Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 2. Berlin, 1958.

Bild:
<< vorherige Seite
3. An Christian Otto in Hof.

Mein guter Christian,

Mein Brief betrift die Amöne.

[I, 432]Ich schreib ihn für, nicht wider sie; aber mit einer Nieder-5
geschlagenheit, die mir den Unterschied zwischen den Schilderungen der
erdichteten und der wahren Leiden zeigt. Wenn du einige meinen Brief
beschliessende Stellen aus ihrem heurigen Tagebuch gelesen hast (sie
führt seit einigen Jahren eines): so wird deine Wärme sicher die
meinige rechtfertigen. Beim -- zweiten Durchlesen meines Briefes10
bist du mit mir einig. Nims von mir an, mein lieber Christian: du
behandelst sie für kleine Symptomen ihres Temperaments zu hart --
nicht zu hart nach deinem Rechte, aber nach dem ihrigen. Dich recht-
fertigt ganz ihr Schein, aber sie ihr Inneres. Dieses hat so wenig
mit jenem gemein, daß sie z. B. sonst (denn jezt lieben viele ihrer15
vorigen Feinde sie von Herzen, Eine Feindin ausgenommen) nur
stolz aus einem gekränkten Gefühle war, weil sie sich in jeder Gesel-
schaft verachtet glaubte. Und dieses glaubte sie, weil ihr Vater und
ihr Hofmeister ihr so oft sagten, sie wäre "dum und häslich", daß sie es
selber glaubte, bis Wernlein der immer verkanten Seele ihre Rechte20
gab. In einem solchen sarkastischen Hause, -- unter solchen pädago-
gischen Mishandlungen -- unter der Wiederholung derselben in
Frankfurt beim Boshaftesten Weibe und bei dessen dumsten Sohne --
konte nur das beste Herz nicht zum bittersten werden. Du soltest ihre
stille Ergebung in die väterliche Härte, ihre unbegreifliche Geduld mit25
der brüderlichen Giftmischerei der Anspielungen und Thaten be-
merken, ihre häusliche mit der ausserhäuslichen Raschheit kontra-
stierende Sanf[t]muth gegen die Mägde, die wenn sie fort sind über
alle im Hause klagen und sie ausnehmen und ihrentwegen die Stelle
wieder suchen. Sie ist aus meiner Bekantschaft die einzige ihres Ge-30
schlechtes, der ich jedes Wort heilig glauben darf und die in den
mislichsten Lagen zu keiner Wendung Zuflucht nimt als höchstens zum
Schweigen. Eben diese stolze Unfähigkeit zur Verstellung (aber kein
Has, denn sie ist zu sehr in ihre sanftern Träume eingesenkt, um
jemand, nicht einmal die K. zu hassen) giebt nebst ihrem voreiligen35
Temperament ihrem Betragen gegen Personen, die blos ein höf-
liches verdienen, einen zu aufrichtigen Anstrich; aber wie wenig Has

3. An Chriſtian Otto in Hof.

Mein guter Chriſtian,

Mein Brief betrift die Amöne.

[I, 432]Ich ſchreib ihn für, nicht wider ſie; aber mit einer Nieder-5
geſchlagenheit, die mir den Unterſchied zwiſchen den Schilderungen der
erdichteten und der wahren Leiden zeigt. Wenn du einige meinen Brief
beſchlieſſende Stellen aus ihrem heurigen Tagebuch geleſen haſt (ſie
führt ſeit einigen Jahren eines): ſo wird deine Wärme ſicher die
meinige rechtfertigen. Beim — zweiten Durchleſen meines Briefes10
biſt du mit mir einig. Nims von mir an, mein lieber Chriſtian: du
behandelſt ſie für kleine Symptomen ihres Temperaments zu hart —
nicht zu hart nach deinem Rechte, aber nach dem ihrigen. Dich recht-
fertigt ganz ihr Schein, aber ſie ihr Inneres. Dieſes hat ſo wenig
mit jenem gemein, daß ſie z. B. ſonſt (denn jezt lieben viele ihrer15
vorigen Feinde ſie von Herzen, Eine Feindin ausgenommen) nur
ſtolz aus einem gekränkten Gefühle war, weil ſie ſich in jeder Geſel-
ſchaft verachtet glaubte. Und dieſes glaubte ſie, weil ihr Vater und
ihr Hofmeiſter ihr ſo oft ſagten, ſie wäre „dum und häslich“, daß ſie es
ſelber glaubte, bis Wernlein der immer verkanten Seele ihre Rechte20
gab. In einem ſolchen ſarkaſtiſchen Hauſe, — unter ſolchen pädago-
giſchen Mishandlungen — unter der Wiederholung derſelben in
Frankfurt beim Boshafteſten Weibe und bei deſſen dumſten Sohne —
konte nur das beſte Herz nicht zum bitterſten werden. Du ſolteſt ihre
ſtille Ergebung in die väterliche Härte, ihre unbegreifliche Geduld mit25
der brüderlichen Giftmiſcherei der Anſpielungen und Thaten be-
merken, ihre häusliche mit der auſſerhäuslichen Raſchheit kontra-
ſtierende Sanf[t]muth gegen die Mägde, die wenn ſie fort ſind über
alle im Hauſe klagen und ſie ausnehmen und ihrentwegen die Stelle
wieder ſuchen. Sie iſt aus meiner Bekantſchaft die einzige ihres Ge-30
ſchlechtes, der ich jedes Wort heilig glauben darf und die in den
mislichſten Lagen zu keiner Wendung Zuflucht nimt als höchſtens zum
Schweigen. Eben dieſe ſtolze Unfähigkeit zur Verſtellung (aber kein
Has, denn ſie iſt zu ſehr in ihre ſanftern Träume eingeſenkt, um
jemand, nicht einmal die K. zu haſſen) giebt nebſt ihrem voreiligen35
Temperament ihrem Betragen gegen Perſonen, die blos ein höf-
liches verdienen, einen zu aufrichtigen Anſtrich; aber wie wenig Has

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0009" n="2"/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>3. An <hi rendition="#g">Chri&#x017F;tian Otto in Hof.</hi></head><lb/>
        <dateline> <hi rendition="#right"><hi rendition="#aq">Schwarzenbach d. 13 Feb.</hi> 94.</hi> </dateline><lb/>
        <opener>
          <salute> <hi rendition="#et">Mein guter Chri&#x017F;tian,</hi> </salute>
        </opener><lb/>
        <p>Mein Brief betrift die Amöne.</p><lb/>
        <p><note place="left"><ref target="1922_BdI_432">[<hi rendition="#aq">I,</hi> 432]</ref></note>Ich &#x017F;chreib ihn <hi rendition="#g">für,</hi> nicht <hi rendition="#g">wider</hi> &#x017F;ie; aber mit einer Nieder-<lb n="5"/>
ge&#x017F;chlagenheit, die mir den Unter&#x017F;chied zwi&#x017F;chen den Schilderungen der<lb/>
erdichteten und der wahren Leiden zeigt. Wenn du einige meinen Brief<lb/>
be&#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;ende Stellen aus ihrem heurigen Tagebuch gele&#x017F;en ha&#x017F;t (&#x017F;ie<lb/>
führt &#x017F;eit einigen Jahren eines): &#x017F;o wird deine Wärme &#x017F;icher die<lb/>
meinige rechtfertigen. Beim &#x2014; zweiten Durchle&#x017F;en meines Briefes<lb n="10"/>
bi&#x017F;t du mit mir einig. Nims von mir an, mein lieber Chri&#x017F;tian: du<lb/>
behandel&#x017F;t &#x017F;ie für kleine Symptomen ihres Temperaments zu hart &#x2014;<lb/>
nicht zu hart nach deinem Rechte, aber nach dem ihrigen. Dich recht-<lb/>
fertigt ganz ihr Schein, aber &#x017F;ie ihr Inneres. <hi rendition="#g">Die&#x017F;es</hi> hat &#x017F;o wenig<lb/>
mit <hi rendition="#g">jenem</hi> gemein, daß &#x017F;ie z. B. <hi rendition="#g">&#x017F;on&#x017F;t</hi> (denn <hi rendition="#g">jezt</hi> lieben viele ihrer<lb n="15"/>
vorigen Feinde &#x017F;ie von Herzen, Eine Feindin ausgenommen) nur<lb/>
&#x017F;tolz aus einem gekränkten Gefühle war, weil &#x017F;ie &#x017F;ich in jeder Ge&#x017F;el-<lb/>
&#x017F;chaft verachtet glaubte. Und die&#x017F;es glaubte &#x017F;ie, weil ihr Vater und<lb/>
ihr Hofmei&#x017F;ter ihr &#x017F;o oft &#x017F;agten, &#x017F;ie wäre &#x201E;dum und häslich&#x201C;, daß &#x017F;ie es<lb/>
&#x017F;elber glaubte, bis Wernlein der immer verkanten Seele ihre Rechte<lb n="20"/>
gab. In einem &#x017F;olchen &#x017F;arka&#x017F;ti&#x017F;chen Hau&#x017F;e, &#x2014; unter &#x017F;olchen pädago-<lb/>
gi&#x017F;chen Mishandlungen &#x2014; unter der Wiederholung der&#x017F;elben in<lb/>
Frankfurt beim Boshafte&#x017F;ten Weibe und bei de&#x017F;&#x017F;en dum&#x017F;ten Sohne &#x2014;<lb/>
konte nur das be&#x017F;te Herz nicht zum bitter&#x017F;ten werden. Du &#x017F;olte&#x017F;t ihre<lb/>
&#x017F;tille Ergebung in die väterliche Härte, ihre unbegreifliche Geduld mit<lb n="25"/>
der brüderlichen Giftmi&#x017F;cherei der An&#x017F;pielungen und Thaten be-<lb/>
merken, ihre häusliche mit der au&#x017F;&#x017F;erhäuslichen Ra&#x017F;chheit kontra-<lb/>
&#x017F;tierende Sanf[t]muth gegen die Mägde, die wenn &#x017F;ie fort &#x017F;ind über<lb/>
alle im Hau&#x017F;e klagen und &#x017F;ie ausnehmen und ihrentwegen die Stelle<lb/>
wieder &#x017F;uchen. Sie i&#x017F;t aus meiner Bekant&#x017F;chaft die einzige ihres Ge-<lb n="30"/>
&#x017F;chlechtes, der ich jedes Wort heilig glauben darf und die in den<lb/>
mislich&#x017F;ten Lagen zu keiner Wendung Zuflucht nimt als höch&#x017F;tens zum<lb/>
Schweigen. Eben die&#x017F;e &#x017F;tolze Unfähigkeit zur Ver&#x017F;tellung (aber kein<lb/>
Has, denn &#x017F;ie i&#x017F;t zu &#x017F;ehr in ihre &#x017F;anftern Träume einge&#x017F;enkt, um<lb/>
jemand, nicht einmal die <hi rendition="#aq">K.</hi> zu ha&#x017F;&#x017F;en) giebt neb&#x017F;t ihrem voreiligen<lb n="35"/>
Temperament ihrem Betragen gegen Per&#x017F;onen, die <hi rendition="#g">blos</hi> ein höf-<lb/>
liches verdienen, einen zu aufrichtigen An&#x017F;trich; aber wie wenig Has<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[2/0009] 3. An Chriſtian Otto in Hof. Schwarzenbach d. 13 Feb. 94. Mein guter Chriſtian, Mein Brief betrift die Amöne. Ich ſchreib ihn für, nicht wider ſie; aber mit einer Nieder- 5 geſchlagenheit, die mir den Unterſchied zwiſchen den Schilderungen der erdichteten und der wahren Leiden zeigt. Wenn du einige meinen Brief beſchlieſſende Stellen aus ihrem heurigen Tagebuch geleſen haſt (ſie führt ſeit einigen Jahren eines): ſo wird deine Wärme ſicher die meinige rechtfertigen. Beim — zweiten Durchleſen meines Briefes 10 biſt du mit mir einig. Nims von mir an, mein lieber Chriſtian: du behandelſt ſie für kleine Symptomen ihres Temperaments zu hart — nicht zu hart nach deinem Rechte, aber nach dem ihrigen. Dich recht- fertigt ganz ihr Schein, aber ſie ihr Inneres. Dieſes hat ſo wenig mit jenem gemein, daß ſie z. B. ſonſt (denn jezt lieben viele ihrer 15 vorigen Feinde ſie von Herzen, Eine Feindin ausgenommen) nur ſtolz aus einem gekränkten Gefühle war, weil ſie ſich in jeder Geſel- ſchaft verachtet glaubte. Und dieſes glaubte ſie, weil ihr Vater und ihr Hofmeiſter ihr ſo oft ſagten, ſie wäre „dum und häslich“, daß ſie es ſelber glaubte, bis Wernlein der immer verkanten Seele ihre Rechte 20 gab. In einem ſolchen ſarkaſtiſchen Hauſe, — unter ſolchen pädago- giſchen Mishandlungen — unter der Wiederholung derſelben in Frankfurt beim Boshafteſten Weibe und bei deſſen dumſten Sohne — konte nur das beſte Herz nicht zum bitterſten werden. Du ſolteſt ihre ſtille Ergebung in die väterliche Härte, ihre unbegreifliche Geduld mit 25 der brüderlichen Giftmiſcherei der Anſpielungen und Thaten be- merken, ihre häusliche mit der auſſerhäuslichen Raſchheit kontra- ſtierende Sanf[t]muth gegen die Mägde, die wenn ſie fort ſind über alle im Hauſe klagen und ſie ausnehmen und ihrentwegen die Stelle wieder ſuchen. Sie iſt aus meiner Bekantſchaft die einzige ihres Ge- 30 ſchlechtes, der ich jedes Wort heilig glauben darf und die in den mislichſten Lagen zu keiner Wendung Zuflucht nimt als höchſtens zum Schweigen. Eben dieſe ſtolze Unfähigkeit zur Verſtellung (aber kein Has, denn ſie iſt zu ſehr in ihre ſanftern Träume eingeſenkt, um jemand, nicht einmal die K. zu haſſen) giebt nebſt ihrem voreiligen 35 Temperament ihrem Betragen gegen Perſonen, die blos ein höf- liches verdienen, einen zu aufrichtigen Anſtrich; aber wie wenig Has [I, 432]

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T15:02:06Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T15:02:06Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe02_1958
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe02_1958/9
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 2. Berlin, 1958, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe02_1958/9>, abgerufen am 28.09.2020.