweiten, den<lb/>
die Freude über den Großherzog erfreuet, und alle brave Frank-<lb/>
furter zu den übrigen Mitfreudigen. In der Ge&#x017F;chichte wird es<lb n="10"/>
künftig nicht mehr hei&#x017F;&#x017F;en: i&#x017F;t kein <hi rendition="#aq">Dalberg</hi> da? &#x2014; &#x017F;ondern: er<lb/>
war da und blieb da, denn jedes deut&#x017F;che Herz war &#x017F;ein Thron.</p><lb/>
        <p>Der Himmel gebe, daß ich Ihn einmal &#x017F;ehe. Wir würden uns<lb/>
leicht ver&#x017F;tehen; denn &#x017F;chon im 20<hi rendition="#sup">ten</hi> Jahre las ich freudig &#x017F;eine<lb/>
Ideen &#x201E;über das Univer&#x017F;um&#x201C;.<lb n="15"/>
</p>
        <p>Meine Seele verfin&#x017F;tert &#x017F;ich, wenn ich an jene lichte Zeit gedenke.</p><lb/>
        <p>Aber ich bin &#x017F;o &#x017F;ehr als von meinem Da&#x017F;ein vom Aufgang einer<lb/>
deut&#x017F;chen Sonne, wenn auch hinter Morgengewittern überzeugt.</p><lb/>
        <closer>
          <salute> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#aq"> <hi rendition="#i">[Schluß fehlt]</hi> </hi> </hi> </salute>
        </closer>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>*447. An <hi rendition="#g">Ern&#x017F;t Wagner in Meiningen.</hi><lb n="20"/>
</head>
        <dateline> <hi rendition="#right"><hi rendition="#aq">Bayreuth</hi> d. 19 Jenn. 1811</hi> </dateline><lb/>
        <p>Heute am Tage der Rückkehr meiner Frau aus Berlin &#x017F;chreib&#x2019;<lb/>
ich endlich was ich hundertmal gedacht, nämlich meinen Dank und<lb/>
meine Freude Sie betreffend. Ihr Fibel&#x017F;chütz &#x017F;teht im Zeichen des<lb/>
Schützens, dem Apollo die Pfeile gibt; und mit &#x017F;olcher Indivi-<lb n="25"/>
dualität &#x017F;chießt man nicht fehl. Ich wollte, Ihr Wörterbuch wäre<lb/>
&#x017F;o dick als das Adelung&#x017F;che; auch wäre freilich die Dicke die einzige<lb/>
Aehnlichkeit, die es mit ihm hätte, &#x017F;o wie Sie &#x017F;elber die mit Ihrem<lb/>
Werkchen; &#x017F;on&#x017F;t übrigens muß der Seelige bei Ihnen betteln und<lb/>
beten und fluchen zugleich.<lb n="30"/>
</p>
        <p>Unbe&#x017F;chreiblich hat mich Ihr Werkchen recht aus dem Herzen<lb/>
und dem &#x2014; Wald und Feld, wie Sie &#x017F;o oft gebahren &#x2014; ergötzt; und<lb/>
ich habe jede Derbheit des Worts oder der Anekdote nicht &#x017F;owol ver-<lb/>
ziehen als geno&#x017F;&#x017F;en. Sie &#x017F;ind mir ein rechter Wald-, Berg-, Ebenen-,<lb/>
Auen- und &#x017F;on&#x017F;tiger Men&#x017F;ch. &#x2014; Ach bleiben Sie nur <hi rendition="#g">über</hi> der Erde!<lb n="35"/>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[178/0191] 446. An Hofrat Jung in Frankfurt a. M. Bayreuth d. 21. Jenn. 1811 Noch vor Ihrer Antwort auf mein Blättchen vom 5ten, ſend’ ich Ihnen wieder eine, obwol kleinſte Lieferung für das Museum, welche ich Sie bitte, der Behörde zu übergeben. Mein Herz und mein 5 Glaube und mein Dank und mein Wunſch haben den kleinen Auf- ſatz geſchaffen, der wenigſtens Einem Menſchen die höchſte Freude gewährt — dem Verfaſſer. Aber ich rechne Sie zum zweiten, den die Freude über den Großherzog erfreuet, und alle brave Frank- furter zu den übrigen Mitfreudigen. In der Geſchichte wird es 10 künftig nicht mehr heiſſen: iſt kein Dalberg da? — ſondern: er war da und blieb da, denn jedes deutſche Herz war ſein Thron. Der Himmel gebe, daß ich Ihn einmal ſehe. Wir würden uns leicht verſtehen; denn ſchon im 20ten Jahre las ich freudig ſeine Ideen „über das Univerſum“. 15 Meine Seele verfinſtert ſich, wenn ich an jene lichte Zeit gedenke. Aber ich bin ſo ſehr als von meinem Daſein vom Aufgang einer deutſchen Sonne, wenn auch hinter Morgengewittern überzeugt. [Schluß fehlt] *447. An Ernſt Wagner in Meiningen. 20 Bayreuth d. 19 Jenn. 1811 Heute am Tage der Rückkehr meiner Frau aus Berlin ſchreib’ ich endlich was ich hundertmal gedacht, nämlich meinen Dank und meine Freude Sie betreffend. Ihr Fibelſchütz ſteht im Zeichen des Schützens, dem Apollo die Pfeile gibt; und mit ſolcher Indivi- 25 dualität ſchießt man nicht fehl. Ich wollte, Ihr Wörterbuch wäre ſo dick als das Adelungſche; auch wäre freilich die Dicke die einzige Aehnlichkeit, die es mit ihm hätte, ſo wie Sie ſelber die mit Ihrem Werkchen; ſonſt übrigens muß der Seelige bei Ihnen betteln und beten und fluchen zugleich. 30 Unbeſchreiblich hat mich Ihr Werkchen recht aus dem Herzen und dem — Wald und Feld, wie Sie ſo oft gebahren — ergötzt; und ich habe jede Derbheit des Worts oder der Anekdote nicht ſowol ver- ziehen als genoſſen. Sie ſind mir ein rechter Wald-, Berg-, Ebenen-, Auen- und ſonſtiger Menſch. — Ach bleiben Sie nur über der Erde! 35

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T15:17:09Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T15:17:09Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe06_1962
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe06_1962/191
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 6. Berlin, 1952, S. 178. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe06_1962/191>, abgerufen am 16.09.2019.