Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956.

Bild:
<< vorherige Seite
384. An Christian Otto.[366]

Lieber Otto

Deinem historischen Gleichnis verdank ich einen freudigen Morgen.
Jezt, da die Hize und Anziehungskraft eines glühenden Zepters immer5
tiefer auf uns niedersinkt, bekömt das Bild der Freiheit, das man seit
Jahren im Kopfe abnuzte und das aus der Geliebten zur Ehehälfte
wurde, neues Interesse durch seine Bestürmung; und die Freiheit wird
uns durch alles lieber, was wir von ihr verlieren. Man solte die
Tugend verbieten, damit man sie suchte.10

Dieser Aufsaz ist von allen kleinen Sommerflecken deiner vorigen
gänzlich frei: ich weiß nicht, hat der Gegenstand oder dein Studium
des zusammengepresten Engländers oder das mehrere Schreiben die
fremden Bestandtheile, die oft den besten Spiritus der Autoren
trüben, niedergeschlagen. Unsere Schriftsteller haben sich von den15
2 La Bonne'n und Gouvernanten der deutschen Sprache, (der römi-
schen und griechischen, die unsre reden lehrten) auch die Weitschweifig-
keit derselben angewöhnt; daher die grossen Freunde und Leser der
Alten auch so weitschweifig reden wie die Alten im antiquarischen und
physiologischen Sinne (z. B. die Engländer, diese Freunde der Alten:20
die Franzosen auf der andern Seite, die wahren Antipoden derselben).
Ich habe also an deinem Aufsaz schlechterdings nichts zu rügen, sein
Ton übertrift die Kürze und Deutlichkeit und Lebhaftigkeit aller
deiner vorigen völlig: blos 1 Ort bezeichnete ich mit einem Todten-
kreuz, wo man dich zwar versteht, aber nur mit einem neuen Sprung,25
der einen aus dem ruhigen Gange stöhrt. -- Was mir am meisten
gefiel, strich ich am äussersten Rande ein wenig an; obgleich alle
Revoluzionen miteinander gemeinschaftliche Aehnlichkeiten haben: so
haben diese 2 doch so ausschliessende, so auffallende, daß die Wahrheit
oft (wie z. B. bei Augustiner Mönch und Adel etc.) zum Wize wird. --30
Schicke den Aufsaz jezt, wo er das meiste Interesse und den meisten
Nuzen hat und ehe dein Gedanke in einem anderen Kopfe auffliegt, in
ein Journal ein. -- Freilich wird die Druckerpresse einige deiner
Wahrheiten mehr zusammendrucken (z. B. du müstest die Kontra-
minen der Hierarchie auf dem vor-vorlezten Blatte so beziehend als35
möglich schildern, aber die des Thrones auslassen, ein Paar nicht-[367]
deutsche Züge ausgenommen. --

384. An Chriſtian Otto.[366]

Lieber Otto

Deinem hiſtoriſchen Gleichnis verdank ich einen freudigen Morgen.
Jezt, da die Hize und Anziehungskraft eines glühenden Zepters immer5
tiefer auf uns niederſinkt, bekömt das Bild der Freiheit, das man ſeit
Jahren im Kopfe abnuzte und das aus der Geliebten zur Ehehälfte
wurde, neues Intereſſe durch ſeine Beſtürmung; und die Freiheit wird
uns durch alles lieber, was wir von ihr verlieren. Man ſolte die
Tugend verbieten, damit man ſie ſuchte.10

Dieſer Aufſaz iſt von allen kleinen Sommerflecken deiner vorigen
gänzlich frei: ich weiß nicht, hat der Gegenſtand oder dein Studium
des zuſammengepreſten Engländers oder das mehrere Schreiben die
fremden Beſtandtheile, die oft den beſten Spiritus der Autoren
trüben, niedergeſchlagen. Unſere Schriftſteller haben ſich von den15
2 La Bonne’n und Gouvernanten der deutſchen Sprache, (der römi-
ſchen und griechiſchen, die unſre reden lehrten) auch die Weitſchweifig-
keit derſelben angewöhnt; daher die groſſen Freunde und Leſer der
Alten auch ſo weitſchweifig reden wie die Alten im antiquariſchen und
phyſiologiſchen Sinne (z. B. die Engländer, dieſe Freunde der Alten:20
die Franzoſen auf der andern Seite, die wahren Antipoden derſelben).
Ich habe alſo an deinem Aufſaz ſchlechterdings nichts zu rügen, ſein
Ton übertrift die Kürze und Deutlichkeit und Lebhaftigkeit aller
deiner vorigen völlig: blos 1 Ort bezeichnete ich mit einem Todten-
kreuz, wo man dich zwar verſteht, aber nur mit einem neuen Sprung,25
der einen aus dem ruhigen Gange ſtöhrt. — Was mir am meiſten
gefiel, ſtrich ich am äuſſerſten Rande ein wenig an; obgleich alle
Revoluzionen miteinander gemeinſchaftliche Aehnlichkeiten haben: ſo
haben dieſe 2 doch ſo ausſchlieſſende, ſo auffallende, daß die Wahrheit
oft (wie z. B. bei Auguſtiner Mönch und Adel ꝛc.) zum Wize wird. —30
Schicke den Aufſaz jezt, wo er das meiſte Intereſſe und den meiſten
Nuzen hat und ehe dein Gedanke in einem anderen Kopfe auffliegt, in
ein Journal ein. — Freilich wird die Druckerpreſſe einige deiner
Wahrheiten mehr zuſammendrucken (z. B. du müſteſt die Kontra-
minen der Hierarchie auf dem vor-vorlezten Blatte ſo beziehend als35
möglich ſchildern, aber die des Thrones auslaſſen, ein Paar nicht-[367]
deutſche Züge ausgenommen. —

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0373" n="347"/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>384. An <hi rendition="#g">Chri&#x017F;tian Otto.</hi><note place="right"><ref target="1922_Bd#_366">[366]</ref></note></head><lb/>
        <dateline> <hi rendition="#right"><metamark>[</metamark>Schwarzenbach<metamark>]</metamark> den 11 März 92 <metamark>[</metamark>Sonntag<metamark>]</metamark>.</hi> </dateline><lb/>
        <opener>
          <salute> <hi rendition="#et">Lieber Otto</hi> </salute>
        </opener><lb/>
        <p>Deinem hi&#x017F;tori&#x017F;chen Gleichnis verdank ich einen freudigen Morgen.<lb/>
Jezt, da die Hize und Anziehungskraft eines glühenden Zepters immer<lb n="5"/>
tiefer auf uns nieder&#x017F;inkt, bekömt das Bild der Freiheit, das man &#x017F;eit<lb/>
Jahren im Kopfe abnuzte und das aus der Geliebten zur Ehehälfte<lb/>
wurde, neues Intere&#x017F;&#x017F;e durch &#x017F;eine Be&#x017F;türmung; und die Freiheit wird<lb/>
uns durch alles lieber, was wir von ihr verlieren. Man &#x017F;olte die<lb/>
Tugend verbieten, damit man &#x017F;ie &#x017F;uchte.<lb n="10"/>
</p>
        <p>Die&#x017F;er Auf&#x017F;az i&#x017F;t von allen kleinen Sommerflecken deiner vorigen<lb/><hi rendition="#g">gänzlich</hi> frei: ich weiß nicht, hat der Gegen&#x017F;tand oder dein Studium<lb/>
des zu&#x017F;ammengepre&#x017F;ten Engländers oder das mehrere Schreiben die<lb/>
fremden Be&#x017F;tandtheile, die oft den be&#x017F;ten Spiritus der Autoren<lb/>
trüben, niederge&#x017F;chlagen. Un&#x017F;ere Schrift&#x017F;teller haben &#x017F;ich von den<lb n="15"/>
2 <hi rendition="#aq">La Bonne&#x2019;n</hi> und Gouvernanten der deut&#x017F;chen Sprache, (der römi-<lb/>
&#x017F;chen und griechi&#x017F;chen, die un&#x017F;re reden lehrten) auch die Weit&#x017F;chweifig-<lb/>
keit der&#x017F;elben angewöhnt; daher die gro&#x017F;&#x017F;en Freunde und Le&#x017F;er der<lb/>
Alten auch &#x017F;o weit&#x017F;chweifig reden wie die Alten im antiquari&#x017F;chen und<lb/>
phy&#x017F;iologi&#x017F;chen Sinne (z. B. die Engländer, die&#x017F;e Freunde der Alten:<lb n="20"/>
die Franzo&#x017F;en auf der andern Seite, die wahren Antipoden der&#x017F;elben).<lb/>
Ich habe al&#x017F;o an deinem Auf&#x017F;az &#x017F;chlechterdings nichts zu rügen, &#x017F;ein<lb/>
Ton übertrift die <hi rendition="#g">Kürze</hi> und <hi rendition="#g">Deutlichkeit</hi> und <hi rendition="#g">Lebhaftigkeit</hi> aller<lb/>
deiner vorigen völlig: blos 1 Ort bezeichnete ich mit einem Todten-<lb/>
kreuz, wo man dich zwar ver&#x017F;teht, aber nur mit einem neuen Sprung,<lb n="25"/>
der einen aus dem ruhigen Gange &#x017F;töhrt. &#x2014; Was mir am mei&#x017F;ten<lb/>
gefiel, &#x017F;trich ich am äu&#x017F;&#x017F;er&#x017F;ten Rande ein wenig an; obgleich <hi rendition="#g">alle</hi><lb/>
Revoluzionen miteinander gemein&#x017F;chaftliche Aehnlichkeiten haben: &#x017F;o<lb/>
haben die&#x017F;e 2 doch &#x017F;o aus&#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;ende, &#x017F;o auffallende, daß die Wahrheit<lb/>
oft (wie z. B. bei Augu&#x017F;tiner Mönch und Adel &#xA75B;c.) zum Wize wird. &#x2014;<lb n="30"/>
Schicke den Auf&#x017F;az jezt, wo er das mei&#x017F;te Intere&#x017F;&#x017F;e und den mei&#x017F;ten<lb/>
Nuzen hat und ehe dein Gedanke in einem anderen Kopfe auffliegt, in<lb/>
ein Journal ein. &#x2014; Freilich wird die Druckerpre&#x017F;&#x017F;e einige deiner<lb/>
Wahrheiten mehr zu&#x017F;ammendrucken (z. B. du mü&#x017F;te&#x017F;t die Kontra-<lb/>
minen der Hierarchie auf dem vor-vorlezten Blatte &#x017F;o beziehend als<lb n="35"/>
möglich &#x017F;childern, aber die des Thrones ausla&#x017F;&#x017F;en, ein Paar nicht-<note place="right"><ref target="1922_Bd#_367">[367]</ref></note><lb/>
deut&#x017F;che Züge ausgenommen. &#x2014;</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[347/0373] 384. An Chriſtian Otto. [Schwarzenbach] den 11 März 92 [Sonntag]. Lieber Otto Deinem hiſtoriſchen Gleichnis verdank ich einen freudigen Morgen. Jezt, da die Hize und Anziehungskraft eines glühenden Zepters immer 5 tiefer auf uns niederſinkt, bekömt das Bild der Freiheit, das man ſeit Jahren im Kopfe abnuzte und das aus der Geliebten zur Ehehälfte wurde, neues Intereſſe durch ſeine Beſtürmung; und die Freiheit wird uns durch alles lieber, was wir von ihr verlieren. Man ſolte die Tugend verbieten, damit man ſie ſuchte. 10 Dieſer Aufſaz iſt von allen kleinen Sommerflecken deiner vorigen gänzlich frei: ich weiß nicht, hat der Gegenſtand oder dein Studium des zuſammengepreſten Engländers oder das mehrere Schreiben die fremden Beſtandtheile, die oft den beſten Spiritus der Autoren trüben, niedergeſchlagen. Unſere Schriftſteller haben ſich von den 15 2 La Bonne’n und Gouvernanten der deutſchen Sprache, (der römi- ſchen und griechiſchen, die unſre reden lehrten) auch die Weitſchweifig- keit derſelben angewöhnt; daher die groſſen Freunde und Leſer der Alten auch ſo weitſchweifig reden wie die Alten im antiquariſchen und phyſiologiſchen Sinne (z. B. die Engländer, dieſe Freunde der Alten: 20 die Franzoſen auf der andern Seite, die wahren Antipoden derſelben). Ich habe alſo an deinem Aufſaz ſchlechterdings nichts zu rügen, ſein Ton übertrift die Kürze und Deutlichkeit und Lebhaftigkeit aller deiner vorigen völlig: blos 1 Ort bezeichnete ich mit einem Todten- kreuz, wo man dich zwar verſteht, aber nur mit einem neuen Sprung, 25 der einen aus dem ruhigen Gange ſtöhrt. — Was mir am meiſten gefiel, ſtrich ich am äuſſerſten Rande ein wenig an; obgleich alle Revoluzionen miteinander gemeinſchaftliche Aehnlichkeiten haben: ſo haben dieſe 2 doch ſo ausſchlieſſende, ſo auffallende, daß die Wahrheit oft (wie z. B. bei Auguſtiner Mönch und Adel ꝛc.) zum Wize wird. — 30 Schicke den Aufſaz jezt, wo er das meiſte Intereſſe und den meiſten Nuzen hat und ehe dein Gedanke in einem anderen Kopfe auffliegt, in ein Journal ein. — Freilich wird die Druckerpreſſe einige deiner Wahrheiten mehr zuſammendrucken (z. B. du müſteſt die Kontra- minen der Hierarchie auf dem vor-vorlezten Blatte ſo beziehend als 35 möglich ſchildern, aber die des Thrones auslaſſen, ein Paar nicht- deutſche Züge ausgenommen. — [367]

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T14:52:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T14:52:17Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/373
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956, S. 347. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/373>, abgerufen am 28.09.2020.