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Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 6. Berlin, 1952.

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augen über den steilen Hügel der Entbindung, der oft ein Grabes-
hügel wird, leicht hinüber gekommen sein! Ihr Schweigen läßt
mich diesen Wunsch mehr bang als freudig thun!

Ich war lange an keinem Tische so froh und Herr meiner Kräfte
als an dem Ihren. Aber freilich die Kräfte bringt man mit, allein5
nicht den Tischgenossen, der sie erregt. Grüßen Sie, außer der
geistreichen Tischgesellschaft, noch von mir Herrn Hofrath Marcus,
dessen Fieberlehre ich zweimal mit Freuden gelesen. Er soll mir
ein Evangelist Markus sein, wenn er bald die Geschichte der Magne-
tisierten gibt. -- Ich bereuete zwei Tage nach der Abreise meine10
Flucht vor so vielen -- Freuden, zu welchen sogar der Eintritt ins
berühmte Krankenhaus gehört hätte.

Noch bitt' ich Sie um etwas, um 2 Thaler -- Kredit; nämlich
bei [Lachmüller], dem Vater des Bücherverleihers und Spielsachen-
Verkäufers, kauft' ich 1/4 Hundert sogenannte harte Federn (See-15
kiele oder Hamburger) für 1 rtl.; ich wünschte 50 wieder zu haben,
und zwar vom linken Flügel, dessen Federn sich vom Schreibfinger
abbeugen, gegen den Daumen zu. Wollen Sie nun Bürgschaft
und Assekuranz leisten, damit er mir sie zeitig schicke?

Hierbei folgt das zweimal versprochene Kirchenregister meiner20
Federkinder. -- Grüßen Sie von mir bei Gelegenheit einen von hier
versetzten Regierungsrath Hake, meinen Freund und Gevatter. --
Leben Sie herzlich wol!

Jean Paul Fr. Richter
445. An Otto.25

Guten Morgen, Alter! Hier geb' ich dir den nach fremdem
Rathe geänderten Aufsatz, der heute abgeht. -- Perthes ist doch
zu hypochondrisch und zu bedenklich zugleich.*) Freilich lieber den
Schlag des Kriegs als die Baitze eines solchen Friedens. Auch mir30
gehen die Marschälle im Kopfe herum, ob ich gleich nicht daran
glaube. Wer 4 Könige und 1 Pabst abgesetzt, kann indeß viel probieren.

Ich sende dir, damit ich doch nicht allein darüber urtheile, Do-
benecks
Buch (1 B.) zum Ansehen.

*) 35Ich meine die Schlußanmerkung des Heftes. -- Was hat er dir geschrieben?
12 Jean Paul Briefe. VI.

augen über den ſteilen Hügel der Entbindung, der oft ein Grabes-
hügel wird, leicht hinüber gekommen ſein! Ihr Schweigen läßt
mich dieſen Wunſch mehr bang als freudig thun!

Ich war lange an keinem Tiſche ſo froh und Herr meiner Kräfte
als an dem Ihren. Aber freilich die Kräfte bringt man mit, allein5
nicht den Tiſchgenoſſen, der ſie erregt. Grüßen Sie, außer der
geiſtreichen Tiſchgeſellſchaft, noch von mir Herrn Hofrath Marcus,
deſſen Fieberlehre ich zweimal mit Freuden geleſen. Er ſoll mir
ein Evangeliſt Markus ſein, wenn er bald die Geſchichte der Magne-
tiſierten gibt. — Ich bereuete zwei Tage nach der Abreiſe meine10
Flucht vor ſo vielen — Freuden, zu welchen ſogar der Eintritt ins
berühmte Krankenhaus gehört hätte.

Noch bitt’ ich Sie um etwas, um 2 Thaler — Kredit; nämlich
bei [Lachmüller], dem Vater des Bücherverleihers und Spielſachen-
Verkäufers, kauft’ ich ¼ Hundert ſogenannte harte Federn (See-15
kiele oder Hamburger) für 1 rtl.; ich wünſchte 50 wieder zu haben,
und zwar vom linken Flügel, deſſen Federn ſich vom Schreibfinger
abbeugen, gegen den Daumen zu. Wollen Sie nun Bürgſchaft
und Aſſekuranz leiſten, damit er mir ſie zeitig ſchicke?

Hierbei folgt das zweimal verſprochene Kirchenregiſter meiner20
Federkinder. — Grüßen Sie von mir bei Gelegenheit einen von hier
verſetzten Regierungsrath Hake, meinen Freund und Gevatter. —
Leben Sie herzlich wol!

Jean Paul Fr. Richter
445. An Otto.25

Guten Morgen, Alter! Hier geb’ ich dir den nach fremdem
Rathe geänderten Aufſatz, der heute abgeht. — Perthes iſt doch
zu hypochondriſch und zu bedenklich zugleich.*) Freilich lieber den
Schlag des Kriegs als die Baitze eines ſolchen Friedens. Auch mir30
gehen die Marſchälle im Kopfe herum, ob ich gleich nicht daran
glaube. Wer 4 Könige und 1 Pabſt abgeſetzt, kann indeß viel probieren.

Ich ſende dir, damit ich doch nicht allein darüber urtheile, Do-
benecks
Buch (1 B.) zum Anſehen.

*) 35Ich meine die Schlußanmerkung des Heftes. — Was hat er dir geſchrieben?
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[177/0190] augen über den ſteilen Hügel der Entbindung, der oft ein Grabes- hügel wird, leicht hinüber gekommen ſein! Ihr Schweigen läßt mich dieſen Wunſch mehr bang als freudig thun! Ich war lange an keinem Tiſche ſo froh und Herr meiner Kräfte als an dem Ihren. Aber freilich die Kräfte bringt man mit, allein 5 nicht den Tiſchgenoſſen, der ſie erregt. Grüßen Sie, außer der geiſtreichen Tiſchgeſellſchaft, noch von mir Herrn Hofrath Marcus, deſſen Fieberlehre ich zweimal mit Freuden geleſen. Er ſoll mir ein Evangeliſt Markus ſein, wenn er bald die Geſchichte der Magne- tiſierten gibt. — Ich bereuete zwei Tage nach der Abreiſe meine 10 Flucht vor ſo vielen — Freuden, zu welchen ſogar der Eintritt ins berühmte Krankenhaus gehört hätte. Noch bitt’ ich Sie um etwas, um 2 Thaler — Kredit; nämlich bei [Lachmüller], dem Vater des Bücherverleihers und Spielſachen- Verkäufers, kauft’ ich ¼ Hundert ſogenannte harte Federn (See- 15 kiele oder Hamburger) für 1 rtl.; ich wünſchte 50 wieder zu haben, und zwar vom linken Flügel, deſſen Federn ſich vom Schreibfinger abbeugen, gegen den Daumen zu. Wollen Sie nun Bürgſchaft und Aſſekuranz leiſten, damit er mir ſie zeitig ſchicke? Hierbei folgt das zweimal verſprochene Kirchenregiſter meiner 20 Federkinder. — Grüßen Sie von mir bei Gelegenheit einen von hier verſetzten Regierungsrath Hake, meinen Freund und Gevatter. — Leben Sie herzlich wol! Jean Paul Fr. Richter 445. An Otto. 25 [Bayreuth, 21. Jan. 1811] Guten Morgen, Alter! Hier geb’ ich dir den nach fremdem Rathe geänderten Aufſatz, der heute abgeht. — Perthes iſt doch zu hypochondriſch und zu bedenklich zugleich. *) Freilich lieber den Schlag des Kriegs als die Baitze eines ſolchen Friedens. Auch mir 30 gehen die Marſchälle im Kopfe herum, ob ich gleich nicht daran glaube. Wer 4 Könige und 1 Pabſt abgeſetzt, kann indeß viel probieren. Ich ſende dir, damit ich doch nicht allein darüber urtheile, Do- benecks Buch (1 B.) zum Anſehen. *) Ich meine die Schlußanmerkung des Heftes. — Was hat er dir geſchrieben? 12 Jean Paul Briefe. VI.

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T15:17:09Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T15:17:09Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




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Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 6. Berlin, 1952, S. 177. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe06_1962/190>, abgerufen am 17.09.2019.