Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 2. Berlin, 1958.

Bild:
<< vorherige Seite

brochen werden kan, die Zurükkehr selber zu versperren. -- Ach du Gute,
wenn ich deine müde Seele martere so vergieb mirs -- ich lieb dich zu
sehr, Gute Gute.



Ich hab es wieder überlesen und solt' es kaum schicken. Meine Ge-
heimnisse sollen nicht dem Zufal blosstehen, daher geben Sie mir das5
Blat nach 8 Tagen wieder zurük: Ihnen bleibts ewig. Wenn auch auf
dieses wieder Stilschweigen Ihre Antwort ist: so ists keine gerechte.
Aber da ich das nicht fürchte: so wil ich meinen Bruder um 5 Uhr mit[25]
dem Reiszeug schicken, damit Sie ihm ein Blätgen als einen Wieder-
schein einer künftigen ruhigern Zeit mitgeben.10

43. An Christian Otto.

Mein lieber Christian,

Du siehst aus dem doppelten Datum meine Entschuldigung. Ich15
wolte deine Abhandlung mit einer begleiten -- und du siehst das
magere dünne Ding jezt. Las dir genügen an dem animus -- dis-
putandi,
mehr bring ich nicht.

Ich verschiebe das über Kants Prinzip, wozu mir deine 3te Seite
Anlas giebt, bis zulezt.20

(der Nenner bedeutet den Bogen, der Zähler die Seite) Aus der
Nothwendigkeit des Lebens zur Sitlichkeit kan man darum den Begrif
des Eigenthums nicht nehmen, weil Sitlichkeit nur die Bedingung
des Lebens ist, die nachher ohne ihren Schaden mit diesem wegfält
-- und weil du ja dein Leben der Sitlichkeit aufopferst, d. h. du opferst25
die positive Fortdauer der Sitlichkeit*) der negativen auf. Aus der
Nothwendigkeit der Glükseligkeit kanst du den Begrif ziehen; aber durch
eine Menge Mittelbegriffe, die darauf hinauskommen: das Eigen-
thum ist eine Schenkung eines höhern Wesens, das uns beglücken wil.
Da aber bei diesem wieder der Grund des Eigenthums anzuführen ist,30
der ist: "es ist sein, weil ers gemacht hat": so folgt, daß wir ausser dem
Geschenkten auch kein Eigenthum haben als unsere Geschöpfe: d. h.

*) Denn du must ohne Voraussezung eines 2ten Lebens lieber sterben (also keine
Tugenden mehr haben) als Laster haben.
3 Jean Paul Briefe. II.

brochen werden kan, die Zurükkehr ſelber zu verſperren. — Ach du Gute,
wenn ich deine müde Seele martere ſo vergieb mirs — ich lieb dich zu
ſehr, Gute Gute.



Ich hab es wieder überleſen und ſolt’ es kaum ſchicken. Meine Ge-
heimniſſe ſollen nicht dem Zufal blosſtehen, daher geben Sie mir das5
Blat nach 8 Tagen wieder zurük: Ihnen bleibts ewig. Wenn auch auf
dieſes wieder Stilſchweigen Ihre Antwort iſt: ſo iſts keine gerechte.
Aber da ich das nicht fürchte: ſo wil ich meinen Bruder um 5 Uhr mit[25]
dem Reiszeug ſchicken, damit Sie ihm ein Blätgen als einen Wieder-
ſchein einer künftigen ruhigern Zeit mitgeben.10

43. An Chriſtian Otto.

Mein lieber Chriſtian,

Du ſiehſt aus dem doppelten Datum meine Entſchuldigung. Ich15
wolte deine Abhandlung mit einer begleiten — und du ſiehſt das
magere dünne Ding jezt. Las dir genügen an dem animus — dis-
putandi,
mehr bring ich nicht.

Ich verſchiebe das über Kants Prinzip, wozu mir deine 3te Seite
Anlas giebt, bis zulezt.20

(der Nenner bedeutet den Bogen, der Zähler die Seite) Aus der
Nothwendigkeit des Lebens zur Sitlichkeit kan man darum den Begrif
des Eigenthums nicht nehmen, weil Sitlichkeit nur die Bedingung
des Lebens iſt, die nachher ohne ihren Schaden mit dieſem wegfält
— und weil du ja dein Leben der Sitlichkeit aufopferſt, d. h. du opferſt25
die poſitive Fortdauer der Sitlichkeit*) der negativen auf. Aus der
Nothwendigkeit der Glükſeligkeit kanſt du den Begrif ziehen; aber durch
eine Menge Mittelbegriffe, die darauf hinauskommen: das Eigen-
thum iſt eine Schenkung eines höhern Weſens, das uns beglücken wil.
Da aber bei dieſem wieder der Grund des Eigenthums anzuführen iſt,30
der iſt: „es iſt ſein, weil ers gemacht hat“: ſo folgt, daß wir auſſer dem
Geſchenkten auch kein Eigenthum haben als unſere Geſchöpfe: d. h.

*) Denn du muſt ohne Vorausſezung eines 2ten Lebens lieber ſterben (alſo keine
Tugenden mehr haben) als Laſter haben.
3 Jean Paul Briefe. II.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="letter" n="1">
        <p><pb facs="#f0042" n="33"/>
brochen werden kan, die Zurükkehr &#x017F;elber zu ver&#x017F;perren. &#x2014; Ach du Gute,<lb/>
wenn ich deine müde Seele martere &#x017F;o vergieb mirs &#x2014; ich lieb dich zu<lb/>
&#x017F;ehr, Gute Gute.</p><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <p>Ich hab es wieder überle&#x017F;en und &#x017F;olt&#x2019; es kaum &#x017F;chicken. Meine Ge-<lb/>
heimni&#x017F;&#x017F;e &#x017F;ollen nicht dem Zufal blos&#x017F;tehen, daher geben Sie mir das<lb n="5"/>
Blat nach 8 Tagen wieder zurük: Ihnen bleibts ewig. Wenn auch auf<lb/>
die&#x017F;es wieder Stil&#x017F;chweigen Ihre Antwort i&#x017F;t: &#x017F;o i&#x017F;ts keine gerechte.<lb/>
Aber da ich das nicht fürchte: &#x017F;o wil ich meinen Bruder um 5 Uhr mit<note place="right"><ref target="1922_Bd2_25">[25]</ref></note><lb/>
dem Reiszeug &#x017F;chicken, damit Sie ihm ein Blätgen als einen Wieder-<lb/>
&#x017F;chein einer künftigen ruhigern Zeit mitgeben.<lb n="10"/>
</p>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>43. An <hi rendition="#g">Chri&#x017F;tian Otto.</hi></head><lb/>
        <dateline> <hi rendition="#right">[Hof] d. 5 Nov. 94.<lb/>
d. 16 Nov. 94.</hi> </dateline><lb/>
        <opener>
          <salute> <hi rendition="#et">Mein lieber Chri&#x017F;tian,</hi> </salute>
        </opener><lb/>
        <p>Du &#x017F;ieh&#x017F;t aus dem doppelten Datum meine Ent&#x017F;chuldigung. Ich<lb n="15"/>
wolte deine Abhandlung mit einer begleiten &#x2014; und du &#x017F;ieh&#x017F;t das<lb/>
magere dünne Ding jezt. Las dir genügen an dem <hi rendition="#aq">animus &#x2014; dis-<lb/>
putandi,</hi> mehr bring ich nicht.</p><lb/>
        <p>Ich ver&#x017F;chiebe das über Kants Prinzip, wozu mir deine 3<hi rendition="#sup">te</hi> Seite<lb/>
Anlas giebt, bis zulezt.<lb n="20"/>
</p>
        <p><formula notation="TeX">\frac {7}{1}</formula> (der Nenner bedeutet den Bogen, der Zähler die Seite) Aus der<lb/>
Nothwendigkeit des Lebens zur Sitlichkeit kan man darum den Begrif<lb/>
des Eigenthums nicht nehmen, weil Sitlichkeit nur die Bedingung<lb/>
des Lebens i&#x017F;t, die nachher ohne ihren Schaden mit die&#x017F;em wegfält<lb/>
&#x2014; und weil du ja dein Leben der Sitlichkeit aufopfer&#x017F;t, d. h. du opfer&#x017F;t<lb n="25"/>
die po&#x017F;itive Fortdauer der Sitlichkeit<note place="foot" n="*)">Denn du mu&#x017F;t ohne Voraus&#x017F;ezung eines 2<hi rendition="#sup">ten</hi> Lebens lieber &#x017F;terben (al&#x017F;o keine<lb/>
Tugenden mehr haben) als La&#x017F;ter haben.</note> der negativen auf. Aus der<lb/>
Nothwendigkeit der Glük&#x017F;eligkeit kan&#x017F;t du den Begrif ziehen; aber durch<lb/>
eine Menge Mittelbegriffe, die darauf hinauskommen: das Eigen-<lb/>
thum i&#x017F;t eine Schenkung eines höhern We&#x017F;ens, das uns beglücken wil.<lb/>
Da aber bei die&#x017F;em wieder der Grund des Eigenthums anzuführen i&#x017F;t,<lb n="30"/>
der i&#x017F;t: &#x201E;es i&#x017F;t &#x017F;ein, weil ers gemacht hat&#x201C;: &#x017F;o folgt, daß wir au&#x017F;&#x017F;er dem<lb/><hi rendition="#g">Ge&#x017F;chenkten</hi> auch kein Eigenthum haben als un&#x017F;ere Ge&#x017F;chöpfe: d. h.<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">3 Jean Paul Briefe. <hi rendition="#aq">II.</hi></fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[33/0042] brochen werden kan, die Zurükkehr ſelber zu verſperren. — Ach du Gute, wenn ich deine müde Seele martere ſo vergieb mirs — ich lieb dich zu ſehr, Gute Gute. Ich hab es wieder überleſen und ſolt’ es kaum ſchicken. Meine Ge- heimniſſe ſollen nicht dem Zufal blosſtehen, daher geben Sie mir das 5 Blat nach 8 Tagen wieder zurük: Ihnen bleibts ewig. Wenn auch auf dieſes wieder Stilſchweigen Ihre Antwort iſt: ſo iſts keine gerechte. Aber da ich das nicht fürchte: ſo wil ich meinen Bruder um 5 Uhr mit dem Reiszeug ſchicken, damit Sie ihm ein Blätgen als einen Wieder- ſchein einer künftigen ruhigern Zeit mitgeben. 10 [25] 43. An Chriſtian Otto. [Hof] d. 5 Nov. 94. d. 16 Nov. 94. Mein lieber Chriſtian, Du ſiehſt aus dem doppelten Datum meine Entſchuldigung. Ich 15 wolte deine Abhandlung mit einer begleiten — und du ſiehſt das magere dünne Ding jezt. Las dir genügen an dem animus — dis- putandi, mehr bring ich nicht. Ich verſchiebe das über Kants Prinzip, wozu mir deine 3te Seite Anlas giebt, bis zulezt. 20 [FORMEL] (der Nenner bedeutet den Bogen, der Zähler die Seite) Aus der Nothwendigkeit des Lebens zur Sitlichkeit kan man darum den Begrif des Eigenthums nicht nehmen, weil Sitlichkeit nur die Bedingung des Lebens iſt, die nachher ohne ihren Schaden mit dieſem wegfält — und weil du ja dein Leben der Sitlichkeit aufopferſt, d. h. du opferſt 25 die poſitive Fortdauer der Sitlichkeit *) der negativen auf. Aus der Nothwendigkeit der Glükſeligkeit kanſt du den Begrif ziehen; aber durch eine Menge Mittelbegriffe, die darauf hinauskommen: das Eigen- thum iſt eine Schenkung eines höhern Weſens, das uns beglücken wil. Da aber bei dieſem wieder der Grund des Eigenthums anzuführen iſt, 30 der iſt: „es iſt ſein, weil ers gemacht hat“: ſo folgt, daß wir auſſer dem Geſchenkten auch kein Eigenthum haben als unſere Geſchöpfe: d. h. *) Denn du muſt ohne Vorausſezung eines 2ten Lebens lieber ſterben (alſo keine Tugenden mehr haben) als Laſter haben. 3 Jean Paul Briefe. II.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T15:02:06Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T15:02:06Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe02_1958
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe02_1958/42
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 2. Berlin, 1958, S. 33. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe02_1958/42>, abgerufen am 21.09.2020.